Guideline

Check-up

Erstellt von: Corinne Chmiel, Felix Huber, Uwe Beise Zuletzt revidiert: 05/2024 Zuletzt aktualisiert: 05/2024

Impfungen für Kinder und Jugendliche

Für PatientInnen

Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in unseren Gesundheitsdossiers.

Aktualisierung 09/2026

  • Die Guideline wurde durchgesehen und auf Aktualität geprüft und mit den aktualisierten evidenzbasierten Präventionsempfehlungen unter anderem von EviPrev abgeglichen.

 

Vorbemerkung
Eine systematische Review (1) hat gezeigt, dass die Akzeptanz und Nutzung von Vorsorgeuntersuchungen in der Bevölkerung durch das Angebot von Check-ups zugenommen hat. Viele gesunde, aber um ihre Gesundheit besorgte Personen befürworten Check-ups und nehmen sie in Anspruch. Allerdings sollen wie jedes medizinische Angebot auch Check-up-Untersuchungen auf ihren Nutzen und Schaden geprüft, hinterfragt und die Patienten entsprechend beraten werden (2).

1. Check-up-Liste im Überblick bei asymptomatischen Personen

Untersuchung
(inklusive Links zu entsprechenden mediX Guidelines)

Wer?
(inklusive Links zu Patienteninformationen)

Ab wann?

Wie oft?

Screening/Beratung verhaltensbedingte Risikofaktoren

Tabak

Alle

→ Rauchabstinenz: Tabak | PEPra, Entscheidungshilfen zum Tabakstopp (BIHAM)

Ab Jugendalter

Individuell beim Check-up oder im Rahmen einer Konsultation bei möglichem Risikoverhalten/Exposition

Alkohol und

Drogenkonsum

Alle

→ PEPra

Ab Jugendalter

Körperliche Aktivität

BMI > 25 kg/m2 und 1 kv RF

→ mediX Gesundheitsdossier Bewegung

Ab Jugendalter

Ernährung

BMI > 25 kg/m2 und 1 kv RF

→ mediX Gesundheitsdossier Ernährung

Ab Jugendalter

Sexualverhalten

→ mediX GL STI

Risikopersonen

Ab Jugendalter

Psychisches Wohlbefinden, Depression, Angst

→ mediX GL Depression, Angststörungen, Körper-Stress-Syndrom

Risikofaktoren/Warnsignale

Ab Kindes-/Jugendalter

Häusliche Gewalt

Risikofaktoren/Warnsignale

→ Opferhilfe Schweiz

Ab Kindes-/Jugendalter

Sonnenexposition

→ mediX GL Dermatologie

Säuglinge, Kinder, Jugendliche bzw. deren Eltern (Beratung UV-Exposition)

Ab Kindesalter

Screening bei Migranten

→ mediX GL Migrationsmedizin

 

Ab Kindesalter

Screening kardiovaskulär

Abdominales Aortenaneurysma (AAA)

(Sonographie)
→ mediX GL Abdominales Aortenaneurysma

Männer mit Risikofaktoren

  • Raucher (Ex-Raucher)
  • Schwere Gefässkrankheit (z. B. PAVK, KHK)
  • Ev. Frauen, die rauchen

65–75 J.

Einmalig

Männer und Frauen mit fam. AAA-Anamnese

50–55 J.

Einmalig

Blutdruckmessung

→ mediX GL Hypertonie

Alle Männer und Frauen

Ab 18 J.

Ab 40 J.

Alle 3–5 J.

Jährlich

Mit Risikofaktoren und hochnormalem BD

Ab Diagnose des RF bzw. des hochnormalen BD

Jährlich

Bei Schwangeren

Ab Schwangerschaft

Bei jeder Visite

BMI (und Bauchumfang)

→ mediX GL Adipositas

Alle Männer und Frauen

wenn andere kv RF vorhanden sind und/oder eine Gewichtsreduktion beabsichtigt ist

→ mediX Gesundheitsdossier Bewegung

→ mediX Gesundheitsdossier Ernährung

Ab 18 J.

Bei kardiovaskulärem Check-up oder in kürzeren Intervallen bei gezielter Gewichtsabnahme

Cholesterin

(Gesamt-C, HDL, LDL, TG)

→ mediX GL Hyperlipidämie

Männer und Frauen im Rahmen der Ermittlung des kv Gesamtrisikos

Männer > 40 J.

Frauen > 50 J. oder postmenopausal

Je nach kv Risiko

Geringes Risiko nach 10 Jahren
Intermediäres Risiko
alle 2–5 Jahre

Diabetes
(HbA1c)

→ mediX GL Diabetes

Männer und Frauen ohne Übergewicht oder kv RF1

Ab 40 J.

Alle 3 Jahre bis 70

Asymptomatische Erwachsene, die adipös/übergewichtig sind ohne sonstige kv. RF 1

Ab 35 J.

Alle 3 Jahre

(bis 70 J., je nach RF1 ev. Länger)

Mit kv. RF1

Ab Feststellung

Alle 1–3 Jahre je nach RF1

Nicht indizierte kv Screeninguntersuchungen sind

Ruhe-EKG, Belastungs-EKG, ErgometrieCarotis-Duplex-SonographieHerz-CT „Calcium Score“ → Siehe auch mediX GL Unnötige Diagnostik und Therapie

Krebs-Screening

Darmkrebs

(okkultes Blut)

Nur den quantitativen immunologischen Stuhltest verwenden
(OC Sensor)

Männern und Frauen,

wenn Bereitschaft zur Koloskopie bei positivem Befund vorhanden ist

Ab 50 J.

Alle 2 Jahre (bis 75 J)

Darmkrebs

(Koloskopie)

Männer und Frauen

Ab 50 J.

Wiederholung nach 10–15 Jahren bei unauffälligem Befund (bis 75 J.)

Risikopatienten

Mind. 1 direkter Verwandter mit kolorekt. Ca oder Adenom, wenn im Alter < 60 J. diagnostiziert

Ab 40 J. (bzw. 10 Jahre vor dem Erkrankungsalter des Verwandten)

Alle 5 Jahre (bis 75 J.)

Hereditäre Kolorektalkarzinome in der Familie (FAP, Lynch-Syndrom)

Risikostratifiziert je nach molekulargenetischer Diagnostik

Individuell

Colitis ulcerosa, M. Crohn

Nach ca. 8–10 J. Krankheitsdauer

Alle 1–3 Jahre je nach Entzündungsgrad und Lokalisation

Hautkrebs

Keine Empfehlung aufgrund ungenügender Evidenz, Selbstbeobachtung; Personen mit > 100 Nävi und familiäre Melanomanamnese wird Kontrolle empfohlen; Intervalle abhängig von den individuellen Befunden

Lungenkarzinom

(Low dose-CT)

Risikopersonen (Raucher, Ex-Raucher)

Keine grundsätzliche Empfehlung (individuell nach Aufklärung über Nutzen und Risiken)

Nur im Rahmen von organisierten Programmen (z. Zt. noch nicht etabliert und nicht vergütet)

→ Patienteninformation Lungenkrebsvorsorge

Ab 55 J. (nur nach SDM)

Noch nicht festgelegt

Mammakarzinom

(Mammographie-Screening)

Bei Frauen ohne RF

Keine grundsätzliche Empfehlung (individuell nach Aufklärung über Nutzen und Risiken gemäss unserem Gesundheitsdossier)
→ Harding Faktenbox, EviPrev-Empfehlungen und Entscheidungshilfen | PEPra

Ab 50 J.
(nur nach SDM)

Alle 2 Jahre

(bis 74 J. oder Lebenserwartung mind. 10 Jahre)

Bei erhöhtem Risiko (fam. Häufung)

Ab 40 J. (individuell)

Jährlich

(Bis 74 J. oder Lebenserwartung mind. 10 Jahre)

Bei bekanntem Brustkrebsgen (BRCA1/BRCA2)

Ab 25-30 J.

Jährlich
(individuell bis 75 J. oder Lebenserwartung mind. 10 Jahre))

Prostatakarzinom

(PSA-Bestimmung)

Männer ohne RF

Keine allgemeine Empfehlung (individuell auf Wunsch – nur nach Aufklärung über Nutzen und Risiken)

→ Harding Faktenbox, Infografik des UK National Screening Committee

Ab 50 J.

