Guideline Kurzversion

Reizdarmsyndrom (Colon irritabile)

Erstellt von: Dr. med. U. Beise Zuletzt aktualisiert: 09/2024

Diagnostik

  • Reizdarmsyndrom (RDS) liegt vor, wenn folgende 3 Punkte erfüllt sind (3)
    • Es bestehen chronische, d. h. länger als 3 Monate anhaltende oder rezidivierende Beschwerden (z. B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patienten und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen
    • Die Beschwerden sollen begründen, dass der Patient deswegen Hilfe sucht und/oder sich sorgt, und sie sollten so stark sein, dass die Lebensqualität dadurch relevant beeinträchtigt wird
    • Voraussetzung ist, dass keine für andere Krankheitsbilder charakteristischen Veränderungen vorliegen, die wahrscheinlich für diese Symptome verantwortlich sind
  • Symptomatik
    • Chronisch rezidivierende Beschwerden mit diffusem schmerzhaften und geblähten Abdomen und Bauchkrämpfen, die periodisch auftreten und von unterschiedlicher Intensität sind
    • Unterschiedliche, wechselnde Konsistenz des Stuhls (von Durchfall bis Obstipation)
    • Imperative, repetitive Defäkationen
    • Defäkation bringt Erleichterung, bei Nahrungsaufnahme oder Stress nehmen die Beschwerden zu
    • Lange Vorgeschichte ähnlicher Symptome
    • postinfektiöser Symptombeginn
    • Ausschluss von Warnzeichen (red flags, s. Abschnitt Alarmzeichen)
  • Psychosoziale Anamnese (v. a. Angst, Depression, Stress)
  • Berufsanamnese
  • Medikamentenanamnese
    (Antibiotika, NSAR, PPI, SSRI, Statine, Laxativa sind mit Entwicklung/Verschlimmerung der Symprtome assoziiert)
  • Ernährungsanamnese
  • Familienanamnese (chronisch entzündliche Darmerkrankung?)
  • Alter > 50 J.
  • (Eisenmangel-)Anämie
  • Neu aufgetretene Beschwerden
  • Gewichtsverlust
  • Blutiger Stuhlgang

Diagnostik

  • Umfassende Anamnese inkl. red flags
  • Ev. Stuhlprotokoll und Symptomtagebuch
  • Körperliche Untersuchung
    Palpation Abdomen, ggfls. rektale Untersuchung (bei Stuhlveränderungen und Blut ab ano obligat), extraintestinale Veränderungen an Augen, Gelenken, Haut
  • Labor: Hämatogramm, BSG
  • Ev. Abdomen-Sonographie und/oder Röntgen Abdomen (Frage nach latenter Obstipation mit paradoxer Diarrhö)
  • Bei Frauen gynäkologische Untersuchung inkl. Vaginalultraschall (Endometriose, Ovarialzysten, Ovarial-Ca?)

Nach Symptom

Differentialdiagnose

Diarrhö

Labor

Zöliakie

Hyperthyreose (selten)

Infektiöse, chronisch verlaufende Enterokolitiden

Chronisch entzündliche Darmerkrankung

Abklärung Kohlenhydratmalabsorption

Laktoseintoleranz

FODMAP-Intoleranzen (Laktose-/Fruktoseintoleranz)

Koloskopie

Colitis ulcerosa, Morbus Crohn
Mikroskopische Kolitis (Biopsieentnahme), paradoxe Diarrhö bei Kolon-Ca

Malabsorption

Chronische Pankreatitis, Pankreasinsuffizienz
(–> s. a. GL Abdominalschmerzen)

Idiopathische oder postoperative Gallensäuremalabsorption (70–90 % sprechen sofort auf Cholestyramin an)

Obstipation

Labor

Hypothyreose (selten)

Koloskopie

Kolon-Ca, stenosierende Divertikel

Blähungen

Kohlenhydrat-Malabsorption 

Laktoseintoleranz

Laktose-/Fruktoseintoleranz

Schmerzen

Labor und Stuhl

Chronisch entzündl. Darmerkrankungen

Porphyrie
(–> siehe GL Abdominalschmerzen)

Magen-Darm-Attacken bei Angioödem

Gastroskopie

Ulkuskrankheit (siehe GL Funktionelle Dyspepsie, GL Ulkuskrankheit/H. pylori-Infektion und GL Abdominalschmerzen

Bildgebung

GI Tumore, Ovarial-Ca, Stenosen, mesentereale Ischämie

Hinweis: Mikrobiom-Analysetests haben zur Zeit keine klinische Relevanz und sollten nicht durchgeführt werden!

⇒ Wenn die Abklärung keine Hinweise auf eine andere Erkrankung ergeben hat, sollen Patienten eine symptomorientierte Behandlung und Beratung erhalten

Therapie

Allgemeine Beratung

  • Patienten beruhigen und über die Harmlosigkeit/Gutartigkeit des RDS aufklären
  • Den Betroffenen soll das Krankheitsbild erklärt werden, z. B. als Störung der Darm-Hirn-Achse. „Der Darm ist unser 2. Gehirn und hat mehr Nervenzellen als das Gehirn“
  • Therapieplan besprechen und realistische Erfolgsaussichten formulieren, den Plan bei Bedarf individuell im Verlauf anpassen
  • Nutzen von Ernährungsumstellung und Stressbewältigung hervorheben
  • Patienten über den probatorischen Charakter eines medikamentösen Therapieversuchs aufklären
  • Zu (mehr) körperlicher Aktivität anregen

