Guideline
Hyperlipidämie
Zuletzt revidiert: 01/2024 Letzte Änderung: 05/2026
- Guideline Kurzversion
- Patienteninformation Erhöhtes Cholesterin
- Faktenbox Statine (Harding-Zentrum)
- Cholesterinsenkende Medikamente für Gesunde?
Für PatientInnen
Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in unseren Gesundheitsdossiers.
Aktualisierung 05/2026
- Der Abschnitt zur individuellen Risikokalkulation wurde überarbeitet (–> Kap. 3)
- Bei Patienten mit TGL > 5 mmol/l soll Non HDL-Cholesterin als therapeutischer Zielparameter gewählt werden (–> Kap. 2)
- Die Abschnitte zu den lipidsenkenden Substanzen wurden aktualisiert (–> Kap. 4.4).
Vorbemerkungen
- Zu beachten ist, dass viele Empfehlungen der aktuellen ESC/EAS Guidelines auf eher geringer Evidenz basieren (JAMA, 2019) und dass Daten insbesondere aus den USA aufzeigen, dass eine relevante Anzahl von Kardiologen substantielle Zahlungen von der Industrie erhalten (43)
- Die ESC/EAS Guideline Dyslipidämie erhält in der Bewertung des Transparenzportals Leitlinienwatch 3 von 18 Punkten. Stark bemängelt werden die Zusammensetzung der Leitliniengruppe, fehlende Unabhängigkeit der federführenden Autoren und die fehlende externe Beratung. Eher positiv bewertet wird die Transparenz (–> Leitlinienwatch: ESC GL Dyslipidämie).
- Der in der Schweiz bislang etablierte AGLA-Score zur kardiovaskulären Risikoevaluation ist 2025 in überarbeiteter Version erschienen. Dabei wurden die therapeutischen Schwellenwerte ohne hinreichende Evidenz herabgesetzt – mit der Folge, dass auf dieser Grundlage ca. 80 % der > 60-Jährigen eine Statintherapie empfohlen werden müsste.
1. Definition, Ursachen und Bedeutung
Definition
- Unter dem Begriff Dyslipidämie werden Veränderungen im Lipoproteintransport und im Fettmetabolismus zusammengefasst. Sie treten
v. a. durch abweichende Werte von LDL, HDL und Triglyzeriden (TGL) in Erscheinung.
Ursachen
- Genetisch (stärkster Faktor, dennoch haben nur 1–2 % der Bevölkerung eine echte familiäre Dyslipidämie)
- Lebensstil (z. B. Ernährung, Rauchen)
- Sekundär als Folge anderer Erkrankungen
- Vorwiegend sek. Hypercholesterinämie: Hypothyreose, obstruktive Lebererkrankung (Cholestase), nephrotisches Syndrom, Anorexie
- Vorwiegend sek. Hypertriglyzeridämie: Alkoholismus (CAVE: TGL-assozierte akute Pankreatitis), Adipositas, chron. Niereninsuffizienz, (schlecht kontrollierter) Diabetes mellitus (DM).
- Als Nebenwirkung von bestimmten Medikamenten
- Z. B. Kortikosteroide, orale Kontrazeptiva, Thiazide, Betablocker, antiretrovirale Therapie (Lipodystrophie), Isotretinoin.
- Neben genetischer Prädisposition sind die häufigsten Ursachen, die zu Dyslipidämie beitragen, exzessiver Alkoholkonsum und schlecht kontrollierter Diabetes mellitus (44).
Klinische Bedeutung
- Erhöhte Cholesterinwerte gehen mit einem erhöhten kardiovaskulären (kv) Risiko einher. Lipidparameter (und ihre aktuellen Grenzwerte) sind – mit Ausnahme der familiären Hypercholesterinämie – für sich genommen jedoch kaum bedeutsam. Entscheidend für das patientenrelevante Risiko ist das Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren! –> siehe Kapitel 3
- Bei mindestens 30 % der Patienten mit KHK/Herzinfarkt in jüngerem Lebensalter liegt eine familiäre Hypercholesterinämie vor (1). Die Familienanamnese für kardiovaskuläre Erkrankungen in jungen Jahren ist deshalb von entscheidender Bedeutung für die Risikoklassifizierung
- Interventionsstudien belegen, dass eine Absenkung von LDL das Risiko von kv Ereignissen in der Sekundärprävention verringert
- In der Primärprävention gibt es nur (schwache) Evidenz für eine Behandlung bei sehr hohem kv Risiko (87)
- Ergebnisse einer prospektiven Kohortenstudie mit über 100’000 Teilnehmern: Die Gesamtmortalität in der Allgemeinbevölkerung ist bei hohen und bei tiefen LDL-Cholesterinwerten (als indirektes Zeichen einer schweren Erkrankung und Frailty) am höchsten, am geringsten dagegen bei Werten um 3,6 mmol/l (U-förmige Assoziation). Unter den mit Lipidsenkern behandelten Studienteilnehmern war die Gesamtmortalität am geringsten bei Werten um 2,3 mmol/l (35).
Anmerkung: Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, das individuelle Gesamt-Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung zu bewerten, um zu entscheiden, wann und ob eine lipidsenkende Behandlung eingesetzt werden sollte, anstatt die Behandlung ausschliesslich auf der Grundlage eines bestimmten LDL-Cholesterin-Spiegel-Wertes zu beginnen (35).
2. Diagnostik (2–4)
Screening
- Alle 5 Jahre in der Primärprävention
- Bei asymptomatischen Männern > 40 Jahre, Frauen > 50 Jahre oder postmenopausal*
- Risikoabklärung alle 5 Jahre bei niedrigem Risiko, alle 2–5 Jahre bei intermediärem Risiko, siehe Kapitel 3
- Ab 75 Jahre sollte kein Screening mehr durchgeführt werden.
* Anmerkung: Nach der Menopause kommt es bei Frauen zu einer Verschlechterung des Lipidprofils, was möglicherweise zur Beschleunigung des ASCVD-Risikos beiträgt.
- Bei Vorliegen anderer kv Risikofaktoren oder familiär gehäuften/vorzeitigen kv Erkrankungen ist eine Cholesterinbestimmung unabhängig vom Alter sinnvoll
- Inspektion auf Xanthome, Arcus lipoides corneae bei hohen Cholesterinwerten.