Individuell

(solange eine Lebenserwartung von mind. 10 J. besteht)

Männer mit familiärer Belastung: 1 direkter Verwandter < 65 J.an relevantem Karzinom erkrankt, oder mehrere erstgradig Verwandte an relevantem Karzinom erkrankt (unabh. v. Alter)

Männer mit Abstammung aus Subsahara-Region

Ab 45 J. bzw. 10 J. vor dem Zeitpunkt der Diagnose beim Verwandten

Individuell

(solange Lebenserwartung mind. 10 Jahre beträgt)

 

Hereditäres Hochrisiko (BRCA2)

Ab 40 J.

Jährlich (solange Lebenserwartung mind. 10 Jahre beträgt)

Zervixkarzinom

(Pap-Abstrich und/oder HPV-Test)

Sexuell aktive Frauen

Pap-Abstrich: Ab 21 J.

Alle 3 Jahre (bis 70. Lebensjahr)

HPV-Test: Ab 30 J.
(alternativ zu Pap-Abstrich)
Beachte: Kosten HPV-Test nicht von Grundversicherung übernommen

Alle 5 Jahre (bis 70. Lebensjahr)

Alternativ bei HPV-geimpften Frauen (lt. Europ. GL):
HPV-Test im Alter 25-30 J.

Beachte: Kosten HPV-Test nicht von Grundversicherung übernommen)

Alle (5)–10 Jahre
Pap-Abstrich nur bei pos. HPV-Test

Kein Krebs-Screening auf

Pankreas-Ca, Magen-/Ösophagus-Ca, Nieren-/Blasen-Ca, Lymphome, SchilddrüseOvarial-Ca (Ausnahme: Genetisches/familiäres Risiko (BCAR1/2, HBOC-Kriterien), Lynch-Syndrom

Andere Erkrankungen

Glaukom
(beim Augenarzt)

→ mediX GL Augenkrankheiten in der Hausarztpraxis

Männer und Frauen ohne RF

Ab 45–50 J.

Alle 5 Jahre (bis 70 J.)

Risikopatienten:

Positive Familienanamnese

Okuläre Hypertension
(> 21 mmHg)

Myopie (> – 2 dpt)

Hyperopie (> + 3 dpt)

Längerfristige Steroidtherapie

Internistische Erkrankungen: Obstruktive Schlafapnoe, anhaltende arterielle Hypotonie (< 90/60 mmHg)

Ab 30 J.

Individuell

Impfungen und spezifisch Hepatitis B und C

→ mediX GL Hepatologie und FS Impfungen und BAG-Impfplan

Impfstatus überprüfen

Risikopersonen2

Ab Erstkontakt

Individuell nach Risikoverhalten

Osteoporose

(FRAX® Score +/-Densitometrie)

–> mediX GL Osteoporose

Kein allgemeines Screening empfohlen

Frauen: Osteodensitometrie nur indiziert bei spezifischer Risikokonstellation nach altersadaptiertem 10-Jahres-Frakturrisiko gemäss FRAX®

–> mediX Gesundheitsdossier Osteoporose

Ab 65 J.

Individuell

Bei asymptomatischen Personen sind Screenings auf folgende Erkrankungen aktuell ohne hinreichenden Nutzenbeleg

Schilddrüsenfunktionsstörungen, Schlafapnoe, Zöliakie, Vitamin D-Mangel, Seh- und Hörbeeinträchtigung, kognitive Störungen im Alter

Folgende Screeninguntersuchungen sind nicht indiziert

Ultraschall Abdomen (ausser Screening Bauchaortenaneurysma)Lungenfunktionsprüfung (ausser zur Stärkung der Nikotinstoppmotivation)

Legenden

1 Kardiovaskuläre Risikofaktoren

HypertonieDyslipidämieBMI > 27 kg/m2, ev. > 23 kg/m2 bei asiatischer Herkunft,BMI < 18,5 kg/m2HbA1c > 6,0 in der AnamnesePos. FamilienanamneseStatus nach Gestationsdiabetes oder Geburtsgewicht eines Kindes > 4’100 gBekanntes Polyendokrines metabolisches Ovarsyndrom (PMOS)

2 Risikopatienten Hepatitis B/C

  • Aktueller Drogenkonsum
  • Promiskuität und MSM
  • Patienten Tattoos und Piercings, die nicht steril angebracht wurden
  • HIV-positive Personen
  • (Ehemalige) Gefängnisinsassen
  • Patienten mit medizinischen Eingriffen in Ländern mit eingeschränkter Hygiene
  • Personen aus hochendemischen Ländern (Asien, Afrika, Osteuropa)
  • Schwangere (nicht per se Risikopersonen, aber 1 x Screening auf Hep B empfohlen)
  • Männer und Frauen im Geburtenjahrgang 1950–1985, besonders Erstgeneration-Immigranten aus Italien und Spanien (nur Hep C)
  • Empfänger von Blutprodukten vor 1992 (nur Hep C)

Abkürzungen: RF= Risikofaktoren, SDM = Shared decision making

2. Allgemeines

2.1. Was ist Check-up?

  • Unter Check-up versteht man eine periodische Allgemeinuntersuchung bei Menschen, die sich gesund fühlen, weil sie keinerlei Beschwerden und Symptome haben. Damit ist der Check-up für subjektiv Gesunde eine Vorsorgeuntersuchung, bei der es vor allem um die Früherkennung bislang symptomloser Krankheiten geht
  • Screening-Tests können Bestandteil des Check-ups sein. Hierbei geht es darum, mittels spezifischer Tests bei Personen mit bestimmten Risikomerkmalen eine entsprechende Abklärung vorzunehmen (57) Zum Check-up gehören die Anamnese, klinische Untersuchungen, Laboruntersuchungen und andere apparative Untersuchungen. Welche Abklärungen vorgenommen werden, hängt u. a. von der persönlichen Anamnese, der familiären Belastung und den individuellen Risikofaktoren ab: Das Grundprogramm ist je nach Risikokonstellation zu ergänzen (siehe Check-up-Liste in Kap.1 und nachfolgende Kapitel).

2.2. Sicht des Patienten

  • Asymptomatische Personen, die mit dem Wunsch eines Check-ups in die Sprechstunde kommen, suchen Bestätigung, dass sie gesund sind. Die Patienten haben oft eine besondere Motivation für den Check-up. Wer sich regelmässig einem Check-up unterzieht, glaubt durchaus, dass er etwas für seine Gesundheit tut (2), vor allem bei apparativen Untersuchungen (3)
  • Viele Patienten erwarten den Einsatz moderner Medizintechnik beim Check-up (4). Doch nur bei wenigen ist allein die Evaluierung der Gesundheit das Motiv für ihre Teilnahme (5). Die meisten Patienten verbinden damit andere Ziele und Erwartungen als der Arzt (6). Die eigentlichen Motive bleiben unausgesprochen, solange nicht danach gefragt wird („hidden agenda“) (7). Häufige Gründe für den Check-up sind Angststörungen, Vorsorgewünsche infolge schwerer Erkrankung naher Angehöriger, das Bedürfnis nach einem HIV-Test – oder eben konkrete Beschwerden, die jedoch erst bei Nachfrage artikuliert werden.

mediX empfiehlt

  • Im Rahmen der Anamnese sollte als erstes eine „hidden agenda“ ausgeschlossen bzw. eruiert werden.

2.3. Lifestyle-Beratung

3. Vorsorgeuntersuchungen zur Erkennung kardiovaskulärer Risikofaktoren/Erkrankungen

3.1. Blutdruckmessung

Hintergrund

  • Hypertonie zählt (nach Rauchen) zu den wichtigsten kardiovaskulären Risikofaktoren. Eine effektive Therapie der Hypertonie bedeutet eine präventive Intervention, mit der kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität deutlich gesenkt werden können).
  • Siehe auch mediX GL-Hypertonie

mediX empfiehlt

  • Die BD-Messung wird als Hypertonie-Screening bei allen Erwachsenen zwischen 18 und 40 J. im Abstand von 3 bis 5 Jahren empfohlen, bei vorhandenen Risikofaktoren (v. a. Adipositas) und generell ab 40 J. jährliche BD-Kontrollen (wenn dies nicht in Heimmessung geschieht) (→ USPSTF)
  • BD-Messung in der Schwangerschaft bei jeder Kontrolluntersuchung.

