Long Covid/PASC (Post acute sequelae of SARS-CoV-2 infection) (Factsheet)

Erstellt von: PD Dr. med. Corinne ChmielZuletzt revidiert: 03/2022 Letzte Änderung: 06/2022

Definition

  • Es existiert noch keine universelle Definition für „Long Covid“ oder PASC. Die WHO hat in einem Konsensus-Statement im Oktober 2021 versucht, mittels 12 Domänen eine Vereinheitlichung der Definitionen zu erzielen. In der grossflächigen klinischen Forschung ist diese jedoch nicht angekommen
  • Folgende Definitionen werden in den Studien häufig gebraucht:
    • Akuter Covid-19-Infekt: Bis zu 4 Wochen
    • Anhaltend symptomatischer (prolongierter) Covid-19-Infekt: 4 bis 12 Wochen
    • Post-Covid-19-Syndrom: Anhaltende Beschwerden über 12 Wochen, die nicht durch eine alternative Diagnose erklärt sind „Long Covid“ ist der Überbegriff für ein bis mehrere Symptome, die nach einer akuten Covid-19-Infektion persistieren oder auftreten, ab 4 Wochen. 

Prävalenz 

  • Daten zur Prävalenz von anhaltenden Symptomen nach Covid-Infekt variieren je nach Studie und Land auf Grund unterschiedlicher Einschluss- und Messkriterien und teilweise unseriösen Studiendesigns massiv (1,8 –89 %).
  • Die meisten Studien weisen keine Kontrollgruppe von Patienten ohne durchgemachten Covid-Infekt auf
  • Gemäss aktuellem Wissenstand, unter anderem auch aus Schweizer Kohortenstudien und internationalen Metaanalysen von seriöseren Studien, scheint eine Prävalenz von mindestens einem anhaltenden Symptom länger als 12 Wochen nach Covid-Infekt in folgenden Situationen realistisch zu sein:
    • Median nicht hospitalisierter Erwachsener: 14 % (7,5–41 %)
    • Gemischter Median (hospitalisiert und nicht hospitalisiert) Erwachsene 26 % (2,3–53,1 %)
    • Eine Studie bei hospitalisierten Erwachsenen: 37,6 %
    • Median von mehrheitlich nicht hospitalisierten Kindern und Teenager (2–3,5 %). 
    • Beachte: In diesen Studien sind vor allem die initialen Virusvarianten dominant gewesen. Die Prävalenz von anhaltenden Symptomen scheint auch von der Virusvariante abhängig zu sein. Bei der Omicron-Variante scheint die Prävalenz deutlich niedriger auszufallen. Aber auch dazu fehlen noch verlässliche Daten
  • Real-Life-Daten zeigen eine Prävalenz innerhalb von 3 Monaten nach Symptombeginn: Leichtes PASC 20 %, mittelschweres 4 %, schweres 3 %, welches nach 12 Monaten auf 1 % regrediert. Die Gradierung in leicht, mittel, schwer wird jedoch uneinheitlich gehandhabt
  • Frauen, ältere Personen, Vorhandensein von gewissen Komorbiditäten wie Übergewicht und der Schweregrad der akuten Erkrankung scheinen prädisponierende Faktoren für länger anhaltenden Symptome zu sein, die Qualität der Daten für eine solche Korrelation ist jedoch schlecht
  • Abgesehen vom Grad der körperlichen Aktivität, wurden bisher keine protektiven Faktoren berichtet.

Pathomechanismus

  • Die Ursachen sind nicht geklärt
  • Ähnliche Verläufe sind auch bei anderen Coronaviren bekannt (SARS und MERS), und diese haben pathophysiologische Parallelen mit einem post-akuten Covid-19
  • Es werden immunologische/inflammatorische, latent anhaltende Virusaktivität und gerinnungstechnische Aspekte im Sinne einer Multisystemerkrankung diskutiert.
  • Es scheint pathophysiologische Überlappungen mit myalgischer Encephalitis zu geben, z. B. nach EBV-Infekt und Chronic Fatigue Syndrom. Psychosomatische Aspekte scheinen häufig mitzuspielen. Eine Tendenz zur Überlappung mit Traumatisierungserlebnissen in der Vergangenheit scheint sich herauszukristallisieren.
  • Die grosse Mehrheit der Patienten mit prolongierten Symptomen durch postakutes Covid ist nur leicht im Alltag beeinträchtigt, ohne dass eine medizinische Behandlung in Anspruch genommen wird.