⇒ Siehe auch mediX Guideline Check-up
Labor
- Standard in der Messung ist immer noch: Gesamt-Cholesterin (TC), LDL, HDL, TGL (im Point of Care Labor)
- Non-HDL-Cholesterin ist bei Patienten mit hohen Triglyzeridwerten, Diabetes mellitus und metabolischem Syndrom ein zuverlässigerer kv Risikomarker als LDL-Cholesterin. Bei Patienten mit TGL > 5 mmol/l soll Non-HDL-Cholesterin als therapeutischer Zielparameter angesteuert werden!
- Die Blutproben müssen nicht nüchtern erfolgen (da Cholesterinwerte postprandial lediglich bis max. 0,2 mmol/l und damit klinisch nicht signifikant abweichen) (41)
Hinweis: Es besteht (unabhängig von Nüchtern- oder Nicht nüchtern-Messung) z. T. eine grosse intraindividuelle Varianz der gemessenen Cholesterinwerte, wozu die beträchtlichen Unterschiede zwischen den Herstellern beitragen; idealerweise sollten bei treat-to-target-Strategie (–> siehe Kap. 4.3.2) die Verlaufskontrollen immer mit demselben Test stattfinden, was in Realität schwierig umzusetzen ist, wobei die Messgenauigkeit und damit die treat-to-target-Strategie kritisch zu hinterfragen sind.
Ausnahmen- Bei TGL > 4,5 mmol/l führt die LDL-Berechnung mit der Friedewald-Formel zu falschen Ergebnissen. In diesem Fall empfiehlt sich eine Kontrolle nach mindestens 8 h Nahrungskarenz oder eine Direktbestimmung des LDL-Cholesterins (über medizinisches Grosslabor möglich). Eine häufige Abwechslung zwischen Messungen (kalkuliert vs. direkt gemessen) ist nicht empfohlen, da dies zu Fehlinterpretationen führen kann.
- Bei Diabetikern empfiehlt sich eine Nüchtern-Bestimmung nur bei schlecht eingestelltem Diabetes mellitus, da das Risiko einer Dyslipidämie in diesem Fall unterschätzt werden kann (Diabetiker können postprandial bis zu
0,6 mmol/l niedrigeres LDL haben).
- In Ausnahmefällen bzw. in besonderen Situationen können verschiedene alternative Lipidparameter herangezogen werden (siehe Tabelle 1)
- Apolipoprotein B
- Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es jedoch noch keine ausreichende Evidenz dafür, das LDL- oder Non-HDL-Cholesterin im Standard-Lipidprofil durch die routinemässige Bestimmung des Apolipoprotein B zu ersetzen. Die Empfehlungen der internationalen Fachgesellschaften sind uneinheitlich.
- Lipoprotein(a) (85)
- Ist eine Variante von LDL, charakterisiert durch ein zusätzlich vorhandenes Apolipoprotein A
- Die Lp(a)-Serumspiegel sind weitgehend genetisch determiniert, d. h. durch Diät oder Lebensstil nicht nennenswert beeinflussbar
- Ein Lipoprotein(a)-Wert > 125 nmol/l gilt als unabhängiger kv Risikofaktor
- Einzelne Fachgesellschaften (z. B. ESC) empfehlen, bei allen Personen einmal im Leben Lp(a) zu bestimmen, um ggfls. geeignete Präventionsmassnahmen einzuleiten.
mediX empfiehlt eine selektive Messung bei bestimmten Patienten (siehe Tabelle 1), dies in Entsprechung zu Empfehlungen anderer Fachgesellschaften (NICE, ACC/AHA, USPSTF) - In den einschlägigen Risiko-Kalkulatoren (s. Kap. 3 und Tab. A1 im Anhang) ist Lp(a) aktuell nicht als eigenständiger Risikofaktor aufgenommen.
- Apolipoprotein B
Tabelle 1: Lipidparameter, die in Einzelfällen bestimmt werden können
|
Lipidparameter |
Bemerkungen |
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Apolipoprotein B (ApoB) |
Risiko- und Therapiemarker, könnte zuverlässiger bei Diabetes, Adipositas und Patienten mit hohem TGL (weil dadurch LDL-Bestimmung ungenau und zu tief kalkuliert wird) eingesetzt werden. |
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Non-HDL (= TC – HDL) |
Kann in gleichem Setting wie ApoB bestimmt werden. Seine Konzentration im Blut ist mit Langzeitrisiko für atherosklerotische kv Krankheiten (ASCVD) hoch assoziiert. (37) |
|
Lipoprotein (a)/Lp(a) |
Mässig erhöhtes Lp(a) > 50 mg/dl erhöht das Risiko für kv Erkrankungen in Anwesenheit anderer Risiken. Stark erhöht > 180 mg/dl gilt Lp(a) als isolierter Risikofaktor. Da genetisch determiniert, ist eine einmalige Bestimmung ausreichend |
Ergänzende Basis-Untersuchungen
- Blutdruckmessung
- BMI
- Blutzucker/HbA1c
- TSH (–> Ausschluss Hypothyreose bei Hypercholesterinämie)
- Leberfunktion (Transaminasen) als Basis-Assessment vor Beginn der Statintherapie und 8 Wochen nach Therapiebeginn bzw. Dosiserhöhung bei zusätzlichen Komorbiditäten, welche eine Hepatopathie mitverursachen könnten
- Kreatininkinase nur bei Angabe von Muskelschmerzen.
3. Individuelle Risikoevaluation
- Grundlage für eine Therapie-Empfehlung bei Hyperlipidämie ist die Einschätzung des individuellen kv Gesamtrisikos
- Einschlägige kardiovaskuläre Risiko-Scores schätzen populationsbasiert das statistische Ereignisrisiko insgesamt recht zuverlässig ab, sie definieren aber deutlich weniger zuverlässig den individuellen Nutzen einer Therapie bzw. die Therapieschwelle für Statine
- Risiko-Scores sind lediglich Hilfsinstrumente im Rahmen des shared decision makings. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die aus den Risikokalkulationen abgeleiteten Therapieempfehlungen insbesondere in der Primärprävention oft nicht ausreichend evidenzbasiert sind
- Die etablierten Risiko-Scores gründen teilweise auf unterschiedlicher epidemiologischer Basis. Manche beziehen auch das Lebenszeitrisiko und/oder die Auswirkungen therapeutischer bzw. Lifestyle-Massnahmen ein. Alle Scores weisen Vor- und Nachteile je nach Patientenpopulation auf (siehe Tabelle A1 im Anhang)
- mediX empfiehlt, die Scores (wenn überhaupt) nur für die Abschätzung des kv Risikos gemäss klinischer Situation zu verwenden und nicht für die Beurteilung der Therapieschwelle, die in Kapitel 4.3.1 definiert ist.