3.2. Ermittlung von BMI/Bauchumfang

Hintergrund

  • Untergewichtige (BMI < 20) haben ein höheres Sterblichkeitsrisiko als Übergewichtige (57)
  • Die regelmässige Kontrolle von Grösse und Gewicht und die Berechnung des BMI wird von der USPSTF (U.S. Preventive Services Task Force) bei Adipositas (BMI > 30 kg/m2) vorgeschlagen – aber nur zusammen mit einer Beratung zur Gewichtsabnahme (8)
  • Auch geringe bzw. vorübergehende Gewichtsabnahme kann positive Effekte zeitigen (55)
  • Gewichtsabnahme bei Adipositas kann auch einen günstigen Einfluss auf andere kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Hyperlipidämie, Hypertonie und Blutzuckereinstellung bei Typ-2-Diabetes haben – und damit auf den Gesundheitszustand des adipösen Patienten.

Hinweis

  • Der BMI ist nur ein sehr grobes Mass der Körperfettmasse mit einem Korrelationsquotienten zwischen 0,4 und 0,7. Der BMI allein ist bei Übergewichtigen (25–29,9 kg/m²) kein guter Indikator des gesundheitlichen Risikos und rechtfertigt allein keine Empfehlung zur Gewichtsreduktion. Stets sollten begleitende Risikofaktoren einbezogen und die Behandlungsindikation vom Gesamtrisiko abhängig gemacht werden (9).

Beachte

  • Übergewichtige haben für einige Erkrankungen ein erhöhtes, für andere ein vermindertes oder unverändertes Risiko (10)
  • Der Taillenumfang hat in der BMI-Kategorie 25–29,9 kg/m² einen höheren Aussagewert für das metabolische und kardiovaskuläre Risiko als der BMI (9).

mediX empfiehlt

  • Der BMI soll bei Adipösen gemessen werden, wenn andere kv Risikofaktoren bestehen und/oder eine Gewichtsreduktion beabsichtigt ist, und anschliessend in einem mit dem Patienten vereinbarten Vorgehen (z. B. 1 kg/Monat abnehmen bzw. sich mehr bewegen) kontrolliert werden (→ mediX GL Adipositas).

3.3. Cholesterinmessung

Hintergrund

  • Chronisch relevant erhöhtes Blutcholesterin ist ein Risikofaktor kardiovaskuläre Erkrankungen. In Abhängigkeit vom individuellen Risiko in Kombination mit anderen Risikofaktoren kann die cholesterinsenkende Therapie mit Statinen die Zahl kardiovaskulärer Ereignisse senken
  • Cholesterin sollte nur in der Zusammenschau aller vorhandenen kv Risikofaktoren beurteilt werden: Nikotinabusus, Arterielle Hypertonie, Adipositas, Diabetes mellitus, Positive Familienanamnese für vorzeitige kv Erkrankungen, St. n. Gestationsdiabetes oder Geburtsgewicht des Kinders > 4,1 kg, Polyendokrines metabolisches Ovarsyndrom (PMOS, ehemals PCOS).

mediX empfiehlt

  • Gesamt-C, HDL-C, LDL-C, Triglyzeride sollen bestimmt werden
  • Bei asymptomatischen Männern > 40 Jahre und Frauen > 50 Jahre (postmenopausal) nur im Rahmen der Gesamterhebung aller kv Risikofaktoren, falls bis zu dem Zeitpunkt noch keine Lipide gemessen wurden
  • Anschliessend kv Risikoabklärung alle 10 Jahre bei niedrigem kv Risiko, alle 2–5 Jahre bei intermediärem kv Risiko (siehe Check-up-Liste im Überblick)
  • Bei Vorliegen anderer kv. Risikofaktoren oder bei familiär gehäuften/vorzeitigen kv Erkrankungen erfolgt die Bestimmung der Lipidparameter unabhängig vom Alter.
  • Die bevölkerungsweite einmalige Messung von Lp(a) empfehlen wir nicht. Lp(a)-Bestimmung ist aber sinnvoll bei Personen mit familiärer Häufung oder frühzeitigem Auftreten von Herz-Kreislauf-Krankheiten oder bei fam. Hypercholesterinämie (63)
  • Bei Personen > 75 Jahre sollte kein Screening mehr durchgeführt werden.
  • Einzelheiten siehe mediX GL Hyperlipidämie

3.4. Blutzuckerbestimmung

Hintergrund

  • 3–4 % der Schweizer Bevölkerung leiden an Typ-2-Diabetes. Die Krankheit durchläuft eine lange präklinische Phase und wird deshalb oft erst recht spät bemerkt
  • Eine gute frühzeitige Blutzucker (BZ)-Einstellung kann das Auftreten mikrovaskulärer Spätschäden verzögern oder gar verhindern (96)
  • Der Nutzen eines BZ-Screenings wurde inzwischen bei Patienten mit Übergewicht/Adipositas sowie Patienten mit Risikofaktoren (s. u.) nachgewiesen (11, 42, 97)
  • Für normalgewichtige Personen ohne RF liegt bislang kein eindeutiger Nutzennachweis vor (42).

mediX empfiehlt

  • Diabetes-Screening bei allen Personen ab 40 J. alle drei Jahre
  • In Entsprechung zur US Preventive Services Task Force – Screening auf (Prä-)diabetes bei allen übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen im Alter zwischen 35 und 70 Jahre (alle 3 Jahre)
  • Bei Patienten mit einem erhöhten Risiko alle 1–3 Jahre
  • Pos. Familienanamnese für Diabetes/und oder früher kardiovaskuläre Erkrankungen
  • Arterielle Hypertonie
  • Dyslipidämie (dies jedoch nicht als alleiniger Risikofaktor, siehe Kapitel 3.3)
  • Prädiabetes in der Anamnese
  • Polyendokrines metabolisches Ovarsyndrom (PMOS)
  • Status n. Gestationsdiabetes oder Geburtsgewicht eines Kindes > 4100 g.
  • Für das Diabetes-Screening reicht die HbA1c-Bestimmung. Ein positiver Befund sollte mit einem spontan und/oder nüchtern BZ und einer 2. Messung Hba1c verifiziert werden.
  • Einzelheiten siehe mediX GL Diabetes mellitus.

3.5. Screening auf abdominelles Aortenaneurysma (AAA)

Hintergrund

  • Die Prävalenz des AAA beträgt nach Ultrasachall-Screening-Studien etwa 4–9 % bei Männern und 1 % bei Frauen. Die Prävalenz eines rupturgefährdeten BAA > 5,0 cm wird bei Männern zwischen 50–79 Jahren auf 0,5 % geschätzt
  • Die Gesamtletalität bei rupturiertem BAA beträgt > 90 %, die Prognose ist also sehr schlecht. Dagegen liegt die perioperative Letalität bei elektiver endovaskulärer Therapie nur bei 1–2 %, beim offenen Aortenersatz zwischen 2–5 %. Da ein AAA mit einer Ultraschall-Untersuchung einfach, sicher und kostengünstig diagnostiziert werden kann (Sensitivität 95 %, Spezifität 99 %), wird ein einmaliges Sonographie-Screening empfohlen (13). Bei (Ex-)Rauchern wird die Number needed to screen (NNS) zur Verhinderung eines krankheitsbezogenen Todesfalls wird mit 200 bis 400 angegeben (14)
  • Bei Männern und Frauen mit familiärer Anamnese (erstgradig Verwandte mit AAA) besteht ein 4- bis 5-fach erhöhtes Risiko (auch bei Nichtrauchern) (77).
  • Siehe auch mediX Guideline Abdominales Aortenaneurysma

mediX empfiehlt

  • Einmalig Ultraschall bei Männern ab 65 Jahren, die Risikofaktoren aufweisen: Raucher oder Ex-Raucher, chronische Hypertonie, schwere Gefässkrankheit (z. B. PAVK, KHK)
  • Bei Frauen, die niemals geraucht haben, soll kein BAA-Screening erfolgen
  • Für Frauen, die rauchen oder geraucht haben, lässt sich derzeit keine eindeutige Empfehlung geben. Ihr Risiko ist aber möglicherweise sogar höher als das von Männern, die nie geraucht haben (13)
  • Neu (Stand 09/2026): Bei Männern und Frauen mit familiärer Anamnese einmalig schon ab 50–55 J. (77) (78)

4. Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Malignomen

  • Vor der Entscheidung des Patienten zur Durchführung der Früherkennungsuntersuchung soll der Patient über die Aussagekraft von positiven und negativen Testergebnissen und gegebenenfalls notwendig werdenden Massnahmen (z. B. Biopsien) sowie die Behandlungsoptionen und deren Risiken aufgeklärt werden.
  • Hilfreiche tools