Prognose

  • 8–22 % der Patienten berichteten über eine gewisse Beeinträchtigung in ihrem täglichen Leben, Familie und sozialer Funktionsfähigkeit. Auch hier wurden in den wenigsten Studien Skalierungen und Verläufe seriös erhoben. Zudem variieren die Daten massiv in Kohorten mit und ohne Hospitalisation wegen akutem Covid. Auch die Variabilität der in den Studien genannten Zahlen betreffend Arbeitsausfall ist immens
  • Symptome können, nach einer initial nach Abklingen des akuten Infekts beschwerdearmen oder sogar beschwerdefreien Zeit, wieder oder auch neu auftreten und im Verlauf schwanken
  • Die Ausprägung der Beschwerden kann durch bestimmte Trigger variieren (psychische oder körperliche Belastung, Menstruation, Hitze, Alkohol etc.)
  • Die meisten Betroffenen erholen sich teilweise langsam oder spontan mit ganzheitlicher Unterstützung, Ruhe, symptomatischer Behandlung und langsamer Steigerung der Aktivität
  • Es gibt Hinweise darauf, dass eine Covid-19-Impfung die Symptome von Patienten mit Long Covid positiv beeinflussen kann (–> BMJ, 2022)
  • Schwerwiegende gesundheitliche Komplikationen sind sehr selten
  • Deshalb sollten Betroffene pragmatisch behandelt und Überdiagnostik sollte vermieden werden.

Mögliche Symptome

Die Symptome nach akutem Covid-19 sind sehr unterschiedlich (Tabelle 1). In den Studien wurden bisher 205 verschiedene Symptome von 10 verschiedenen physiologischen Regionen/Organregionen beschrieben. Die meisten Studien klassifizieren die erwähnten Symptome nicht nach Schweregrad und auch nicht wie häufig deswegen eine Fachperson konsultiert worden ist.
Die am häufigsten berichteten Symptome umfassen: Müdigkeit, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, Geruchs- und Geschmacksveränderungen, kognitive Beeinträchtigungen, Schlafstörungen und Angstzustände, anhaltender Husten, und Depression. Einige Patienten berichten über einzelne vorhandene Symptome, andere über mehrere gleichzeitig oder abwechselnd vorhandene Symptome.

Es scheint sich ein deutliches Cluster an Symptomen herauszukristallisieren, dass Post-Covid-Symptome von hospitalisierten Patienten sich deutlich unterscheiden von denjenigen, die nicht hospitalisiert werden. Bei den hospitalisierten Patienten überwiegen organspezifische Symptome, z. B. pulmonale bei Intubierten. Bei den nicht hospitalisierten Patienten überwiegen Allgemeinsymptome wie Müdigkeit/Fatigue/Leistungsintoleranz und kognitive Beeinträchtigungen. Bestrebungen sind im Gange, diese Entitäten wissenschaftlich voneinander zu trennen.   



Tabelle 1: Mögliche Long-Covid-Symptome

 * Link: Covid-Zehen


Warnsignale für weitere Abklärungen

  • Schwere Hypoxie oder Sauerstoffentsättigung während körperlicher Belastung
  • Zeichen einer schweren Lungenkrankheit
  • Kardiale Thoraxschmerzen
  • Multisystem Inflammatory Syndrome (bei Kindern)
  • Im Verlauf neu auftretende, lange anhaltende, sich nicht verbessernde oder verschlechternde kardiale, respiratorische oder neurologische Symptome.