Risikomodifikatoren
- Risikomodifikatoren wurden als potentiell ergänzendes Instrument in der aktuellen ESC-Leitlinie (74) eingeführt, z. B. Koronarer Kalk (CAC)-Score*, Adipositas, Frailty, soziale Deprivation, Vorhofflimmern. Diese sind jedoch aktuell in keinem Risiko-Score aufgenommen, da sie bislang nicht sicher quantifizierbar sind. Sie können derzeit also (noch) nicht massgeblich als Entscheidungsgrundlage für eine Lipidtherapie herangezogen werden. Eine Ausnahme bildet das Lp(a) (siehe Kap. 2).
- Für eine routinemässige ergänzende Bildgebung gibt es keine Evidenz bei sonst asymptomatischen Patienten* –> s. a. mediX Guideline Check-up (dort Kap. 2.1 und Kap 3)
Anmerkungen
* Asymptomatische Karotis- und Femoralis-Plaques sind mit erhöhtem Risiko für kv Ereignisse assoziiert. Bislang gibt es aber keine Studien, welche die Frage nach der Wirksamkeit von Lipidsenkern bei Patienten mit gescreenten (nicht-relevant stenosierenden) Plaques zum Gegenstand haben. Es besteht also kein klarer Mortalitäts/Morbiditätsbenefit, wenn zufällig entdeckte oder gescreente Plaques im Sinne einer Primärprävention mit Lipidsenkern behandelt werden.
Der Nachweis asymptomatischer koronarer Verkalkungen im Herz-CT zeigt Übereinstimmung mit der atherosklerotischen Gesamtlast und Entstehung kv Ereignisse (6). Metaanalysen liefern jedoch keine ausreichenden Zusatzhinweise, dass die Hinzufügung von CAC-Score zu herkömmlichen Risiko-Scores einen klinischen Nutzen bringt. Die Indikation von Statinen in der Prävention von asymptomatisch zufällig entdeckten koronaren Verkalkungen ist somit nicht gesichert insbesondere auch angesichts von Kosten, Nebenbefundraten und Strahlenrisiken (42). Bei bereits behandelten Patienten ist die Bestimmung des CAC-Scores zur Risikostratifizierung ohnehin nicht sinnvoll (7) (siehe auch mediX GL Chronisches Koronarsyndrom, Kap. 3.3.2).
Familiäre Hypercholesterinämie und familiäre Dyslipidämie
- Bei stark gestörtem Lipidprofil und/oder positiver Familienanamnese von früheren kardiovaskulären Ereignissen muss an eine familiäre Hypercholesterinämie (FH) gedacht werden. Diese Patienten haben ein weit höheres kv Risiko als durch den AGLA-Score geschätzt wird: Das 10-Jahres-Risiko für Myokardinfarkt ohne Behandlung bei Männern ab 50 J. beträgt 50 %, bei Frauen ab 50 J. etwa 30 %
- Mögliche Hinweise auf eine FH können sein
- TC ≥ 8 mmol/l, LDL > 4,9 mmol/l (Erwachsene)
- TC > 6,7 mmol/l, LDL > 4,0 mmol/l (Kinder/Jugendliche)
- Vorzeitige kardiovaskuläre Ereignisse beim Indexpatienten oder in der Familie.
Wichtig
- Die Diagnose FH kann nicht allein anhand von Laborwerten gestellt werden
- LDL-C > 4,9 nmol/l findet sich bei ca. 10 % der älteren Bevölkerung
- Bei weniger als 2 % der Patienten mit LDL-C > 4,9 mmol/l bestätigt sich genetisch eine familiäre Hypercholesterinämie (84)
- Bei Patienten mit LDL-C > 4,9 mmol ohne FH und ohne weitere kv Risikofaktoren scheint das kv Risiko individuell unterschiedlich hoch zu sein (CoLaus-Studie [86])
- Bei hohem LDL-C sekundäre Ursachen ausschliessen: Hypothyreose, Nephrotisches Syndrom, cholestatische Lebererkrankungen, (schlecht eingestellter) Diabetes mellitus
- Bei Patienten mit FH wird ein Kaskadenscreening innerhalb der Familie empfohlen (93). Kinder, deren Vater oder Mutter eine FH haben, sollen gezielt genetisch abgeklärt werden. Bestätigt sich dabei eine FH, ist eine Statintherapie schon im Kindes-und Jugendalter zu erwägen, insbesondere wenn die LDL-Cholesterinwerte bereits sehr hoch sind (94). Für ein allgemeines Lipidscreening bei Kindern und Jugendlichen gibt es indessen keine hinreichende Evidenz (93).
Vorgehen bei Verdacht auf FH
- Es gibt keine verbindliche, evidenzbasierte Vorgehensweise
- Wichtiger als der LDL-Wert ist die Familienanamnese. Personen mit hohem LDL und ansonsten gesundem Lebensstil/fehlenden zusätzlichen Risikofaktoren erleiden nicht zwangsläufig einen vorzeitigen Herzinfarkt.
mediX empfiehlt
In der Primärprävention soll eine Behandlung erfolgen- Falls LDL > 4,9 mmol/l (Erwachsene) und Dutch Lipid Score über 6 sowie ausserdem zwingend folgende Faktoren gegeben sind
- Bei Patienten unter 40 J.: Behandeln, wenn zusätzliche kv Risikofaktoren vorhanden sind
- Bei Patienten ab 40 J.: Share decision making abhängig von der Familienanamnese (FA) und den Risikofaktoren; grundsätzlich behandeln bei positiver FA für kv Ereignisse, und zwar zehn Jahre früher beginnen als dem Alter, in dem der Familienangehörige ein kv Ereignis erlitten hat.
Hinweis: Es gibt fast nie eine KHK im Alter unter 30 Jahre, ausser bei starken Rauchern.
- Falls LDL > 4,9 mmol/l (Erwachsene) und Dutch Lipid Score über 6 sowie ausserdem zwingend folgende Faktoren gegeben sind
4. Therapeutisches Vorgehen
4.1. Behandlungsstrategie und Behandlungsziele
- Die ESC-Leitlinie und AGLA (8) empfehlen eine Behandlung der Dyslipidämie abhängig vom individuell ermittelten kv Gesamtrisiko
- Lebensstil-Massnahmen (–> Kapitel 4.2) stellen die Basis in der Primärprävention dar und sollten zuerst angestrebt werden, ebenso begleitend zusätzlich immer bei einer allenfalls notwendigen medikamentösen Behandlung. Rauchstopp und körperliche Bewegung weisen die besten Effekte auf
- Bei Indikation zu einer ergänzenden lipidsenkenden Therapie: Statine sind die Medikamente der 1. Wahl (–> Kapitel 4.3).