Ernährungsberatung

  • FODMAP-Diät wird bei Patienten mit Schmerzen, Blähungen und Diarrhö empfohlen – unter Anleitung einer Diätberaterin, FODMAP-Diät kann auch bei Patienten mit Obstipation als Leitsymptom versucht werden
  • Bei einigen Patienten kann ein Verzicht auf blähende Speisen sinnvoll sein, wie z. B. auf Hülsenfrüchte (Erbsen, Bohnen, Linsen), Zwiebeln, Knoblauch, Sellerie, Kohl (Blumen-, Rosenkohl) sowie Trauben, Bananen, Aprikosen, Pflaumen, Brezeln und Bagels
  • RDS-Patienten mit Laktoseintoleranz sollten eine laktosearme Diät einhalten
  • Ballaststoffe und Obst können problematisch sein, da sie zu Gasbildung führen. In löslicher Form (s. Tabelle in Kapitel „Medikamente“) können sie jedoch hilfreich sein

Massnahmen zum Schutz des Mikrobioms

  • Ballaststoffreiche und/oder fermentierte Nahrungsmittel; ausgewogene Ernährung mit unverarbeiteten und saisonalen Produkten, Zucker und Salz einsparen
  • Genügend Flüssigkeit, keine zuckerhaltigen Süssgetränke
  • Verzicht auf hochverarbeitete (industrielle) Lebensmittel, die häufig ungesunde Zusatzstoffe enthalten
  • Keine Nahrungsergänzungsmittel und keine Diäten ausser in spezifischen Situationen (z. B. Vitamin B12-Ersatz bei veganer Ernährung) oder spezifischen Morbiditäten (z. B. glutenfreie Ernährung bei Zöliakie)

Rationaler, zurückhaltender Gebrauch von Antibiotika (insbesondere bei nicht gefährlichen Infektionen) – und keine „Therapie“ eines gestörten Mikrobioms mit Antibiotika oder Fungistatika

Substanz

Präparat (Beispiele)

Anmerkungen

Lösliche Ballaststoffe

 

Metamucil, Normacol, Flohsamenschalen
Beginn 3–4 g/Tag mit 1 Glas Wasser vor dem Zubettgehen

·     Normacol verursacht erfahrungsgemäss weniger Blähungen als Metamucil und Flohsamen

Loperamid

Imodium lingual
¼–½ Tbl. vor der Mahlzeit

·     Möglicherweise bei einigen Patienten Zunahme abdominaler Beschwerden in der Nacht

Gallensäurebinder
Colestyramin

Quantalan
½–2 Sachets/Tag 

·       Bei Hinweisen auf chologene Diarrhö
–> Die Behandlung sollte innert 3 Tagen ansprechen!

Substanz

Präparat (Beispiele)

Anmerkungen

Plyethylenglykol (PEG)-Lösungen (osmotische Laxanzien)

Molaxole, Movicol, Transipeg
1 Beutel 1–4 x tgl. 

 

Laxantien vom Macrogoltyp

Macrogol
1–2 Sachets tgl. in 125 ml Wasser gelöst

·     Verbessern Defäkationsfrequenz und Stuhlkonsistenz; Schmerzintensität, Blähungen werden jedoch kaum beeinflusst

Paraffin

Paragol
3–9 Messlöffel (> 12 J.) vor dem Schlafengehen

·     Nicht während Schwangerschaft und Stillzeit

Bisacodyl

Dulcolax Bisacodyl
1–2 Tbl oder 1 Zäpfchen vor dem Schlafengehen

·     NW: Abdominale Krämpfe und abdominale Schmerzen, Übelkeit, Diarrhö

·     Nicht während der Schwangerschaft; in der Stillzeit erlaubt

Substanz

Präparat (Beispiele)

Anmerkungen

Pfefferminzöl

Carmenthin/Colpermin Kps
1 Kps. morgens + mittags mind. 30 min vor dem Essen

Bei Schmerz und Blähungen

Phytotherapeutikum STW 5

Iberogast
3 x tgl. 20 Tr.

 

·     V. a. bei Blähungen

·     Wirkung tritt verzögert ein

·     Reevaluation nach 2 Monaten

·     NW: Lebertoxisch (selten, aber gravierend), nicht bei Patienten mit Leberschäden einsetzen!

Spasmolytika

Mebeverin (Duspatalin retard) 2 x tgl. 1 Kps.

Pinaverin (Dicetel)
3 x tgl. 1 Tbl.

 

  • Psychotherapeutische Verfahren sind indiziert bei schweren, ansonsten therapieresisten Beschwerden sowie bei begleitenden psychischen Erkrankungen, aber auch auf Patientenwunsch
    • Psychoedukative Elemente («kleine Psychotherapie») und angeleitete Selbsthilfestrategien (z. B. mithilfe eines Patientenhandbuchs oder internetbasierter Selbsthilfeprogramme) – auch beim Hausarzt  (–> s. a. FS Körper-Stress-Syndrom)
    • Strategien zur Stressvermeidung und/oder Krankheitsbewältigung (Coping)
    • RDS-spezifische kognitive Verhaltenstherapie kann eine wirksame Behandlung für alle RDS-Symptome sein
    • Körpertherapie und bauchgerichtete Hypnose (Gut-directed Hypnosis)

Komplementärmedizinische Verfahren sollten unterstützt werden, wenn der Patient diese favorisiert (obwohl eine Evidenz für deren routinemässigen Einsatz fehlt)

  • Biofeedback (v. a. bei dysfunktionaler Defäkation und bei Blähbauch
  • Akupunktur
  • Viszerale Osteopathie
  • Yoga
  • Shiatsu