Genitale Beschwerden bei der Frau (Factsheet)

Erstellt von: Dr. med. Brigitte HostettlerZuletzt revidiert: 09/2018 Letzte Änderung: 09/2018

Frauen mit genitalen Beschwerden in der allgemeinmedizinischen Sprechstunde

Jucken, Brennen und Schmerzen der Vulva sowie genitaler Fluor sind häufige Probleme in der gynäkologischen Sprechstunde.
Wir unterscheiden akute von chronischen Beschwerden
Frauen mit chronischen Vulvabeschwerden haben meistens lange Krankengeschichten mit erfolglosen Behandlungen und sollten einer Gynäkologin, einer Dermatologin oder einer Spezialsprechstunde am Spital zugewiesen werden.

Chronische Beschwerden gibt es z. B. bei

  • Lichen sclerosus
  • Lichen planus
  • Psoriasis der Vulva
  • Ekzem
  • Dysplasien
  • Chronische Hautbeschädigung (z. B. Überwaschung, falsche Pflege).

Akute Beschwerden gibt es bei

  • Infektionen
  • Hautverletzungen (z. B. nach GV oder nach Rasur)
  • Kontaktallergien
  • Parasitenerkrankungen (selten)
  • Fremdkörpern in der Vagina (z. B. vergessener Tampon).

Eine Zuweisung zur Gynäkologin bei akuten Beschwerden ist empfohlen in folgenden Fällen

  • Zusätzliche Unterleibsschmerzen
  • Vaginale Blutung, blutiger Fluor
  • Komplexe Situationen bei Schwangeren
  • Unklare Befunde.

Das ABC der gynäkologischen Untersuchung

Anamnese

  • Dauer der Beschwerden, Lokalisation, zusätzliche Symptome (Schmerzen, Blutung, Dysurie), Ausfluss, letzte Menstruation, bisherige Behandlungen, Antibiose.

Inspektion der Vulva

  • Rötung, Schwellung, Bläschen, Ulzerationen, weissliche Hautveränderungen.

Spekulumeinstellung der Vagina mit Beurteilung des Fluors

  • Normal ist weisser oder durchsichtiger, geruchloser Fluor.

pH-Messung am Scheidensekret

  • Auftragen von Scheidensekret auf den pH-Streifen, normaler pH 4-4,5 (sauer).

KOH-Probe

  • Wattestäbli mit Vaginalsekret wird betropft mit KOH (15%ige Kalilauge): normal ohne Geruch.

Erstellen eines Nativpräparates und Beurteilung unter dem Mikroskop

Scheidensekret wird mit einem Wattestäbli auf einen Objektträger gegeben, vorher dort einen Tropfen NaCl platzieren, Deckgläsli, Beurteilung unter dem Mikroskop

  • Normal: Plattenepithelien, Leukozyten, Milchsäurebakterien (Laktobazillen), normales Verhältnis Plattenepithelien zu Leukozyten 3 : 1
  • Bei Infekt Verhältnis Plattenepithelien zu Leukozyten < 1 : 3
  • Entnahme eines Abstriches für Bakteriologie von Vulva und Vagina
  • Abstrich für PCR bei V. a. Herpes (aus Bläschen) oder Chlamydien, Gonokokken.

Beachte: Für den Chlamydien- und Gonokokkennachweis reicht ein Vaginalabstrich. Eine gynäkologische Untersuchung mit Speculum-Untersuchung ist nicht unbedingt erforderlich.

Akute Krankheitsbilder infektiöser Ursache

Soor-Infektion (Candida-Vulvitis, -Colpitis)

  • In 90 % Candida albicans, 40 % aller Erwachsenen sind besiedelt (Darm, Mund, Genitale, Füsse), 20 % aller Frauen haben eine asymptomatische Besiedelung der Vagina
  • Es gibt mehrere andere Candida-Typen, diese sind meist nicht pathogen
  • Soor ist keine Geschlechtskrankheit; nur bei symptomatischem Partner ist eine Partnerbehandlung notwendig.