4.1. Zervixkarzinom: Pap-Abstrich, HPV-Test

Hintergrund

Risikofaktoren für ein Zervixkarzinom sind

  • Früher Beginn sexuellen Verkehrs, häufiger Partnerwechsel und ungeschützter Geschlechtsverkehr begünstigen die Übertragung des Humanen Papilloma Virus (HPV), das für die überwiegende Mehrzahl der Zervixkarzinome verantwortlich ist
  • Mit HPV infizierte Raucherinnen haben ein höheres Risiko, das Zervixkarzinom tatsächlich zu bekommen als Nichtraucherinnen mit den gleichen aggressiven HPV-Typen 16 und 18, die für 70 % der Zervixkarzinome verantwortlich sind
  • Das HPV-Infektionsrisiko kann durch Kondombenutzung reduziert werden, ein vollständiger Schutz besteht aber nicht
  • Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) empfiehlt
  • Ein zytologisches Screening (Pap-Abstrich) erstmalig im Alter von 21 bis 29 Jahren (falls Geschlechtsverkehr besteht) und danach alle 3 Jahre zytologisches oder HPV-Test-Screening (vorbehaltlich einer noch ausstehenden Kostenübernahme durch die Krankenkasse [52]) bis 70 Jahren.
  • Bei Personen > 70 Jahren kann das Screening eingestellt werden, wenn die letzten drei zytologischen Pap-Tests oder die letzten zwei HPV-Tests negativ waren und die Person in den letzten 10 Jahren keine Dysplasie hatte.

Neue Entwicklungen (Stand 9/2026)

  • Die Prävalenz des Zervixkarzinoms ist bei HPV-Geimpften um etwa 90 % gesunken (79)
  • Aktuelle europäische Leitlinien empfehlen deshalb ein weniger intensives Screening bei Geburtskohorten mit einer HPV-Impfquote von über 50 % (in der Schweiz ca. 70 % bei jungen Frauen) wie folgt
    • Primär HPV-Test (nicht Pap-Abstrich) als Erstlinien-Untersuchung
    • Je nach nationaler Impfquote (und Gesundheitssystem) startet das HPV-Screening im Alter von 25 oder 30 Jahren
    • Ist der HPV-Test negativ, ist das Krebsrisiko für die Frau sehr gering, der nächste Vorsorgetest soll dann erst nach (5–) 10 Jahren (80) erfolgen
    • Ein Pap-Abstrich soll (nur) durchgeführt werden, wenn der HPV-Test positiv auf Hochrisiko-Viren ausfällt. 
  • HPV-Selbsttest: In den USA hat die FDA (Food and Drug Administration) Zulassungen für HPV-Selbsttests erteilt (81) Auch in Frankreich ist der Selbsttest bereits im Gesundheitswesen implementiert, in anderen EU-Ländern wird dies demnächst erwartet. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Fachgesellschaft der Gynäkologen (SGGG) lehnen den Selbsttest bislang ab (Test nicht erhältlich in der Schweiz).

mediX empfiehlt

  • mediX unterstützt grundsätzlich die aktuellen europäischen Leitlinien (s.o.)
  • Bis zur Kostenübernahme des HPV-Tests sollen jedoch weiterhin die (veralteten) Empfehlungen der SGGG zur Anwendung kommen (s. o.).
    Ausnahme: Geimpften Frauen, die bereit sind, den HPV-Test selbst zu zahlen, sollte ein Screening gemäss europäischer Leitlinien (s. o.) vorgeschlagen werden.

4.2. Mammakarzinom: Brustpalpation, Mammographie

Hintergrund

  • Viele Risikofaktoren für das Mammakarzinom sind unvermeidbar, wie familiäre Brustkrebshäufung, Linkshändigkeit oder frühere Strahlenexposition
  • Anders verhält es sich mit Risiken, die mit der Lebensweise zusammenhängen. Das Risiko steigt bei chronisch hohem Zigarettenkonsum und täglichem Alkoholkonsum über viele Jahre . Übergewichtige Frauen erkranken 2,5 mal so häufig wie normalgewichtige.

Brustpalpation (Selbstabtasten)

  • Die meisten Brusttumoren werden von den Frauen selbst durch Tasten entdeckt. Nur einer von 12 erweist sich als bösartig, aber der ist bereits zu gross für eine günstige Prognose
  • Die manuelle Selbstuntersuchung der Brust durch systematisches Abtasten nach entsprechender Schulung wird zwar empfohlen, die Mortalität lässt sich damit allerdings nicht senken (16). Das gilt auch für die Brustpalpation durch den Arzt. Allerdings zeigen Studien, dass Mammakarzinome bei systematischer Palpation durch medizinisches Fachpersonal und im Selbstabtasten gelegentlich in einem früheren Stadium entdeckt werden („down staging“) (60)
  • Anstelle eines Abtastens nach einem starren Schema wird heute das Konzept der „Breast Awareness“ verfolgt. Frauen lernen dabei ein Körpergefühl zu entwickeln und zu verstehen, wie sich das Brustgewebe während des Zyklus normalerweise verändert, um dann Warnsignale (z. B. eingezogene Brustwarzen, Dellen, plötzliche Hautveränderungen) erkennen zu können.
  • Patienteninformation Krebsliga

Mammographie-Screening

  • Das Nutzen-Risiko-Verhältnis des Mammographie-Screening ist umstritten. Die Mammographie stellt aber derzeit die beste Möglichkeit dar, ein Mamma-Ca in der präinvasiven Form oder im frühen invasiven Stadium in einer breiten Bevölkerung zu entdecken, bei dem die 5-Jahres-Überlebensrate bei adäquater Therapie über 90 % liegt (17).

Nutzen

  • Ein Mammographie-Screening alle 1 bis 3 Jahre führt bei Frauen im Alter von 50 bis 74 Jahren, insbesondere im Alter von 60 bis 69 Jahren, zu einer Verringerung der Brustkrebssterblichkeit. Bei ca. 4 von 1’000 Frauen, die 20 Jahre lang alle 2 Jahre an einem Mammographie-Screeningprogramm teilnehmen, kann der Tod durch Brustkrebs verhindert werden (16, 17, 18, 61, 62)
  • Mammographie-Screening verringert die Gesamtmortalität nicht
  • In jüngster Zeit wird in einigen Ländern das Mammographie-Screening schon ab 45 Jahre empfohlen (82), ebenso von der Schweizerischen Gesellschaft für Senologie (SGS, 83). Grundlage dafür ist u. a. der UK Age Trial (84), in dem ein Rückgang der Mortalität um etwa 15 % in dieser Altersgruppe erzielt werden konnte – allerdings bei jährlicher Mammographie und hohen Fehlalarmraten.

Hinweis: Die Ergebnisse der gross angelegten AGEX-Studie zu Nutzen und Risiken eines ausgeweiteten Screenings (ab 45 J.) werden frühestens 2027 erwartet.

Risiken

  • Dem begrenzten Nutzen des Mammographie-Screenings stehen erhebliche Nachteile gegenüber, vor allem die grosse Zahl falsch-positiver Befunde, die durch hohe Qualitätsstandards nur teilweise verringert werden kann. Folgen sind ungerechtfertigte Biopsien, unnötige psychische Belastungen, zuweilen auch überflüssige Behandlungen (17, 18)
  • Bei Frauen über 70 Jahre sinkt die Rate der Fehlalarme wegen Veränderungen des Brustgewebes deutlich, dafür steigt das Risiko der Überdiagnose aufgrund begrenzter Lebenserwartung (Tumor nicht mehr relevant) (85, 86).

mediX empfiehlt

Anmerkungen
Die Harding-Faktenboxen beruhen auf randomisierten kontrollierten Studien (RCT) und liefern somit robuste Daten zu dem beobachteten Intention-to-Screen-Effekt. Allerdings wird nur ein Screeningzeitraum von etwa 10–11 Jahren erfasst, was die Aussagekraft einschränkt.
Da keine RCT über den empfohlenen Screening-Zeitraum von 20 Jahren (50–70 J.) existieren, stützen sich Kalkulationen der zweiten Screeningdekade (z. B. in der Broschüre der Krebsliga Schweiz) u. a. auf Langzeitdaten und Modellrechnungen, die gewisse Unsicherheitsfaktoren und potenzielle Fehlerquellen aufweisen (98).

