Diagnostik und Assessment
Die Diagnose beruht auf dem Zusammenspiel von Anamnese, charakteristischen Symptomen und spirometrischem Nachweis der bronchialen Obstruktion
- Anamnese
- Charakteristische Symptome sind: Pfeifendes Atemgeräusch, Atemnot, Engegefühl in der Brust, anhaltender Husten
- Spirometrie mit Nachweis der Obstruktion (FEV1/FVC < 70 % des Sollwertes, < 90 % bei Kindern) und Reversibilität (postdilatatorische Zunahme des FEV1 um > 12 % und 200 ml bei Erwachsenen; bei Kindern um > 12 %
- Hyperreagibilitätstest mit Metacholinprovokation
- Indikation: Bei unklarer Diagnose (z. B. typische Asthmasymptome bei normalen Lungenfunktionstests und fehlender Reaktion auf Bronchodilatation)
- Aussagekraft: Hoher negativer Vorhersagewert (NPV: 97 %), d. h. ein negatives Testergebnis schliesst mit hoher Wahrscheinlichkeit das Vorliegen von Asthma aus
- FeNO* (beim Spezialisten)
Indikation: Unklare Diagnose bei Patienten mit typischen Asthmasymptomen.
* Der FeNO-Test ist ein nicht-invasiver Test, der im Gegensatz zum Metacholinprovokationstest die Typ-2-Entzündung/eosinophile Inflammation (sowohl allergisch als auch nicht-allergisch) der Atemwege widerspiegelt - Allergietests: Zum Nachweis einer klinisch relevanten Sensibilisierung vom IgE-Typ
- Indikation: Wenn Asthma-Symptome nach Exposition gegenüber Aeroallergenen auftreten
- Tests: Differentialblutbild mit Bestimmung der Eosinophilenzahl, Gesamt-IgE (Serum), spezifische IgE-AK und Prick-Test mit Inhalationsallergenen
Asthmakontrolle bei jeder Visite!
- Objektive Beurteilung der Asthmakontrolle
- Symptomkontrolle der letzten 4 Wochen, Risikofaktoren für einen ungünstigen Verlauf, Messung der Lungenfunktion
- Asthma-Tagebuch
- Messung der Obstruktion mit Spirometrie oder PEF
- Asthma Control Test (ACT): ACT Erwachsene, ACT Kinder
- Behandlungsprobleme erkennen
- Inhalationstechnik, Nebenwirkungen, schriftlichen Behandlungsplan und Asthma-Aktionsplan überprüfen (http://www.lunge.ch, http://www.lunge-zuerich.ch), dokumentieren
- Begleiterkrankungen erkennen und behandeln
- Nicht behandelbare Allergien, Rhinitis, Rhinosinusitis, Adipositas, GERD, Angst, Depression, obstruktive Schlafapnoe
- Verlaufskontrollen
- Erhaltungstherapie wirkt rasch, Wirkmaximum aber erst nach 3–4 Monaten
- Kontrolluntersuchung möglichst 1–3 Monate nach Anpassung der Behandlung, anschliessend ca. alle 3–12 Monate (abhängig u. a. vom früheren Therapieansprechen und Selbstmanagement des Patienten)
- Schwangere: Kontrolluntersuchung alle 4–6 Wochen
- Exazerbation: Kontrolluntersuchung innert einer Woche
- Risikofaktoren für Exazerbation erkennen
- Asthmasymptome nicht unter Kontrolle
- ICS nicht verordnet, schlechte ICS-Adhärenz, falsche Inhalationstechnik
- Häufige Anwendung von SABA
- Niedriges FEV1, v. a. wenn < 60 % des Sollwertes
- Gravierende psychische oder sozioökonomische Probleme
- Rauchen; Allergenexposition (bei Sensibilisierung)
- Begleiterkrankungen: Adipositas, Rhinosinusitis, Lebensmittelallergie
- Sputum- oder Bluteosinophilie
- Schwangerschaft
- Vorherige intensivmedizinische Behandlung wegen Asthma
- Eine oder mehrere schwere Exazerbationen in den letzten 12 Monaten
Therapie
- Gute Symptomkontrolle, Minimierung des Exazerbationsrisikos und der medikamentösen Nebenwirkungen
- Gute Symptomkontrolle: Nicht häufiger als 2 x/Woche Symptome, die Inhalation eines kurz wirksamen Betaaganoisten erfordern; normale körperliche Aktivität, ohne Husten und Atemnot
Stufentherapie gemäss Asthmakontrolle
- Step-up bei ungenügender Symptomkontrolle und/oder Exazerbationen oder Risikosituationen (saisonale Beschwerden, virale Infekte). Vor Ausbau der Therapie zuerst Inhalationstechnik und Adhärenz überprüfen
- Step-down bei erreichter Symptomkontrolle/Beschwerdefreiheit über 3 Monate und niedrigem Risiko für Exazerbationen
Für Kinder < 12 Jahren, siehe Vollversion und Kinderpneumologen mit einbeziehen
Stufe 1
- 1. Wahl: Fixkombination ICS und Formoterol (LABA) bei Bedarf.