4.2. Lifestyle-Massnahmen
- Wichtig ist, im Gespräch mit dem Patienten herauszufinden, ob die Bereitschaft für Änderungen im Lebensstil besteht. Ist dies der Fall, soll der Patient darin gestärkt und unterstützt werden
- Verschiedene Lifestyle-Massnahmen wirken sich nicht nur auf den Lipidstoffwechsel aus, sondern auf Blutdruck, Gewicht und kv Gesamtmorbidität und Mortalität unabhängig vom Ausmass der LDL- Reduktion
- Für Raucher ist der Verzicht auf Tabakkonsum eine viel wirksamere Massnahme als jede lipidsenkende Therapie.
Folgende Massnahmen werden empfohlen (73)
- Physische Aktivität (schon ab 2‘500 Schritte gehen/Tag sind günstige kv Effekte zu erwarten), 8‘800 Schritte gehen/Tag den grössten Nutzen-Aufwand-Ertrag, bei Bewegung darüber hinaus nimmt der Grenznutzen stetig ab (77)
- Ernährung
Zu empfehlen ist eine mediterrane Diät (71), zu der auch ein regelmässiger Fischkonsum (mind. 2 x/Woche) gehört (19). Einschränkung des Fleischkonsums hat nur einen geringen kv Effekt (73).
Andere Ernährungsumstellungen wie besonders auf Lipide abgestimmte Diät sind mässig wirksam: Es erreichen nur ca. 30 % der Patienten mit spezifischen Interventionen eine ca. 30 %ige Reduktion des LDLs - Alkoholkonsum und gezuckerte Getränke begrenzen oder ganz weglassen
- Hohen Salzkonsum reduzieren, insbesondere bei Hypertonie.
Anmerkung: Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass starke Salzrestriktion (< 6 g/Tag) das kv Risiko erhöht (73). Eine Alternative kann kaliumreiches Salz sein (ausser z. B. bei Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz) - Gewichtsabnahme anstreben, insbesondere bei Adipositas.
⇒ mediX Patienteninfomation: Erhöhtes Cholesterin – Antworten auf die wichtigsten Fragen
Nicht zu empfehlen
- Omega-3-FS-Supplemente. Die in einem RCT ermittelte Wirksamkeit eines Supplements (21) konnte in diversen Folgestudien nicht bestätigt werden (63, 64). Das gilt auch für Fischölpräparate (20), dessen Herstellung zudem die Umwelt massiv schädigen.
4.3. Medikamentöse lipidsenkende Therapie
4.3.1 Primärprävention
Indikation
In der Primärprävention soll eine lipidsenkende Therapie je nach Risikoprofil (–> Kap. 3) in folgenden Situationen angeboten werden
- Patienten 40 bis 75 Jahre
- Gemäss USPSTF (U.S. Preventive Services Task Force): Bei geschätztem 10-Jahres-Risiko für kv Ereignisse von 10 % oder mehr (bei einem oder mehreren kv Risikofaktoren wie FH, Dyslipidämie, Diabetes, Hypertension und/oder Rauchen)
- Gemäss DEGAM (2017) und der AkdÄ (2023) kann im Regelfall auch ein 10-Jahres-Risiko für kv Ereignisse von 20 % als Schwelle für ein Statin-Therapieangebot angesetzt werden. Ausnahmen sind Patienten, die ein deutlich höheres Risiko im Vergleich zu gleichaltrigen Patienten aufweisen (dann Empfehlung gemäss USPSTF).
- Patienten > 75 Jahre: Nutzen und Risiken eines Therapiebeginns in hohem Alter lassen sich aktuell nicht abschliessend beurteilen (81), randomisierte Studien liegen nicht vor. Wichtige Erkenntnisse werden von den laufenden Studien STAREE und PREVENTABLE und STREAM erwartet.
mediX empfiehlt- Die Therapieschwelle soll bei einem kalkulierten 10-Jahres-Risiko für kv Ereignisse von 20 % angesetzt werden. Ein 10-Jahres-Risiko zwischen 10 und 20 % stellt einen Graubereich dar, bei dem individuell über eine Statintherapie entschieden werden sollte
- Bei Patienten > 75 Jahre soll derzeit keine Statintherapie neu begonnen werden
- Eine bestehende Statintherapie kann bei Patienten > 75 Jahre fortgesetzt werden, sofern nicht z. B. geringe Lebenserwartung oder Multimorbidität dagegen sprechen (82).
Nutzen
- Zum Nutzen einer primärpräventiven Statintherapie siehe auch Faktenbox (Harding Zentrum)
- Grundsätzlich gilt: Je höher das kardiovaskuläre Risiko ist, desto grösser ist der zu erwartende Nutzen einer Statintherapie
- Die Baseline-Lipidwerte beeinflussen die relative Risikoreduktion nicht signifikant (46)
- Bei Diabetikern (ohne kv Erkrankung) ist eine etwas höhere absolute Risikoreduktion zu erwarten als bei Nichtdiabetikern
- Time-to-benefit: Um in der Primärprävention ein schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis zu verhindern, müssen durchschnittlich 100 Personen (50–75 Jahre alt) 2,5 Jahre lang mit Statinen behandelt werden. Die Ereigniszeitanalyse bei Patienten mit moderatem bis hohem kv Risiko (47) deutet darauf hin, dass der Nutzen der Statintherapie mit längerer Nachbeobachtungszeit stetig zunimmt
- Die meisten Patienten können durch Statintherapie eine relative Risikoreduktion kardiovaskulärer Ereignisse von etwa 30 % erwarten (50, 51)
Beispiele
Bei einem kv Risiko von 20 %/10 Jahre kann das absolute Risiko um 6 % auf 14 % gesenkt werden
Bei einem kv Risiko von 10 %/10 Jahre kann das absolute Risiko um 3 % auf 7 % gesenkt werden.
Medikation
- Zur Lipidsenkung sollen i. d. R. Statine in Normaldosis (z. B. Atorvastatin 40 mg) eingesetzt werden (–> Kap. 5.3.1), Ausnahme: Familiäre Hypercholesterinämie!
- Es ist in der Primärprävention nicht belegt, dass eine Hochdosis-Statintherapie oder eine Titration auf Zielwerte einen relevanten Zusatznutzen hat.