  • Frauen mit erhöhtem Risiko wird eine intensivierte Früherkennung empfohlen – je nach Risikostufe (88)
    • Genetisches Risiko (z. B. BRCA1- oder BRCA2-Genmutation)
      Ab 25. bis 30. Lebensjahr (unter 30–35 Jahren wird primär eine Brust-MRT eingesetzt, ab 35 J. dann Mammographie). Screeningintervall: Jährlich
    • Familiäre Häufung (ohne Genmutation)
      In der Regel 5 Jahre vor dem Alter, in dem die jüngste Verwandte ersten Grades (Mutter oder Schwester) erkrankt ist, spätestens jedoch ab dem 40. Lebensjahr. Screeningintervall: Jährlich bis zum 50. Lebensjahr
    • Nach Strahlentherapie im Brustbereich (z. B. bei Morbus Hodgkin im Jugendalter)
      Etwa 8 Jahre nach Abschluss der Bestrahlung, jedoch meist nicht vor dem 25. Lebensjahr. Screeningintervall: Jährlich, mindestens bis 20 J. nach Bestrahlung.
  • Frauen mit Mamma-Ca, die mindestens 3 Jahre nach brusterhaltender Op rezidivfrei sind, benötigen wahrscheinlich nur alle 2 bis 3 Jahre und nicht zwingend jährlich eine Kontroll-Mammographie (87)
  • Das Screening wird von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung ohne Franchise übernommen, sofern es im Rahmen eines systematischen Screening-Programms durchgeführt wird. Der Selbstbehalt von 10 % ist jedoch von den Patientinnen selbst zu tragen.
  • Zu den Screening-Angeboten in den Kantonen siehe www.swisscancerscreening.ch

4.3. Prostatakarzinom: PSA-Bestimmung, rektale Palpation

Hintergrund

  • Hauptrisikofaktor für Prostatakrebs ist das Alter
  • Das Erkrankungsrisiko steigt auch mit der Anzahl direkter Verwandter (Vater, Brüder), die in jüngeren Jahren von der Krankheit betroffen sind (19)
  • Ein erhöhtes Risiko tragen auch aus Afrika südlich der Sahara stammende Männer, sowie Männer, die ein erhöhtes hereditäres Risiko (BRCA2) tragen.

Digitale rektale Untersuchung (DRU)

  • Es gibt keine Evidenz, dass die DRU Leben verlängern kann. Die Palpation allein entdeckt nur einen geringen Prozentsatz der Karzinome, die meist in einem fortgeschrittenen Stadium sind (47). DRU kann jedoch auch zur Erfassung von Hämorrhoiden und eines Rektumkarzinoms bei symptomatischen Patienten hilfreich sein, nicht jedoch als Screeningmethode.

PSA-Screening

Nutzen

  • Der Nachweis, dass populationsweites PSA-Screening das krankheitsspezifische Überleben verlängern kann, ist bislang nicht erbracht worden (20, 21, 25, 46, 69), die Gesamtsterblichkeit wird in keiner Studie reduziert
  • In der ERSPC-Studie wurde eine Senkung der Prostatakarzinommortalität um 20 % durch PSA-Screening ermittelt (22). Das individuelle Risiko, an Prostatakarzinom zu versterben, wird demnach von 3 % (ohne PSA-Screening) auf 2,4 % gesenkt (mediane Beobachtungszeit: 9 J.); in einer Teilkohorte der ERSPC-Studie wurde nach 14 J. Follow-up ein signifikanter Nutzen des Screenings beim tumorspezifischen Überleben, nicht jedoch beim Gesamtüberleben ermittelt (24). Das aktuelle 23-Jahres-follow-up bestätigt dies (96)
  • Die Ergebnisse der PLCO-Studie zeigten keine Mortalitätssenkung durch das PSA-Screening. Die Beobachtungszeit war hier aber kürzer, zudem wurde auch in der Kontrollgruppe bei vielen Männern PSA bestimmt (23)
  • Eine 20-Jahres-Langzeitstudie mit einer Kohorte aus einer Region in Schweden zeigte keinen Überlebensvorteil durch regelmässiges PSA-Screening (25)
  • Die 15-Jahres-Mortalitätsraten der CAP-Studie mit mehr als 400‘000 Männern zeigen: Die Teilnahme am PSA-Screening veränderte die Gesamtsterblichkeit nicht (69), die Prostata-Ca-Sterblichkeit um 8 Prozent (absolute Risikoreduktion 0,1 %)
  • Erweiterte Screeningmethoden unter Einschluss von MRI und Kalikrein-Panels gehören nicht zu den Standardverfahren (73, 74). Es ist bislang nicht bewiesen, dass sie einen Beitrag zur Reduktion der Sterblichkeit leisten können (71, 72). Das gilt auch für den Einsatz genetischer Tests (Stockholm-3 Risiko-Score) (Einzelheiten siehe NICE und Infografik des UK National Screening Committee).

Risiken

  • Dem geringen Nutzen des PSA-Screening bei Männern ohne erhöhtes Risiko stehen weiterhin gravierende Nachteile gegenüber: Eine hohe Anzahl von Überdiagnosen (30–50 %), Folgekomplikationen von Biopsien, Harninkontinenz (10–25 %) und Impotenz (30–80 % je nach Op-Technik und Patientenalter) nach Prostatektomie und unnötige Verängstigung von Patienten (90)

Internationale Empfehlungen

  • Keine internationale Fachgesellschaft spricht sich für ein bevölkerungsweites, unselektiertes PSA-Screening bei Männern aus
  • Verschiedene Fachgesellschaften empfehlen ein individuelles PSA-Screening auf Basis einer gemeinsamen Entscheidungsfindung nach Abwägen von Nutzen und Risiken (ACS, AUA, EAU)
  • Gegen das Angebot eines Screenings bei Männern ohne erhöhtes Risiko sprechen sich aus: CDC/USPSTF, AAFP, Canadian Task Force, UK National Screening Committee.

mediX empfiehlt

  • Der PSA-Test ist als Screeningtest für Männer ohne genetisch erhöhtes Erkrankungsrisiko nicht zu empfehlen und sollte deshalb auch nicht aktiv angeboten werden.

Hinweis: Patienten mit obstruktiven Miktions-Symptomen haben kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko (76), sind also keine bevorzugten Kandidaten für ein PSA-Screening. Wenn bei einer Prostataobstruktion eine Intervention geplant ist, sollte jedoch vorgängig das PSA bestimmt werden, da bei Prostatakarzinom die Operationsmethode entsprechend adaptiert werden kann (siehe auch mediX GL Harninkontinenz des Mannes)

  • Der PSA-Test kann durchgeführt werden, wenn der Patient von sich aus den Wunsch äussert – nach Aufklärung über Nutzen und Risiken – und sofern er bereit ist, weitere Abklärungen (Ultraschall, multiparametrisches MRI und Biopsie) und allenfalls eine Therapie in Kauf zu nehmen → Die Harding Faktenbox, die Informationsbroschüre Prostatakrebs-Vorsorge und die Infografik des UK National Screening Committee können die Aufklärung unterstützen).

Hinweis: Der PSA-Wert sollte im Zweifel bzw. bei grenzwertiger Erhöhung durch Wiederholungsmessung überprüft werden (eine Woche vorab keine Ejakulation respektive relevante mechanische Belastung der Prostata wie längeres Fahrradfahren), da es eine relevante intraindividuelle Variabilität gibt (89)

  • Bei Männern mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs ist PSA-Screening angezeigt
  • Männer, in deren Familie vor dem Alter von 65 Jahren ein relevanter Prostatakrebs aufgetreten ist (Vater, Bruder, Sohn) → Screening ab 45 Jahre oder 10 Jahre vor Auftreten des Ca beim Verwandten
  • Männer, die ein hohes hereditäres Risiko (BRCA2) aufweisen → Screening ab 40 Jahre
  • Männer, die aus Afrika südlich der Sahara und den Antillen stammen → Screening ab 45 Jahre
  • Die empfohlenen Screeningintervalle variieren. In der aktuellen Literatur besteht eine Tendenz hin zu längeren Intervallen (75).
    Die Intervalle können in Abhängigkeit vom gemessenen PSA-Wert festgelegt werden (bei Männern mit durchschnittlichem Risiko):
    Bei PSA ≤ 1 ng/ml → Wiederholungstest nach 8 Jahren falls überhaupt gewünscht
    Bei PSA-Wert 1–2 ng/ml → Wiederholungstest nach 2 Jahren
    Bei PSA-Wert 2–4 ng/ml → Wiederholungstest jährlich.