- Bei ungenügender Kontrolle: Niedrig dosierte tägliche Dauertherapie
- Alternative zur Fixkombi ICS/Fomroterol: Bei jeder Anwendung eines SABA zusätzlich ICS anwenden
Stufe 2
- 1. Wahl: Fixkombination ICS und Formoterol (LABA) bei Bedarf
- Zu Behandlungsbeginn: Applikation inhalativer Kortikodsteroide 2 x/d
Ausnahme: Ciclesonid (Alvesco®) und Arnuity Ellipta® (≥ 12 Jahren): 1 x/d - Bei ungenügender Kontrolle: Niedrig dosierte tägliche Dauertherapie
- Bei Adhärenzproblemen, Nebenwirkungen unter ICS oder Ablehnung von ICS kann auf Stufe 2 auch LTRA Montelukast verabreicht werden
Cave: LTRA: Warnung („boxed warning“) der FDA in Bezug auf die Anwendung von Montelukast alleine oder in Kombination aufgrund schwerwiegender psychiatrischer Nebenwirkungen. Aktuell kritische Abwägung der Indikationsstellung für diese Präparatklasse erforderlich.
⇒ LTRA sind weniger wirksam als ICS!
Stufe 3
- Das MART- oder SMART-Konzept (single inhaler maintenance and reliever therapy) besteht aus der Kombination eines ICS mit Formoterol (FABA) und kann gleichzeitig sowohl als Erhaltungs- als auch als Bedarfstherapie eingesetzt werden (LABA nur in Kombination mit ICS)
- 1. Wahl: MART: Niedrig dosierte tägliche Basistherapie mit ICS und Formoterol (z. B. 1 Hub) und zusätzlich bei Bedarf als Reliever
- Alternativ: Niedrig dosierte Basistherapie ICS/LABA
- Falls LABA nicht vertragen werden: LAMA (Spiriva®) oder in begründeten Einzelfällen LTRA
Stufe 4
- Eine erstmalige persistierende Exposition gegenüber Schadstoffen oder Allergenen und die Einnahme neuer Medikamente erfragen. Zudem an weitere Faktoren wie die Beteiligung der oberen Atemwege („united airways“) und mangelnde Adhärenz denken
- Diagnose in Zusammenarbeit mit Pneumologen überprüfen
- 1. Wahl: Mittlere Dosis ICS/Formoterol als Basistherapie und zusätzlich bei Bedarf
- Jugendliche unter 18 Jahren: Bei unzureichender Asthmakontrolle unter mittelhochdosierten ICS in Kombination mit LABA (bzw. in begründeten Einzelfällen mit LTRA) sollte vor weiterer Dosissteigerung des ICS ein Therapieversuch mit LAMA (Spiriva®) als zusätzliche Therapie erfolgen, steht aber für Jugendliche nicht als Fixkombination zur Verfügung, sondern nur als Zusatzpräparat in einem separaten Inhalator.
Stufe 5
- 1. Wahl: Add-on LAMA zu ICS (in hoher Dosis) und Formoterol.
Vorzugspräparate: Trimbow® und Enerzair® - Alternativ: Einige Patienten profitieren von einer Add-on Therapie mit niedrig dosiertem oralen Kortikosteroid (OCS). Wegen systemischer Nebenwirkungen sollten OCS jedoch möglichst vermieden werden
- Phänotyp-Bestimmung beim Spezialisten, +/- anti-IgE, anti-IL5/5R, anti-IL 4R
- Falls durch einen Spezialisten Biologika verordnet werden
Abbildung 1: Medikamentöse Stufentherapie (aus: GINA, 2025) für Patienten ab 12 Jahren
- Management durch den Patienten: Meist liegen ca. 5–7 Tage zwischen Beginn der Symptomverschlechterung und der Notfallsituation.
Bei Symptomverschlechterung oder Abfall des PEF < 80 %: ICS-Dosis verdoppeln oder vervierfachen - Bei Werten < 50 % des persönlichen PEF-Bestwertes empfiehlt sich die Einnahme systemischer Steroide und der Arztkontakt
- In der Praxis
- Vitalzeichen
- Objektivierung des Schweregrads
- Thorax-Röntgen
- Therapie in der Praxis
- Vorgehen siehe unter mediX FS Notfälle in der Praxis: Akuter Asthmaanfall
- Zu Diagnose und Management des Asthmaanfalls im (Klein-)Kindesalter siehe auch mediX GL Pädiatrische Notfälle
- Informationen zu Asthma
- Beherrschung der Inhalationstechnik
- Schriftlicher Asthma-Aktionsplan -> http://www.lunge.ch, http://www.lunge-zuerich.ch
- Selbstmonitoring und Selbstkontrolle
- Regelmässige medizinische Kontrolle
- Schwangere Asthmapatientinnen sollten auf alle Fälle regelmässig kontrolliert werden und im Selbstmanagement instruiert sein. Die meisten Exazerbationen treten zwischen der 24. und 36. SSW auf. Gerät das Asthma ausser Kontrolle, kann das verschiedene Komplikationen mütterlicherseits und für den Fötus nach sich ziehen
- Therapie
- Medikamente, welche für die Asthmabehandlung empfohlen sind, können auch während der Schwangerschaft und in der Stillzeit angewendet werden – mit Ausnahme von LTRA, die in der Schwangerschaft nur in Ausnahmefällen verordnet werden sollen
- Bei akuter Verschlechterung des Asthmas in der Schwangerschaft sind auch perorale Steroide einzusetzen. Zudem ist für eine genügende O2-Sättigung (95 %) Sorge zu tragen