4.3.2. Sekundärprävention
- In der Sekundärprävention sind Statine wegen ihrer pleiotropen/plaquestabilisierenden Wirkung auch dann indiziert, wenn die Cholesterinwerte nicht erhöht sind.
Strategie fixe Statindosis („fire and forget“)
Vorgehen und Nutzennachweis
- Bei dieser Strategie wird eine feste Statindosis ohne Anpassung an Zielwerte eingenommen. Weitere regelmässige Lipidbestimmungen mit Adjustierungen entfallen
- Die Strategie ist einfach, praktikabel und mit geringem Aufwand verbunden, die Patienten erleiden weniger Nebenwirkungen und die Compliance steigt dadurch
- Die Strategie vermeidet unnötige Therapieeskalationen mit Medikamenten von eher geringem Zusatznutzen bei vergleichsweise hohen Kosten (Ezetemib, PCSK9-Hemmer) –> siehe Kapitel 4.4.2 und 4.4.3
- In fast allen Lipidstudien wurden feste Dosen gegeben, sodass eine verlässliche Evidenzgrundlage mit eindeutigem Nutzennachweis besteht (11)
- Hochdosistherapie mit Statinen: Ein Nutzen ist lediglich belegt für Patienten mit manifester KHK ohne begleitende Herzinsuffizienz und Patienten ohne Niereninsuffizienz (22). Für Patienten mit PAVK oder nach ischämischem Insult liegen keine hinreichend belastbaren Daten vor (67)
- Der Zusatznutzen einer Hochdosistherapie ist bei KHK jedoch relativ gering: Um einen nichttödlichen Infarkt zu verhindern, müssen 100 Patienten über 5 Jahre in Statin-Hochdosis behandelt werden
- Dem möglichen Nutzen steht u. a. das leicht erhöhte Risiko gegenüber, einen Typ-2 Diabetes zu entwickeln (–> Kap. 4.4.1). Insgesamt ist die Verträglichkeit hochdosierter Statine deutlich eingeschränkt.
mediX empfiehlt
- In der Regel soll auch in der Sekundärprävention die Fire and forget-Strategie gewählt werden.
- Die fixe Statindosis soll in Normaldosis verabreicht werden, bei hohem kardialen Risiko kann auch eine Hochdosis-Statintherapie gewählt werden (bevorzugt Atorvastatin 80 mg, s. a. [62]), nach Aufklärung mit dem Patienten über Nutzen/Risiko Verhältnis
- Ausnahme: Im Fall rezidivierender kv Ereignisse kann eine Einstellung auf strenge Zielwerte (treat to target-Strategie) erwogen werden. Diese Hochrisikopatienten sollten vor einer solchen Entscheidung jedoch über den begrenzten Zusatznutzen informiert werden.
Treat-to-Target-Strategie
Vorgehen und Nutzennachweis
- Die Strategie geht von dem Axiom aus: Je stärker die LDL-Senkung, desto stärker die Senkung des kv Risikos. Grundlage für diese Annahme sind v. a. entsprechende Ableitungen aus Interventionsstudien und Metaanalysen (12, 22). Die Strategie beruht auf den Empfehlungen der European Society of Cardiology und wird u. a. von der Schweizerischen Kardiologischen Gesellschaft und der Arbeitsgruppe Lipide und Atherosklerose (AGLA) unterstützt
- Bei dieser Strategie wird die Lipidsenkertherapie an definierten strengen Zielwerten in Abhängigkeit vom individuellen kv Risiko ausgerichtet (–> siehe Tabelle A1 im Anhang) und versucht, diese bei Bedarf durch Therapieeskalation unter zusätzlichem Einsatz von Nicht-Statinen zu erreichen
- Wird das Therapieziel trotz maximal tolerierter Statindosis nicht erreicht, kann mit Ezetemib kombiniert werden (–> siehe Kap. 4.4.2)
- Wird das Therapieziel mit maximal dosiertem Statin + Ezetemib nicht erreicht, kann mit PCSK9-Hemmer kombiniert werden (–> siehe Kap. 4.4.3).
mediX Bewertung der Treat-to target-Strategie
- Die Überlegenheit einer Zielwert‐gerichteten Therapie ist bisher in keiner randomisierten Studie im Vergleich zu einer Strategie mit fixer Statindosierung eindeutig unter Beweis gestellt worden (65, 12)
- Die grosse Mehrheit der Patienten erreicht unter Real-life-Bedingungen die angestrebten Ziele (in der Sekundärprävention) nicht (–> Da Vinci Studie, Schwedische Registerstudie) und leidet unter deutlich mehr Nebenwirkungen als unter einer Standarddosis
- Der Nutzen einer Zusatztherapie mit Ezetimib und PCSK9-Hemmern ist begrenzt. In der Primärprävention können Erwachsene, die ein sehr hohes 10-Jahres-Risiko von > 30 % für kardiovaskuläre Krankheiten aufweisen (95) und die bereits die maximale Dosis von Statinen einnehmen oder die Statine nicht vertragen, von einer zusätzlichen Gabe von Ezetimib oder PCSK9-Inhibitoren eventuell profitieren – wobei der Nutzen bei tiefen LDL-Ausgangswerten fraglich ist (69) (–> siehe Kap. 4.4.2 und 4.4.3).
4.4. Lipidsenkende Medikamente
4.4.1. Statine
Medikamente der 1. Wahl zur Lipidsenkung
- Wirkung
- Die Intensität der LDL-Senkung variiert zwischen den verschiedenen Statinen, hängt von der Dosierung und genetischen Veranlagung ab. Statine mit moderater Intensität kommen auf 30–50 %, hochintensive auf eine ≥ 50 %ige LDL-Reduktion. Als potente Statine gelten Atorvastatin, Rosuvastatin und Pitavastatin
- Atorvastatin weist das beste Nutzen-Risiko-Verhältnis auf (62).
Tabelle 2: Statine – Dosierung und LDL-Senkung
|
Intensität |
Statin und Dosierung |
LDL-C-Senkung |
|
Gering |
Fluvastatin 20–40 mg |
< 30 % |
|
Moderat |
Atorvastatin 10–20 mg |
30–49 % |
|
Hoch |
Atorvastatin 40–80 mg |
≥ 50 % |
- Nebenwirkungen (UAW), Interaktionen und Kontraindikationen
- UAW auf die Muskulatur (23)
- Statin-assoziierte Myopathie (SAM), Myalgien. Häufigkeit 2–11 %, werden jedoch subjektiv überschätzt. Muskelbeschwerden (ohne CK-Erhöhung) sind im ersten Behandlungsjahr etwas häufiger als unter Placebo, im zweiten Behandlungsjahr nicht mehr (54)
- Sehr selten ist die schwerwiegende immunmediierte nekrotisierende Myopathie, die immunsuppressiv behandelt werden muss (–> Einzelheiten Swissmedic)
- Myositis und Rhabdomyolyse: Muskelschmerzen mit Erhöhung der CK um mindestens das 5-fache der oberen Normgrenze (einheitliche Grenzwerte liegen nicht vor). Häufigkeit: ca. 4 Fälle/100'000 Personenjahre. Über die Hälfte der Statin-induzierten Rhabdomyolyse-Fälle ereignen sich unter Komedikation.
