Guideline Kurzversion

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Erstellt von: Dr. med. U. Beise Zuletzt aktualisiert: 06/2026

Diagnostik

  • Abdominalbeschwerden (Durchfälle, Bauchkrämpfe, Blähungen)                                                                
    • Bei fast allen NM-Unverträglichkeiten möglich, bei „Pseudoallergien“ umstritten
  • Hautveränderungen (Urtikaria, Juckreiz, Flush, Konjunktivitis)
    • V. a. bei Histaminintoleranz, Intoleranz auf Nahrungsmittelzusatzstoffe sowie Nahrungsmittelallergie; Spezialfall: Urtikaria nur bei Kombination Weizen/andere (Kreuz-)Allergien und Sport
  • Luftwege (Rhinitis, Asthma)
    • Histaminintoleranz und Intoleranz auf Nahrungsmittelzusatzstoffe, Nahrungsmittelallergie
  • Kopfschmerzen
    • Bei Histaminintoleranz
  • Nahrungsmittelaversion
    • Bei fast allen NM-Unverträglichkeiten möglich
  • Dysphagie
    • Bei Eosinophiler Ösophagitis
  • Orales Allergie-Syndrom (OAS)
    • Bei Allergien; auch Kreuzallergien
  • Bei akut auftretenden Beschwerden nach Genuss spezieller Nahrungsmitteln (z. B. OAS nach Verzehr von Obst) i. d. R. keine weitergehende Diagnose erforderlich –> Weglassen des auslösenden Nahrungsmittels

Ansonsten

  • Sorgfältige (Ernährungs-) Anamnese
    • Ernährungs-Symptom-Tagebuch
    • Wenn Bauchbeschwerden im Vordergrund stehen, sollen Patienten darauf hingewiesen werden, dass diese Beschwerden auch physiologischerweise ausgelöst werden können
  • Weglassversuch
    • Bei jedem Intoleranz- oder Allergieverdacht sinnvoll (ausser bei anaphylaktischen Reaktionen)
    • Für NM-Unverträglichkeit sprechen
      • Besserung bzw. Verschwinden der Symptome unter Karenz
      • Reproduzierbares Auftreten der Symptome unter erneuter Belastung (zur Sicherung unbedingt empfohlen)
  • Prick-Test oder spezifische IgE-Bestimmung
    • Nur bei klarem Allergieverdacht auf ein spezifisches Nahrungsmittel. Positive Testreaktionen beweisen nicht die klinische Relevanz des getesteten Nahrungsmittels!
  • H2-Atemtest
    • Nur bei Laktoseintoleranz genügend Evidenz für die Zuverlässigkeit des H2-Atemtest (nur bei explizitem Abklärungswunsch)
  • Nicht empfohlen
    • IgG-AK-Test (ausser bei Zöliakie), IgG4, ALCAT (Antigen Leukocyte Cellular Antibody)

 

Laktoseintoleranz

  • Probatorisch laktosearme Ernährung. Alternativ: Provokationstest, z. B. 2 Gläser Milch trinken und schauen, ob sich die Symptome einstellen. H2-Atemtest nur bei ausdrücklichem Abklärungswunsch des Patienten
  • Striktes Meiden von laktosehaltigen Nahrungsmitteln für kurze Zeit (ca. 2 Wochen)
  • Anschliessend Austesten der individuell verträglichen Laktosemenge
  • Die grosse Mehrheit der Patienten verträgt den Laktosegehalt von einem Glas Milch (12 g), v. a. bei Verteilung über den Tag
  • Patienten auf nötige zusätzliche Kalziumzufuhr hinweisen
  • Ev. bei Bedarf Laktasekapseln (30 min vor Zufuhr grösseren Mengen Laktose einnehmen)

Histaminintoleranz

  • Es gibt keinen validierten Test zur Diagnosestellung! 
  • Goldstandard: Karenz von 2 Wochen (Besserung durch histaminarme Kost), dann gezielte Wiedereinführung mit Tagebuch (bis 6 Wochen), bei Reexposition: Rezidiv
  • Symptom- und Ernährungstagebuch: Identifizieren von Auslösern und Aufdecken von Begleitumständen.
    Beachte: Diagnostik erschwert durch hohe Schwankungsbreite des Histamingehalts in Lebensmitteln gleicher Sorte (je nach Frische bzw. Reifegrad)
  • Pragmatisch: Über einen definierten Zeitraum mit Antihistaminika behandeln (keine Dauertherapie), um zu prüfen, ob sich das Beschwerdebild verändert
  • Erst danach: Ausschluss chronisch entzündlicher Magen-Darm-Krankheiten (Calprotectin im Stuhl), NM-Allergie (Pricktest), Zöliakie serologisch, Mastozytose (Serum-Tryptase), Laktoseintoleranz, ev. Fruktosemalabsorption
  • Diät, die arm an Histamin, biogenen Aminen und Histaminliberatoren ist (unbedingt mit einer spezialisierten Ernährungsberatung)
  • Medikamente kommen nur diagnostisch (siehe oben) oder unterstützend zur Diät zum Zuge
    • Antihistaminika (doppelte therapeutische Dosis) zur Unterstützung über drei bis vier Wochen
    • Prophylaktisch DAO-Substitution mit Daosin® (2 Kapseln eine halbe Stunde VOR der Mahlzeit). Daosin wird von der KK nicht übernommen.