4.4. Melanom (Hautinspektion)

Hintergrund

  • In der Schweiz europaweit höchste Inzidenz: ♂ 26,8/100'000/Jahr, ︎♀ 25,4/100’000/Jahr; zu der vergleichsweise hohen Inzidenz trägt wahrscheinlich auch ein Detektionsbias bei (besseres reporting in der Schweiz als in anderen Ländern) (99)
  • Eine erhöhte UV-Exposition im Kindes- und Jugendalter erhöht das Hautkrebsrisiko
  • Obwohl die Haut leicht zugänglich ist und verdächtige Veränderungen im Prinzip leicht erkennbar sind, lässt sich bis heute keine evidenzbasierte Empfehlung zu Nutzen und Risiken des Hautkrebsscreenings mittels Ganzkörperuntersuchung geben (27)
  • Patienten mit auffälligen oder sich verändernden Hautbefunden sollten sich vom Arzt untersuchen lassen. Dies betrifft insbesondere Leberflecken mit folgenden Merkmalen (26)

ABCD-Regel

A: Asymmetrie (Abweichungen von der runden oder ovalen Form)

B: Begrenzung (unregelmässige oder unscharfe Begrenzung)

C: Color (unterschiedlich starke Färbung)

D: Durchmesser über 6 mm

E: Erhabenheiten auf flachem Grund (kurzfristig entstanden).

mediX empfiehlt

  • Keine allgemeine Empfehlung zur Vorsorgeuntersuchung
  • Selbstbeobachtung: Sich verändernde Hautbefunde sollten dem Arzt gezeigt werden
  • Regelmässige ärztliche Kontrollen sind Personen zu empfehlen, die über 100 Nävi haben (Selbstbeobachtung erschwert) oder eine FA für Melanome oder ein Melanom in der Vorgeschichte haben. Kontrollintervalle sind abhängig von den individuellen Befunden.

4.5. Kolonkarzinom: Suche nach okkultem Blut im Stuhl, Koloskopie

Hintergrund

  • Darmkrebs ist häufig: 4’500 Neuerkrankungen jährlich (Schweiz), Lebenszeitprävalenz: 3,7 % (Frauen) – 6 % (Männer); das Darmkrebsrisiko steigt ab 50 deutlich an
  • Kolorektale Karzinome (KRK) haben eine lange Vorlaufzeit. 90 % entwickeln sich aus Adenomen, meistens in Form von Polypen. Die durchschnittlich 10 Jahre dauernde latente Karzinogenese bietet gute Chancen auf eine Früherkennung vor der Metastasierung und damit auf Heilung
  • Das Kolonkarzinom-Screening wird von nationalen und internationalen Fachgesellschaften empfohlen.
  • Zwei Screening-Methoden stehen zur Verfügung: Test auf okkultes Blut (immunologischer Stuhtlest) und Koloskopie

Immunologischer Stuhltest (OC Sensor)

  • Kolorektale Karzinome verursachen okkulte Blutungen, die im Stuhltest entdeckt werden können. Diese lassen sich mittels quantitativer immunologischer Stuhltests/FIT (Fecal Immunochemical Tests) nachweisen
  • Am besten validiert ist der OC Sensor, (Kosten bei Analytica: CHF 8.40.– plus Auftragspauschale CHF 21.60.–; Kons. plus BE plus Untersuchung: Ca. CHF 125.– total)
  • Die Spezifität des FIT liegt bei > 90 % (28), Die Single-test-Sensitivität des FIT zur Entdeckung eines Kolorektalkarzinoms (KRK) beträgt 70–80 % und 20–40 % für fortgeschrittene Adenome; die eingeschränkte Sensitivität erhöht sich jedoch deutlich nach mehreren Testrunden (51, 64)
  • Die Bereitschaft der Bevölkerung ist deutlich höher, an einem FIT-Testprogramm teilzunehmen als am Koloskopie-Screening (51, 65, 66)
  • Eine vergleichende Screening-Studie (FIT vs. Sigmoidoskopie vs. Koloskopie) zeigte, dass mit FIT nach 4 Testrunden so viele Karzinome entdeckt werden konnten wie mit Koloskopie-Screening und sogar mehr fortgeschrittene Adenome (in der intention-to-screen-Analyse) (51)
  • Die Einladungen zu einem Stuhltest auf okkultes Blut im Rahmen eines bevölkerungsweiten Screeningprogramms führen nach einer spanischen Studie zu einer höheren Teilnehmerrate als Einladungen zu einer Koloskopie. Die Mortalität an Darmkrebs unterscheidet sich nach 10 Jahren nicht (91)
  • Bei Hochrisikopatienten ist FIT jedoch der Koloskopie unterlegen (92)
  • Fazit: Der OC Sensor ist erhöht bei den Patienten die bereit sind an einem Screening teilzunehmen und wird heute als gleichwertige Alternative zur Koloskopie empfohlen ([56], siehe auch ASCO, USPSTF, ESGE) – unter 2 Voraussetzungen
    • Es ist die Bereitschaft vorhanden, den Test alle 2 Jahre zu wiederholen
    • Bei einem positiven Stuhltest ist stets eine koloskopische Abklärung erforderlich.

Koloskopie (29–34)

  • Mit der Koloskopie lassen sich nicht nur Karzinome entdecken, sondern auch vorhandene Polypen erkennen und abtragen. Vorteil: Diagnostische und therapeutische Intervention. Viele dieser Polypen sind benigne, aber fortgeschrittene Adenome haben ein Entartungsrisiko von 3–11 %
  • Der Nutzen der Koloskopie als KRK-Früherkennungsmassnahme gilt als gesichert – basierend auf umfangreichen Kohortenstudien (Koloskopie) und randomisierten und kontrollierten Studien (Sigmoidoskopie)
  • Nutzen des Koloskopie-Screenings: Je nach Studie bzw. Studiendesign lässt sich die tumorspezifische Mortalität um bis zu 60–80 % senken, nach Analysen der U.S. Preventive Services Task Force um 26 % (35); Die KRK-Inzidenzraten werden um 22–58 % reduziert (33–35). Die einzige randomsierte und kontrollierte Koloskopie-Screening-Langzeitstudie (NordICC) ergab folgende Ergebnisse (93) nach 13 Jahren
    Intention to-screen-Analyse
    • Darmkrebs-Inzidenz in der Screening-Kohorte um rel. 19 % gesenkt (signifikant)
    • Darmkrebs- und Gesamtmortalität in der Screening-Kohorte nicht signifikant verringert.

Per-Protocol-Analyse*

    • Basisrisiko (Kontrollgruppe), im Studienzeitraum an KRK zu erkranken: 1,8 %
    • Reduktion Darmkrebs-Inzidenz: 45 % (d. h. Erkrankungsrisiko: 0,99 %)
      Durch Teilnahme am Screening werden demnach 8 von 1‘000 Personen vor einer Darmkrebserkrankung bewahrt
    • Reduktion Darmkrebs-Mortalität rel. 30-50 %, Gesamtmortalität unbeeinflusst.

* In einer per-protocol-Analyse werden nur solche Personen ausgewertet, die tatsächlich am Screening teilgenommen haben. Der Nutzen wird dabei allerdings zu hoch eingeschätzt, da hier immer der „healthy user bias“ wirksam wird.

  • Die Sensitivität des Koloskopie-Screenings beträgt für die Entdeckung eines Kolonkarzinoms und auch für fortgeschrittene Adenome ca. 95 % (35), ist jedoch stark Untersucher-abhängig
  • Ernsthafte Komplikationen sind selten: Bei 10‘ 000 Koloskopien ist mit 3 Darmperforationen and 15 grossen Blutungen zu rechnen (35).

mediX empfiehlt

  • Der Immunologische Stuhltest und die Koloskopie sind bei korrekter Durchführung und Einhalten der empfohlenen Intervalle gleichwertig hinsichtlich Reduktion der mit Darmkrebs assoziierten Morbidität und Mortalität
  • Patienteninformation Darmkrebs: EviPrev-Empfehlungen und Entscheidungshilfen | PEPra
  • Männern und Frauen ab dem 50. Lebensjahr sollten beide Screening-Varianten unter Darlegung der Vor- und Nachteile angeboten werden
  • Bei unauffälligem Immunologischen Stuhltest (FIT OC Sensor) muss die Untersuchung alle 2 Jahre wiederholt werden (Recall), um einen hinreichenden Nutzen sicherzustellen
  • Bei unauffälliger Koloskopie soll die Untersuchung nach 10 Jahren wiederholt werden (bis 75 J.)
    Hinweis: Neuere Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass bei unauffälligem Befund auch ein Intervall von 15 Jahren ausreichen könnte (94)
  • Für Personen mit familiärer Belastung oder gastrointestinaler Vorgeschichte gelten andere Empfehlungen als für die Normalbevölkerung (siehe Tabelle 1)
  • In der Schweiz haben mehrere Kantone Screening-Programme eingeführt, die Personen zwischen 50 und 75 Jahren angeboten werden (siehe www.swisscancerscreening.ch)
  • Die Untersuchungen im Rahmen der kantonalen Programme werden von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung ohne Franchise vergütet, bei einem Selbstbehalt von 10 %.