Hinweis: Muskelsymptome beginnen meist innerhalb weniger Wochen bis 4 Monate nach Beginn der Statintherapie. Sie verschwinden nach Therapieabbruch innert weniger Tage bis 4 Wochen.
Management bei Statinintoleranz
Verschiedene Strategien sind möglich- Beendigung der Statintherapie (immer bei Rhabdomyolyse, ev. bei primärpräventiver Therapie), bei Muskelschmerzen auch ohne CK-Bestimmung, wenn Zusammenhang mit Statin offenkundi
- Ein anderes Statin wählen (z. B. Pravastatin, Fluvastatin in geringer Dosis
- Eine geringere Dosierung, ggfls. alternierend wählen (z. B. jeden 2.Tag oder 2 x/Wo
- Statin absetzen.
Hinweis: Coenzym Q10 100/200 mg/d wird zur Therapie wegen fehlenden Nutzennachweises (23, 24) nicht empfohlen.
- Erhöhtes Diabetesrisiko
- Statine erhöhen das Risiko zur Erst-Manifestation eines Typ-2-DM, insbesondere bei Hochdosistherapie (51, 25, 55, 56)
- Statine können zur Progression eines bestehenden Diabetes beitragen, inklusive Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für Beginn der Insulin-Therapie (57). Auf 13 Patienten, die mit Statin behandelt werden, kommt es bei 1 Person zu einer Diabetesprogression, NNH = 13 (57)
- Das Risiko ist erhöht bei vorbestehenden Diabetes-Risikofaktoren (Adipositas, Insulinresistenz), älteren Patienten, potenten Statinen und hoher Dosis.
- UAW auf Leber
- Die ALT als Korrelat für hepatozellulären Schaden steigt unter Statintherapie bei 0,5–2 %, meist ist der Anstieg nur minimal. Eine klinisch relevante Transaminasenerhöhung ≥ 3 ULN und v. a. eine relevante Hepatotoxizität oder Progress zu einem Leberversagen sind extrem selten. Das Routine-Monitoring von ALT unter Statintherapie wird nur empfohlen bei Komorbiditäten oder Komedikation und im Rahmen des Basis-Assessments.
- Risiko für hämorrhagischen Schlaganfall und Katarakt
- Es gibt eine geringe, aber signifikante Zunahme des hämorrhagischen Schlaganfallrisikos (ca. 1 zusätzlicher Fall pro 3'000 Personen, [88]). Ebenso scheint das Kataraktrisiko unter Statin-Langzeittherapie geringfügig erhöht zu sein (70).
- Interaktionen
- Alle Statine – ausser Pravastatin, Rosuvastatin und Pitavastatin – werden hepatisch über Cytochrom P450 metabolisiert. Ebenfalls CYP3A4-metabolisierte Substrate können potentiell interagieren und das Risiko für Myopathie und Rhabdomyolyse erhöhen. Es ist demnach empfohlen bei einer Statin Therapie immer einen Interaktionscheck mit jedem neu verordneten Medikament durchzuführen
- Zudem sind die Patienten zu instruieren, dass Grapefruitsaft zu signifikanten Interaktionen führen kann
- Ggfls. soll das Statin (z. B. bei Makrolidtherapie) vorübergehend abgesetzt werden oder man wechselt bei längerfristiger Komedikation mit einem CYP3A4-metabolisierten Medikament auf eines der folgenden Statine: Pravastatin, Rosuvastatin und Pitavastatin.
- Kontraindikationen
- Dekompensierte Leberzirrhose, akute Leberinsuffizienz, Cholestase; St. n. Statin-assoziierter Myositis/Rhabdomyolyse.
- UAW auf die Muskulatur (23)
4.4.2. Cholesterinabsorptionshemmer (Ezetimib)
- Ezetimib ist zugelassen zur 2nd-Line-Therapie bei Statin-Unverträglichkeit oder in Kombination mit einem Statin, wenn das Therapieziel im Rahmen der Treat-to-target-Strategie in Monotherapie nicht erreicht wird.
Nutzen einer (Zusatz-)therapie mit Ezetemib
- Kombinationstherapie
Lediglich in einer Studie (13) konnte bei Patienten mit ACS durch Zusatztherapie mit Ezetimib eine Reduktion nichttödlicher Herzinfarkte nachgewiesen werden (NNT: 63/7 Jahre). Die absolute Risikoreduktion war mit 2,0 % gering. Die Sterblichkeit wurde nicht beeinflusst - Bei Patienten mit manifester koronarer Herzerkrankung erwies sich eine Kombinationstherapie aus Statin und Ezetemib einer Hochdosis-Statintherapie als nicht unterlegen (66)
- Monotherapie
Bis heute liegt kein klinischer Nutzennachweis für diesen Lipdsenker vor (72).
4.4.3. PCSK9-Hemmer
- Evolocumab/Repatha® und Alirocumab/Praluent®. Applikation: 2- oder 4-wöchentlich subkutan
- Inclisiran/Leqvio® –> Applikation: Initialdosis, 2. Dosis nach 3 Monaten, dann alle 6 Monate subkutan
- Limitatio BAG
- Die Therapie bedarf einer Verordnung über Fachärzte (z. B. Diabetologe, Angiologe, Kardiologe) und Lipidspezialisten der AIM (Allgemeine Innere Medizin), sicherer nach Kostengutsprache durch den Krankenversicherer
- Limitatio BAG
- Die Therapie bedarf einer Verordnung über den Spezialisten (z. B. Diabetologe, Angiologe, Kardiologe) und Kostengutsprache durch den KrankenversichererEs gibt keine klaren Daten, dass Patienten mit LDL-Werten > 2,6 mmol/l (100 mg/dl) davon profitieren (69), ausser wenn das Risiko ≥ 30 % beträgt
- PCSK9-Hemmer werden als indiziert angesehen, wenn bei sehr hohem kv Risiko eine zusätzliche LDL-Senkung erforderlich ist, d. h. wenn mind.