Gardnerellen-Infektion (Synonym: Amincolpitis, bakterielle Vaginose)

  • Häufigste mikrobiologische Störung des Scheidenmilieus durch Vermehrung von Gardnerella vaginalis und Anaerobiern. Gardnerella vaginalis wird oft auch bei asymptomatischen Frauen nachgewiesen. Keine Geschlechtskrankheit, keine Partnerbehandlung notwendig.

Herpes genitalis (HSV)

  • Infektion durch Herpes simplex Virus Typ I oder II. Infektion über direkten Hautkontakt beim Geschlechtsverkehr, auch von oral nach genital. Durchschnittlich ist jeder 5. Erwachsene HSV-2-positiv. Primärinfektion mit HSV-2 verläuft meistens asymptomatisch. Ansteckung in mehr als 2/3 durch asymptomatische Virusausscheidung. Hohe Rezidivrate, die Rezidive verlaufen milder als der symptomatische Erstinfekt.

Chlamydien-Infektion

  • Häufigste sexuell übertragbare Krankheit, Infektion mit Chlamydia trachomatis im Bereich des Zylinderepithels von Urethra und Zervix
  • In 90 % asymptomatisch, kann als Komplikation u. a. zu Eileiterentzündung (Adnexitis), Tuboovarial-Abszess und Sterilität führen
  • Partner immer mitbehandeln!
  • Bei Frauen ist Kontroll-Abstrich 6 Wochen nach Therapie empfohlen.

Tabelle 1: Symptome und Befunde

 

Tabelle 2: Therapien (Präparateauswahl und Dosierung, Anwendung in der Schwangerschaft)

Zusätzlich mögliche Massnahmen bei Vulvitis und Colpitis

  • Waschen mit pH-neutraler Lotion oder Seife (z. B. Lubex®, Lactacyd®)
  • Einfetten des Genitales mit Fettcreme (z. B. Excipial®, Deumavan®)
  • Aufbauen des normalen Scheidenmilieus nach Therapie mit Gynoflor® Vaginal-Tbl. abends vor dem Schlafen für 6 d
  • Lokale Östrogenisierung bei Frauen nach der Menopause
  • Verzicht auf Scheidenspülungen, aggressive Intimrasur, Überwaschung.

Ausführlichere Informationen über sexuell übertragbare Krankheiten auf
mediX Guideline Sexuell übertragbare Krankheiten

Literatur

  1. AWMF online, Bakterielle Vaginose (BV) in Gynäkologie und Geburtshilfe, AWMF-Leitlinienregister Nr. 015/028, S1.
  2. Stefan Lautenschlager, Herpes-simplex-Infektion der Haut, Schweiz Med Forum 2013;13(36):703-708.
  3. Eiko E. Petersen, Infektionen in Gynäkologie und Geburtshilfe, Thieme-Verlag, 3. Auflage, 1997.
  4. Petersen, Chronische vulvo-vaginale Candidose, Frauenarzt 2007, 48, Nr. 3.
  5. Petersen, Chronischer Juckreiz im Genital, Ars Medici 13+14, 2011.
  6. Petersen, Urogenitale Beschwerden von der Infektion bis zur Dermatose: Woran muss bei der Untersuchung auch gedacht werden?, J Urol Urogynäkol 2008;15(3).
  7. Pfeiffer, Aktuelles: Bakterielle Vaginose und Fluomizin, Journal für Gynäkologische Endokrinologie 2013; 7 (4).
  8. Roland Zimmermann, Handbuch Geburtshilfe, Zürich 2012.
  9. ch, online, by Documed.

Autorin: Dr. med. Brigitte Hostettler, FMH für Gynäkologie und Geburtshilfe, mediX Gruppenpraxis, Zürich
Erstellt: 09/2018

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