Tabelle 1: Screening-Intervalle für kolorektales Karzinom bei moderatem und erhöhtem Risiko

Bei durchschnittlichem KRK-Risiko der Allgemeinbevölkerung (ohne RF)

Vorsorge bei asymptomatischer Bevölkerung
(75 % der Bevölkerung) und bei Personen mit KRK bei erstgradig Verwandten im Alter > 60 J.

FIT-Stuhltest (z. B. OC Sensor) alle 2 Jahre

oder

Koloskopie alle 10 Jahre

Bei erhöhtem KRK-Risiko

Karzinom/Adenom bei mind. 1 direkten Verwandten vor dem 60 J.

Koloskopie ab 40 J. oder 10 Jahre vor Erkrankungsalter des Verwandten – alle 5 Jahre

Hereditäre KRK in der Familie (FAP, Lynch Syndrom)

Prädiktive molekulargenetische Tests, risikostratifiziertes endoskopisches Screening, Einzelheiten s. S3-LL KRK (dort Kap. 5.2)

Seit 8–10 J. bestehende Colitis ulcerosa/M. Crohn

Koloskopie individuell 1–3-jährlich je nach Entzündungsaktivität

Persönliche Anamnese eines high risk Adenom oder KRK

Überwachungskoloskopie nach 3 Jahren

Persönliche Anamnese low risk Adenom

Überwachungskoloskopie nach 10 Jahren

Überwachung im Alter > 75 Jahre

  • Personen, die in der letzten regulären Screening-Koloskopie ein Adenom aufweisen, haben im Alter über 75 J. ein leicht erhöhtes Mortalitätsrisiko. Eine (koloskopische) Überwachung jenseits des 75. Lebensjahres scheint bei diesen Patienten aber nicht zwingend erforderlich zu sein, denn diese Patienten sterben meist an einer anderen Erkrankung als an einem Kolonkarzinom, die Gesamtmoralität sinkt in dieser Population nicht (95).

4.6. Lungenkarzinom: Low dose CT (LDCT)

Hintergrund

  • Einer von 20 Todesfällen ist in der Schweiz auf Lungenkrebs zurückzuführen (führende Krebs-Todesursache)
  • Die Symptome sind im Frühstadium meist unspezifisch, oft wird Lungenkrebs erst in fortgeschrittenem Stadium erkannt, bei sehr geringen Heilungschancen
  • Randomisierte kontrollierte Studien zeigen, dass die Lungenkrebs-Mortalität durch jährliches Low-dose-CT-Screening bei Hochrisikopatienten gesenkt werden kann (57, 58, 59)
  • Das U.S. Preventive Services Task Force empfiehlt seit 2021 ein jährliches Screening bei folgenden Hochrisikopatienten
    • Raucher(innen) zwischen 50 und 80 Jahre mit Raucheranamnese (20 Jahre x 20 Zigaretten/Tag), die aktuell rauchen oder in den letzten 15 Jahren mit dem Rauchen aufgehört haben.
  • Das Swiss Cancer Screening Committee empfiehlt Risikopatienten das LDCT-Screening im Rahmen eines organisierten Screening-Programms. Das Programm definiert die Radiologischen Protokolle und standardisierte Auswertungen, welche sich von normalen Lungen-CTs unterscheiden. Diese Zentren nehmen auch an vor-definierten Qualitäts-Kontrollen und Kohorten-Studien teil, im Gegensatz zu nicht teilnehmenden Radiologie-Instituten
  • Einzelheiten zur Organisation und Implementierung des Programms in der Schweiz stehen noch aus. Es liegt eine Machbarkeitsstudie vor (→ Swiss Medical Weekly, 2022)
  • Verschiedene kritische Aspekte sind zu bedenken
    • Die Number needed to Screen (NNS) beträgt 133 über 10 Jahre, um einen Lungenkrebs-Todesfall zu verhindern (59)
    • Die Number needed to harm (NNH) ist schwierig zu berechnen → Bei 180 von 10‘000 Gescreenten falsch-positive Resultate mit weiteren (invasiven) Abklärungen (z. B. Biopsien), psychische Belastung, mögliche onkologische Strahlenschäden durch das Screening selbst
    • Eine retrospektive Analyse aus den USA zeigt, dass falsch positive Befunde häufig sind. Invasive Diagnostik (z. B. Bronchoskopien), ausgelöst durch einen verdächtigen Befund, führte bei ca. 30 % zu Komplikationen (74)
    • Die einschlägigen Studien wurden mehrheitlich an universitären Zentren im Studiensetting durchgeführt (Übertragbarkeit auf Alltagsverhältnisse?).

mediX empfiehlt

  • Ein Low-dose-CT-Screening wird Risikopatienten ausschliesslich im Rahmen eines organisierten Programms an Zentren empfohlen, das zurzeit für die Schweiz erarbeitet wird
  • Das LD-CT-Screening ist aktuell eine Selbstzahlerleistung.

5. Glaukom

Hintergrund

  • Unter dem Begriff Glaukom werden Augenerkrankungen zusammengefasst, die durch spezifische Schädigungen des Sehnervkopfs, der Nervenfasern des N. opticus und der Ganglienzellen der Netzhaut gekennzeichnet sind
  • Ein Glaukom wird unabhängig vom Augendruck anhand der Papillen- bzw. Nervenfaserveränderungen und allfälliger Gesichtsfeldausfälle definiert. Ein erhöhter Augeninnendruck (intraokulärer Druck = IOD) ist nur einer von mehreren Risikofaktoren. Er kann auch ohne morphologische oder funktionelle Anzeichen für ein Glaukom vorhanden sein (okuläre Hypertension, OHT). Bei 25–50 % der Patienten mit glaukomatöser Atrophie des N. opticus besteht kein erhöhter IOD (Normaldruckglaukom)
  • Das Glaukom tritt mit steigendem Alter häufiger auf. Die Prävalenz im Alter von 50–64 J. beträgt 1 %, zwischen 65–79 J. 2,9 %, bei über 80-Jährigen 5,3 %. Mit Abstand am häufigsten ist das primär chronische Offenwinkelglaukom. Das Glaukom wird vom Patienten erst spät bemerkt, die eingetretenen Schäden sind bereits irreversibel. Das wirft die Frage nach einem Screening auf. Es ist eindeutig belegt, dass z. B. die topische Augeninnendruck (IOP)-Senkung das Glaukomrisiko bei Patienten mit erhöhtem IOP senkt (NNT: Ca. 12 zur Verhinderung eines Offenwinkelglaukoms in 5 Jahren) (37)
  • Mangels Interventionsstudien mit klinischen Endpunkten bleibt aber offen, ob und in welchem Umfang das Sehvermögen und die Lebensqualität durch Glaukom-Screening und Frühtherapie verbessert werden und wie hoch mögliche Behandlungsschäden zu veranschlagen sind. Die U.S. Preventive Services Task Force gibt daher bislang keine Empfehlung pro oder contra Screening ab (zurzeit findet ein update statt, dass frühestens im Frühjahr 2027 vorliegen wird). Auch der deutsche Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hält den Nutzen für nicht erwiesen (38)
  • Deutsche Glaukomspezialisten kommen in einer Review zu dem Fazit, dass ein sensitives, spezifisches Glaukomscreening grundsätzlich möglich sei, wenn u. a. Risikopatienten anhand von Alter und Familienanamnese identifiziert werden (39, 40). Andererseits konstatieren sie, dass derzeit keine eindeutige Empfehlung für ein einzelnes Verfahren oder für kombinierte Screeninguntersuchungen gegeben werden können
  • Internationale ophthalmologische Fachgesellschaften befürworten seit langem ein augenärztliches Screening (u. a. mit Funduskopie, Sehfunktionsprüfung, Applanations-Tonometrie). Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) empfiehlt es ab dem 40. J. alle 3 Jahre, ab dem 65. J. alle 1–2 Jahre, bei vorliegenden Risikofaktoren (siehe Tabelle 2) auch engmaschiger. Die Evidenz aus Studien wird allerdings weiterhin als gering eingestuft (39)
  • Die SOG/SSO hat keine Glaukom-Leitlinien publiziert, gibt aber auf einer an Patienten gerichteten Website folgende Empfehlung ab: Augenärztliche Kontrollen für alle Personen ab 40 J. alle 3 Jahre, ab 50 J. alle 2 Jahre, ab 60 J. jährlich (41).
  • Siehe auch mediX GL Augenkrankheiten in der Hausarztpraxis, Ebovis