3 Monate mit der maximal verträglichen Dosierung mit mind.
2 verschiedenen Statinen und/oder Ezetimib die LDL-Zielwerte nicht erreicht werden können- In der Sekundärprävention nach einem atherosklerotisch bedingten, ischämischen kv Ereignis und LDL > 1,8 mmol/l
- In der Primärprävention nur bei Hochrisikopatienten, mit ≥ 30 %
- LDL > 5,0 mmol/l bei einer FH
- LDL > 4,5 mmol/l bei Erwachsenen mit einer schweren heterozygoten FH mit zusätzlich mind. 1 der folgenden Risikofaktoren: DM, Lp(a) > 50 mg/dl bzw. 120 nmol/l, schwere Hypertonie.
Nutzen einer Zusatztherapie mit PCSK9-Hemmern
- In Studien konnte bei Hochrisikopatienten die Zahl der Herzinfarkte (NNT: 90/2,5 Jahre) und Schlaganfälle (NNT: 250/2,5 Jahre) gesenkt werden (14, 15)
- Es gibt keine klaren Daten, dass Patienten mit LDL-Werten > 2,6 mmol/l (100 mg/dl) davon profitieren (69), ausser wenn das Risiko ≥ 30 % beträgt
- Es konnte jedoch nicht belegt werden, dass PCSK9-Hemmer die Gesamtsterblichkeit oder die kardiovaskuläre Sterblichkeit reduzieren (14, 15)
- Von Alirocumab scheinen nur Patienten mit einem LDL-C Ausgangswert
≥ 2,6 mmol/l (100 mg/dl) profitieren zu können - Nur ca. 20 % der Patienten mit KHK erreichen unter Statintherapie einen Zielwert von 1,8 mmol/l (17).
Die weitere LDL-Senkung von 1,8 auf 1,4 mmol/l bedeutet einen vermehrten Einsatz der PCSK9-Hemmer und damit eine erhebliche Steigerung der Behandlungskosten (ca. 18.– CHF/d, zum Vergleich: Statin ca. 0.60 CHF/d) (18) - Inclisiran wird derzeit in Guidelines nicht explizit empfohlen. Ausgeprägte LDL-C Senkung ist nachgewiesen, ein Wirksamkeitsnachweis auf klinische Endpunkte steht aber aus. Ergebnisse werden 2026/2027 von den laufenden Studien Orion 4 und VICTORION-2P erwartet.
4.4.4 Weitere Medikamente
Die nachfolgenden Medikamente sind ebenfalls zur Lipidsenkung zugelassen. Allerdings ist bislang für die Präparate kein klinisch relevanter Nutzen nachgewiesen worden
1.Bempedoinsäure (Nilemdo®)
- Nutzennachweis
Monotherapie: Bei Patienten mit hohem kv Risiko kann eine geringfügige Senkung des Infarktrisikos erzielt werden (NNT: 91/3,4 Jahre). Im Gegensatz zu Statinen keine Senkung der Sterblichkeit oder des Schlaganfallrisikos (58).
Kombinationstherapie: Es ist unklar, ob Bempedoinsäure kv Ereignisse verhindert, wenn es zusätzlich zu moderat oder hoch dosierten Statinen oder zusätzlich zu Ezetimib (Nustendi®) verabreicht wird (59, 60) - Zulassung und Vergütung
Aktuelle Limitatio (Stand 05/2026): Kombinationstherapie vergütet mit Statin und/oder Ezetemib bei mind. 3 Monate intensivierte LDL-C-senkende Therapie mit max. verträglicher Dosis von Statin + Ezetimib und Nichterreichen der Zielwerte oder bei Unverträglichkeit von Statin oder Ezetimib alleine (Statin-Unverträglichkeit gilt als nachgewiesen bei: Myalgien unter mehreren Statinen oder CK ≥ 5 x oberer Normwert oder schwerer Hepatopathie). Kombination mit PSK9-Inhibitoren wird nicht vergütet.
2. Nikotinsäure(-derivat) Acipimox (Olbetam®)
- Keine Senkung der kardialen Morbidität oder Mortalität nachgewiesen.
3. siRNA (Inclisiran, Leqvio®)
- Aussagefähige Daten zur Wirkung von Leqvio auf die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität liegen bislang nicht vor.
5. Management der Dyslipidämie in speziellen klinischen Settings
5.1. Ältere Patienten
- Eine Statintherapie wird bei älteren Patienten (> 65 J.) sekundärpräventiv bei bekannter ASCVD vergleichbar wie bei jüngeren Patienten empfohlen, in der Primärprävention bis ≤ 75 J.
- In der Primärprophylaxe älterer Patienten mit hohem kv Risiko ist der limitierte Nutzen der Statintherapie (siehe Kap. 4.3) lediglich für die Altersgruppe zwischen 65–75 J. belegt, im Alter > 75 J. ist die Datenlage inkonsistent (29, 30)
- Nebenwirkungen treten bei älteren Patienten unter Statinen häufiger auf, insbesondere bei Kombination mit anderen Medikamenten, die wie Statine durch das Cytochrom-P450 metabolisiert werden (dadurch Hemmung des Statinabbaus mit konsekutiv erhöhten Statin-Serumspiegeln) oder bei höheren Statin-Dosierungen
- Bei Patienten in höherem Lebensalter wird daher empfohlen, das Statin bei Niereninsuffizienz und/oder potentieller Arzneimittelinteraktion in niedriger Dosis zu starten und dann nach Bedarf langsam aufzutitrieren.
5.2. Herzinsuffizienz
- Eine Statintherapie reduziert die Inzidenz einer Herzinsuffizienz bei Patienten mit KHK (31)
- Es gibt aber keine Evidenz, dass Statine eine Herzinsuffizienz nicht-ischämischen Ursprungs verhindern oder bei HFrEF (Herzinsuffizienz mit reduzierter LVEF) einen Benefit haben (32).
⇒ Siehe auch mediX Guideline Herzinsuffizienz
5.3. Chronische Niereninsuffizienz
- Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz (CKD) weisen häufig Lipidanomalitäten aller Art auf
- Die meisten Patienten mit CKD haben aufgrund ihrer traditionellen Risikofaktoren ein hohes prognostiziertes 10-Jahres-kv Risiko.