Zöliakie

  • Abklärung bei
    • Abklärung eines Reizdarmsyndroms
    • Zahnschmelzdefekten
    • Nicht erklärbarer Transaminasenerhöhung
    • Nicht erklärbarer Eisenmangelanämie
    • Typ-1-Diabetes
    • Nahe Verwandte mit Zöliakie
  • Labor
    • IgA-Transglutaminasen-AK (oder IgA-Endomysium-AK)
  • Gastroskopie (6 Duodenalbiopsien) wenn AK positiv
  • Keine glutenfreie Kost zur Diagnosefindung! (AK nicht mehr nachweisbar!)
  • Glutenfreie Diät
  • Ernährungsberatung (ev. FODMAP Diät bei persistierenden Beschwerden)
  • Im 1. Jahr nach der Diagnosestellung –> nach 6–12 Monaten Beurteilung der Klinik und Diät
    • Labor (nur Parameter, die zum Zeitpunkt der Zöliakie-Diagnosestellung pathologisch waren)
      • Verlauf der Zöliakie-spezifischen AK (frühestens nach 6 Monaten)
      • Hämatogramm nach 12 Monaten
      • Dexa bei bestätigter Malabsoption/hohem Risiko für Osteoporose
    • Kontroll-Gastroskopie mit Duodenalbiopsien nach 12 Monaten nur in folgenden Ausnahmefällen
      • Schlechtes Ansprechen auf glutenfreie Diät u./o. fehlende AK-Antwort auf glutenfreie Diät
  • Ab 2. Jahr nach Diagnosestellung
    • Individuell, je nach Befinden (lebenslang)

Nahrungsmittelallergien

Stufenweises Vorgehen zur Aufdeckung von NM-Allergien

1. Nahrungsanamnese

  • NM-Allergie wahrscheinlich bei
    • Bekannter Inhalationsallergie oder Atopie
    • Allergiesuggestiven Beschwerden wie oraler Pruritus oder Symptome, wie Urtikaria, Asthma
    • Beschwerden in engem zeitlichen Zusammenhang mit Nahrungsmittelgenuss (Minuten bis wenige Stunden)

2. Ernährungstagebuch

3. In vivo-/In vitro-Diagnostik

  • Haut-Prick-Test (auf Lebensmittelextrakte, Umweltantigene, Schimmelpilze, Gewürze etc.): Dient v. a. der Ausschlussdiagnose (NPV: > 95 %)
  • Gesamt-IgE und allergenspezifisches IgE: Ergänzend oder alternativ zu Prick-Test. Nachweis von spezifischem IgE gegen pollenassoziierte NM-Allergene immer bei systemischen Reaktionen!
    Beachte: Ein positiver Test entspricht einer Sensibilisierung und ist nur mit korrespondierenden Symptomen klinisch relevant. Eine Sensibilisierung ohne Symptome sollte nicht als Allergie gedeutet werden

4. Oraler Provokationstest (OPT)

  • Kann v. a. bei chronischen oder verzögert auftretenden Beschwerden (Ekzem, GI-Symptome) sinnvoll sein. OPT ist nicht erforderlich bei
    • Patienten mit zweifelsfrei zuzuordnenden anaphylaktischen Reaktionen auf definierte Nahrungsmittel
    • Pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien im Sinne eines OAS mit passendem Sensibili­sierungsmuster und Klinik
  • Karenz (Eliminationsdiät) einzige Therapie mit nachgewiesener Wirksamkeit
  • Individuelle Ernährungstherapie
  • Nach 1–2 Jahren Allergenkarenz kann für einige Nahrungsmittel eine Reexposition erwogen werden (Toleranzentwicklung)
  • Ev. Abgabe eines Notfallsets (Antihistaminikum, Prednison, ev. Adrenalin-Autoinjektor) mit Schulung
  • Schweregrad I: Auf die Haut beschränkt (Juckreiz, Flush, Angioödem, Urtikaria)
    • Antihistaminikum, Glukokortikoid, Nachbeobachtung
  • Schweregrad II–IV: Beteiligung von Respirationstrakt (Dyspnoe, Larynxödem, Bronchospasmus, Zyanose) und Herz-Kreislauf-System

Pseudoallergien auf Nahrungsmittelzusatz oder -inhaltsstoffe

Die häufigsten Auslöser sind

  • Arzneimittel: Radiologische Kontrastmittel (es gibt auch echte allergische Reaktionen auf KM), NSAR, Opiate, ACE-Hemmer, Sartane
  • Nahrungsmittelinhaltsstoffe
    • Lektine: Z. B. in Erdbeeren Zitrusfrüchte
    • Salicylate: Z. B. in Beeren, Trauben, Wein, Ananas, Gurken, Oliven, Äpfeln oder Aprikosen
    • Biogene Amine: Z. B. Hering, Kaviar, Gouda, Cheddar, Trauben, Rotwein, Tomaten
  • Konservierungsstoffe
    • Z. B. Benzoesäure (E 210–214) oder Sorbinsäure (E 200–203), manche Säuerungsmittel
  • Das diagnostische Vorgehen bei NM-bedingten pseudoallergischen Reaktionen ist nicht standardisiert und umstritten
  • Haut- und Labortests werden nicht empfohlen. Die akute pseudoallergische Reaktion ist dosisabhängig!
  • Bei der chronischen Symptomatik des MD-Traktes oder der Haut (chronische Urtikaria) wird – bei hohem Leidensdruck – eine vierwöchige Eliminationsdiät vorgeschlagen. Einzelheiten unter AWMF-Leitlinien
  • Orale Provokation mit NM-Zusatzstoffen führt nur selten zu reproduzierbaren Symptomen und sollte deshalb nur unter Begleitung einer Ernährungsberaterin stattfinden
  • Karenz der auslösenden Nahrungsmittel
  • In der akuten Situation Behandlung wie allergischer Notfall (Antihistaminika p.o., ggfls. i.m. oder i.v.; Steroide p.o., ggfls. i.v.; Adrenalin i.m. oder i.v. bei Kreislaufinstabilität) –> Anaphylaxie-Notfall-Set