mediX empfiehlt

  • Ein Glaukomscreening-Programm für asymptomatische Patienten ist nicht evidenzbasiert (s. o.). Ein moderates und gezieltes Glaukomscreening erscheint uns jedoch im Sinne der individuellen Gesundheit sinnvoll. Wir empfehlen folgende Screeningintervalle
    • Bei asymptomatischen Patienten ohne Risikofaktoren erstmalig im Alter zwischen 45 und 50 J., anschliessend alle 5 Jahre bei Normalbefund bis zum 70. Lebensjahr
    • Bei asymptomatischen Patienten mit bekannten Risikofaktoren (Tabelle 2): Ab 30. Lebensjahr, oder ab Bekanntwerden eines RF, danach gemäss augenärztlicher Risikobeurteilung.

Tabelle 2: Risikofaktoren für Glaukom

Positive Familienanamnese (direkter Verwandter 1. oder 2. Grades mit glaukombedingter Optikusneuropathie, d. h. nachgewiesener Schädigung des Sehnervens. Nur drucksenkende Augentropfen oder unklare irreversible Erblindung eines Familienmitgliedes (direkter Verwandter 1. oder 2. Grades) zählen nicht dazuMyopie (> –2 Dioptrien) –> Pigmentdispersionssyndrom und zusätzliches Risiko für Amotio retinae und myope MakuladegenerationHyperopie (> +3 Dioptrien) → EngwinkelglaukomOkuläre Hypertension (Augeninnendruck > 21 mmHg, z. B. auch beim Optiker gemessen)Langfristige Kortikosteroidtherapie (auch topisch in Augen oder Nase)Risikofaktoren im Rahmen des Normaldruckglaukoms: Arterielle Hypotonie (< 90/60 mmHg), anamnestisch exzessiver oder professioneller Ausdauersport, mittlere oder schwergradige obstruktive Schlafapnoe

6. Impfungen + Screening auf Hepatitis B und C

Hepatitis B

Ausgangslage

  • Im Jahr 2025 wurden insgesamt 1‘032 Hepatitis-B-Fälle neu gemeldet (akute und neu erfasste chronische Infektionen, seit 2022 gibt es einen leichten Anstieg
  • In der Schweiz sind ca. 0,5 % der Bevölkerung mit dem Hepatitis-B-Virus infiziert. Die Zahl der Meldungen von Menschen mit neu erworbener akuter Hepatitis B liegen seit einigen Jahren bei nur etwa 20 bis 30 akuten Fällen pro Jahr in der gesamten Schweiz (BAG Bulletin 34/2025)
  • Hepatitis B ist hoch ansteckend, in 96 % der gemeldeten Fälle ist der Übertragungsweg jedoch unbekannt
  • Neue HBV-Infektionen sind wesentlich auf Ansteckungen in Ländern mit hoher Prävalenz zurückzuführen.
  • Siehe auch BAG, mediX FS Impfungen

Screening-Empfehlung

  • Bei allen Personen mit Geburtsort Asien/Afrika/Balkan einmal eine Hepatitis-B-Serologie mit Anti-HBc IgG/IgM, HBsAG und Anti-HBs. Wenn negativ → impfen, wenn positiv → Therapiebedarf und Nachsorgekonzept klären
  • Alle Schwangeren sollen zumindest auf HBsAG gescreent werden. Der HBsAG-Nachweis beweist eine Hepatitis-B-Infektion und bedarf in der Schwangerschaft individualisierte Beurteilung und bei der Geburt immer Prophylaxe für das Neugeborene.
  • Siehe auch mediX Guideline Hepatologie, mediX GL Migrationsmedizin, mediX GL Infektiologie
  • Patienteninformation: Hepatitis Schweiz

Hepatitis C

Ausgangslage

  • In der Schweiz leben etwa 40‘000 Personen mit einer chronischen Hepatitis-C-Infektion. Ein Drittel weiss nichts von der eigenen Erkrankung
  • Die Behandlung weist hohe Erfolgsraten (ca. 95 %) auf und sollte möglichst frühzeitig erfolgen.

Screening-Empfehlung (54)

  • Bei folgenden Risikogruppen sollte ein Screening auf Hepatitis C mittels Antikörper-Suchtest erfolgen (einmalig oder je nach Risikoverhalten wiederholt)
    • Aktueller Drogenkonsum
    • Patienten mit Tattoos und Piercings, die nicht steril angebracht wurden
    • Empfänger von Blutprodukten vor 1992
    • Schwangere
    • HIV-positive Personen
    • (Ehemalige) Gefängnisinsassen
    • Patienten mit medizinischen Eingriffen in Ländern mit eingeschränkter Hygiene
    • Personen aus hochendemischen Ländern.

Ausserdem

    • Bei Personen der Geburtenjahrgänge 1950–1985. Besonderes Augenmerk sollten auch die über 60-jährigen Erstgenerations-Immigranten aus Italien und Spanien erhalten, da diese besonders häufig von Hepatitis C betroffen sind.

Vorgehen

  • Antikörper-Suchtest auf Hep C
    • Bei positivem Befund muss eine Bestätigung erfolgen (PCR-Test auf HCV-RNA)
    • Bei negativem PCR-Testergebnis handelt es sich wahrscheinlich um eine frühere, ausgeheilte oder behandelte Infektion. Bei Vorliegen eines positiven PCR-Tests liegt eine aktive Hepatitis-C-Infektion vor.
  • Über weiteres Vorgehen, die Indikation zur Therapie und die Zusammenarbeit mit dem Spezialisten siehe HepCare
  • Siehe auch mediX GL Hepatologie, mediX GL Migrationsmedizin, mediX GL Infektiologie, mediX FS Impfungen
  • Patienteninformation: Hepatitis Schweiz

7. Osteoporose (Osteodensitometrie)?

Hintergrund

mediX empfiehlt

  • Ein generelles Osteodensitometrie-Screening wird analog zu Eviprev nicht empfohlen
  • Risikostratifiziertes Screening
    • Bei Frauen ab 65 Jahre und spezifischer Risikokonstellation soll zunächst das altersadaptierte 10-Jahres-Frakturrisiko gemäss FRAX® (oder Top Tool®) berechnet werden. In Grenzfällen kann die Osteodensitometrie die Genauigkeit der Risikobeurteilung verbessern und als zusätzliches Argument für oder gegen eine Therapie hilfreich sein
    • Familiäre Osteoporose bei nahen Verwandten oder im Rahmen einer genetischen Erkrankung, z. B. Kollagenopathien (Osteogenesis imperfecta, Ehler-Danlos, Marfan, etc.)
    • Dauersteroidtherapie (> 5 mg Prednison-Äquivalent ≥ 3 Monate).Beachte: Hier schon Behandlung ab T-Score –1,5 empfohlen (→ SGR), da der Knochen unter Steroiden schon in den ersten 3 Monaten stark abnimmt
    • Bei Männern ab 70 J. mit Risikofaktoren (Androgendeprivationstherapie, Hyperprolaktinämie, Hypogonadismus, Alkoholismus, idiopathische Hyperkalziurie) – soll eine FRAX© (oder Top Tool®)-Berechnung erfolgen. Eine Indikation zur Densitometrie besteht, wenn das altersangepasste 10-Jahres-Frakturrisiko in der FRAX-Berechnung (ohne Densitometrie) knapp unter der Interventionsschwelle liegt.

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9. Impressum

Diese Guideline wurde im September 2026 aktualisiert.
© Verein mediX schweiz

Herausgeberin
Prof. Dr. med. Corinne Chmiel

Chefredaktion
Prof. Dr. med. Corinne Chmiel

Redaktion
Dr. med. Uwe Beise
Dr. med. Felix Huber
Dr. med Maria Huber
Med. pract. Rahel Krämer
Dr. med. Felicitas Witte

Autoren
Prof. Dr. med. Corinne Chmiel
Dr. med. Uwe Beise

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