Empfohlene Basis-Diagnostik

  • Labor: Blutbild, Leberwerte, Kreatinin, CRP
    • Bei Müdigkeit/Niedergeschlagenheit: Ferritin, BNP, TSH
    • Bei thorakalen Beschwerden zusätzlich Troponin, allenfalls D-Dimere.
      Hinweis: Diese Parameter können im Rahmen eines postinfektiösen Geschehens falsch positiv ausfallen, aber ein negatives Resultat kann die klinische Unsicherheit reduzieren.
  • Thorax-Röntgen: 12 Wochen nach akuter Infektion, bei anhaltenden pulmonalen Symptomen, und wenn bisher noch keines angefertigt wurde
  • Allenfalls Orthostase-Test: Dieser kann den Patienten deutlich vor Augen führen, dass das vegetative Nervensystem eine Dysregulation aufweist und als Basis zu konkreten Handlungshinweisen dienen
  • Allenfalls Belastungstoleranztest in der Praxis mit Pulsoxymetrie, angepasst an die Fähigkeiten der Patientinnen und Patienten (z. B. 1-Minute-Sit-to-Stand-Test, 40 Schritte gehen so zügig wie möglich), Messprotokoll führen mit Skala für Atemnot, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung.

Beratung Betroffener ohne Warnsignale

  • Die Betroffenen mit einem neuen Covid-19-Infekt oder anhaltenden Beschwerden mündlich oder schriftlich über mögliche Symptome informieren und beruhigend auf sie einwirken
  • Es gibt aktuell keine etablierte Therapie gegen Long Covid. Vitamine, Supplemente oder sogar systemische Steroide haben keinen oder sogar einen schädlichen Effekt
  • Betreffend Erholungszeit informieren, dass diese individuell sehr unterschiedlich ausfällt, dass aber die meisten Symptome nach 12 Wochen abklingen
  • Die Wahrscheinlichkeit, ein Long-Covid-Syndrom zu entwickeln, steht in keinem Zusammenhang mit der Schwere der akuten Infektion und ist auch unabhängig davon, ob man hospitalisiert war oder nicht
  • Wenn neue oder anhaltende Symptome auftreten, können sie sich unvorhersehbar ändern.
  • Die Problematik langanhaltender Symptome (ab 3 Monate) mit Arbeitsausfall und drohender Invalidität im Rahmen eines PASC wurde von der Swiss Insurance Medicine erkannt. Es werden aktuell Empfehlungen für die versicherungsmedizinischen Abklärungen erarbeitet mit dem Ziel eines standardisierten Algorithmusses.

Selbstmanagement

  • Unterstützung bieten in der Diskussion mit Vorgesetzten und Schulen über die Rückkehr zur gewohnten Lebensweise, phasenweise Wiedereinstieg ermöglichen
  • Über Warnsymptome aufklären, wann eine Ärztin/ein Arzt konsultiert werden sollte
  • „Shared Decision Making“ anwenden zur Entscheidung, ob der spontane Verlauf der Beschwerden noch beobachtet werden kann oder ob weitere Untersuchungen indiziert sind
  • Je nach Situation Feedback-Intervall definieren.

 

Mögliche Überweisungen/Links

 

Literatur

  1. Nehme M, Braillard O, Alcoba G, et al.: COVID-19 symptoms: longitudinal evolution and persistence in outpatient settings. Ann Intern Med. 2020. 2020:M20-5926. doi: 10.7326/M20-5926.
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  4. Townsend L, Dowds J, O'Brien K, et al.: Persistent poor health post-COVID-19 is not associated with respiratory complications or initial disease severity. Ann Am Thorac Soc. 2021. doi: 10.1513/AnnalsATS.202009-1175OC.
  5. NICE. COVID-19 rapid guideline: managing the long-term effects of COVID-19. 2020. https://www.nice.org.uk/guidance/ng188; letzter Zugriff: 11.11.2021.
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  10. Ziyad AA, et al.: High-dimensional characterization of post-acute sequelae of COVID-19. Nature 2021, April 22. DOI: 1038/s41586-021-03553-9.
  11. Nittas V, Puhan M, et al.: Long COVID: Evolving definitions, burden of disease and socio-economic consequences. BAG, 27.12.2021 (unter „Dokumente“ aufrufen).
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Autorin: PD Dr. med. Corinne Chmiel                                                                                                                         06/2022

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