Laut AGLA-Risikorechner werden Patienten mit mindestens moderater Niereninsuffizienz grundsätzlich der Personengruppe mit hohem kv Risiko zugeordnet (–> Tabelle A1 und AGLA) - Der Nutzen einer Statintherapie bei CKD ist grundsätzlich belegt, zuletzt durch eine umfangreiche Cochrane-Analyse (74, 48, 49). Ausnahme: Bei Patienten unter Hämodialyse wird die Statintherapie wegen fehlender Wirksamkeit nicht empfohlen (33, 34).
⇒ Siehe auch mediX Guideline Chronische Niereninsuffizienz
mediX empfiehlt
- Bei Patienten mit CKD und kardiovaskulärer Erkrankung gelten dieselben Empfehlung für die Sekundärprävention (siehe Kapitel 4.3.2)
- Bei Patienten mit CKD ohne bekannte kardiovaskuläre Erkrankung und einem geschätzten 10-Jahres-Risiko für kv Ereignisse von mindestens 10 % im AGLA-Score sollte ein Statin angeboten werden (jedoch nie bei hämolysepflichtigen Patienten!)
- Atorvastatin sollte bevorzugt eingesetzt werden, da keine Dosisanpassungen bei nachlassender Nierenfunktion erforderlich sind und das Statin positive Effekte auf Proteinurie und den Erhalt der Nierenfunktion hat (76).
5.4. Hypertriglyzeridämie
Bedeutung
- Erhöhte TGL-Werte werden als eigenständiger, aber schwacher kv Risikofaktor angesehen. Der Nutzen einer TGL-senkenden Therapie ist – ausser bei exzessiver Hypertriglyzeridämie (dann insbesondere zur Vermeidung von Pankreatitiden) – aber nicht bewiesen.
Therapie
- Es gibt keine zuverlässigen Studiendaten, die Auskunft darüber geben, welche Patienten mit Hypertrigylzeridämie behandlungsbedürftig sind und wenn ja, mit welcher Therapie
- In erster Linie sind nichtmedikamentöse Massnahmen indiziert: Alkoholkarenz, Gewichtsabnahme bei Adipositas, aerobes Training, Vermeiden von Medikamenten, welche Triglyzeride erhöhen, bei Diabetikern strikte BZ-Kontrolle, Hypertonie behandeln, Nikotinabstinen
- Es gibt keine überzeugenden Daten für den Nutzen von Fibraten.
mediX empfiehlt- Fibrate können eingesetzt werden, wenn die Triglyzeridwerte trotz maximaler Lebensstilinterventionen und Unterstützung über mehrere Monate immer über 5 mmol/l liegen.
6. Anhang
Tabelle A1: Verschiedene Risikokalkulatoren zur Anwendung bei Gesunden, bei kardiovaskulär Erkrankten und Diabetikern
|
Score |
Anwendung (Alter) |
10-Jahres kv Risiko |
Lebenszeitrisiko |
Anmerkungen |
|
Für gesunde Patienten ohne kardiovaskuläre Ereignisse/ohne Diabetes |
||||
|
PREVENT calculator (78) |
30–79 J. |
Ja
|
Ja/Nein |
Vorteile
Nachteile
Vergleich
|
|
AGLA* (2025) |
Ab 40 J. (Männer) bzw.
|
Ja |
Nein/Nein |
Vorteil
Nachteile
Vergleich
|
|
SCORE2/SCORE2-OP (39, 40) |
40–89 J. |
Ja |
Nein/Nein |
Vorteile
Nachteil
Vergleich
|
|
LIFE-CVD2 (28) |
35–89 J. |
Ja |
Ja/Ja |
Vorteile
Nachteil
Vergleich
|
|
40–75 J. |
Ja |
Nein/Ja |
Vorteile
Nachteil
Vergleich
|
|
|
Für Patienten mit kardiovaskulären Krankheiten |
||||
|
40–80 J. |
Ja |
Nein/Ja |
Vorteile
Nachteil
Vergleich
|
|
|
45–80 J. |
Ja |
Ja/Ja |
Vorteil
Nachteil
Vergleich
|
|
|
Für Patienten mit Diabetes mellitus |
||||
|
40–69 J. mit Diabetes ohne Folgeerkrankungen |
Ja |
Nein/Nein |
Vorteil
Nachteile
Vergleich
|
|
|
30–85 J. |
Ja |
Ja/Ja |
Vorteile
Nachteil
Vergleich
|
|
|
Kv Risiko |
AGLA-Score* |
LDL-Zielwert |
|
|
10-Jahres-Risiko für… |
|
|
Niedrig |
< 10 % |
< 3 mmol/l |
|
Moderat |
10–20 % |
< 2,6 mmol/l |
|
|
T2DM1 gut kontrolliert und von kurzer Dauer |
|
|
Hoch |
> 20 % |
< 1,8 mmol/l |
|
|
Moderate NI5 ohne DM oder ASCVD6
|
|
|
|
FH8 ohne weiteren RF |
|
|
|
T2DM* ohne ASCVD und/oder ohne schweren Endorganschaden, sofern die Kriterien für moderates Risiko nicht erfüllt sind |
|
|
sehr hoch |
|
< 1,4 mmol/l |
|
|
Bestehende ASCVD |
|
|
|
T2DM* mit bestehender ASCVD und/oder schwerem Endorganschaden:
|
|
|
|
Schwere NI ohne DM oder ASCVD
|
|
|
|
FH + 1 weiterer RF |
|
|
Extrem hoch
|
Rezidivierendes kv Ereignis innert 2 Jahren trotz BMT |
< 1 mmol/l |
1 T2DM = Typ 2 Diabetes mellitus
2 T1DM = Typ 1 Diabetes mellitus
3 Endorganschaden = Mikroalbuminurie, Retinopathie, Neuropathie
4 RF = ASCVD-Risikofaktoren
5 NI = chronische Niereninsuffizienz
6 ASCVD = klinisch manifeste oder durch Bildgebung nachgewiesene atherosklerotische kv
Erkrankung
7 ACR = Albumin-Kreatinin-Quotient
8 FH = Familiäre Hypercholesterinämie
* Patienten mit T1DM, die älter als 40 Jahre sind, können auch darunter klassifiziert werden.
⇒ * Für Anwender des ESC-Scores
Der ESC SCORE 2/SCORE 2-OP unterscheidet nicht zwischen niedrigem und moderatem Risiko, sondern fasst beide Kategorien zusammen. Zu den detaillierten Kriterien der AGLA- und ESC-Risikokategorien –> siehe hier.
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8. Impressum
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Diese Guideline wurde im Februar 2025 aktualisiert. Herausgeberin Redaktion Autoren |
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