Otitis media

Erstellt von: Olivia Stanimirov, Claire KojimaZuletzt revidiert: 05/2022 Letzte Änderung: 05/2022

Aktualisierung 05/2022

  • Die Guideline wurde vollständig durchgesehen und auf Aktualität geprüft.
  • Die Antibiotikatherapie wurde an die aktuellen Empfehlungen angepasst
    (s. Kap. 4.2).



1. Epidemiologie

  • Im ersten Lebensjahr traten bei 23 % der Kinder ≥ 1 Episode einer akuten Otitis media (AOM) auf; im Alter von 3 Jahren hatten 60 % ≥ 1 Episode von AOM und 24 % ≥ 3 Episoden. Die höchste Inzidenz trat im Alter von 6 bis 12 Monaten auf (1)
  • Im Erwachsenenalter ist eine AOM eher selten.

 

2. Pathogenese

  • Die OM entsteht in den meisten Fällen auf dem Boden eines viralen Infektes der oberen Atemwege. Diese dient als Wegbereiter für eine aszendierende Infektion über die Tuba Eustachii und führt zu einer schmerzhaften, meist bakteriellen Entzündung der Schleimhäute des Mittelohres. Durch die Tubenschwellung ist die Drainage behindert, sodass ein Durchbruch durch das Trommelfell nach aussen erfolgen kann
  • Erreger: Diverse Viren meist als Wegbereiter, im Verlauf dann aufgepfropft zusätzlich Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis, Pneumokokken, Streptococcus pyogenes.

 

3. Klinik und Diagnostik

  • Symptome: Plötzlich auftretende Ohrschmerzen, Hörminderung, Fieber, Appetitlosigkeit, Reizbarkeit, Weinen, reduzierter AZ. Kleine Kinder mit AOM, insbesondere Säuglinge, können unspezifische Symptome und Anzeichen aufweisen (z. B. Fieber, Unruhe, gestörter oder unruhiger Schlaf, schlechte Nahrungsaufnahme/Anorexie, Erbrechen, Durchfall)
  • Diagnostik: In der Otoskopie gerötetes, gelblich oder wolkiges Trommelfell (TF). Die Diagnose ist wahrscheinlich, wenn das TF nach aussen gewölbt und entdifferenziert ist, hinter dem Trommelfell ein Flüssigkeitsspiegel zu erkennen ist oder ein perforiertes TF und/oder eine Otorrhoe vorliegen.
    ⇒ Beachte: Auch bei Erkrankungen der oberen Atemwege kann das TF leicht gerötet sein. Eine ausschliessliche Rötung des TF ist kein zuverlässiges Zeichen einer AOM
  • Komplikationen (sehr selten): Mastoiditis*, Hörverlust (passager oder andauernd), Meningitis, Sinusvenenthrombose, Rezidive.

    Mastoiditis-Zeichen: Typischerweise verstärken sich die Ohrschmerzen plötzlich wieder und das Fieber nimmt zu. Das Gewebe über dem Mastoid ist geschwollen, gerötet und druckempfindlich, ausserdem steht die Ohrmuschel aufgrund der Schwellung ab, der äussere Gehörgang ist verengt. Die Kinder sind meist schwer krank. Sofortige Überweisung an einen HNO-Spezialisten!

    ⇒ Beachte: Druckempfindlichkeit kommt aufgrund geschwollener aurikulärer Lymphknoten auch bei Erkrankungen der oberen Atemwege vor
    ⇒ 
    Beachte: Schüttelfrost kann auf eine Sepsis oder Sinusvenenthrombose hinweisen.

 

4. Therapie

 Ziel: Verkürzung und Linderung der Schmerzen und anderer Symptome und Verhinderung von Komplikationen.

4.1. Symptomatische Therapie (Analgetika) (3)

Paracetamol und NSAR sind Mittel der Wahl zur Schmerzlinderung.

  • NSAR (1. Wahl)
    Dosierung
    Ibuprofen (Algifor® Junior, Algifor® Dolo Junior) 30 mg/kgKG/d, verteilt auf drei Einzeldosen (Wirkdauer: ca. 8 h) oder
    Mefenacid Suppsitorien oder
    Diclofenac (Voltaren® Tropfen) 2–3 mg/kgKG/d (aber nicht für Säuglinge!)
  • Paracetamol (z. B. Dafalgan® Sirup/supp, Acetalgin® supp, Ben-u-ron® Saft/supp)
    Dosierung: Bei Kindern Tagesgesamtdosis max. 60 mg/kgKG/d. Dosierungsinterval: Ca. 4–6 h
    • Säuglinge 3–6 Monate (4–6 kg): 4 Suppositorien à 80 mg (= 320 mg)
    • Säuglinge 6–12 Monate (7–10 kg): 4 Suppositorien à 125–150 mg (= 600 mg)
    • Kleinkinder 1–3 Jahre (10–15 kg): 4 Suppositorien à 150 mg (= 600 mg)
    • Kinder 3–6 Jahre (15–22 kg): 4 Suppositorien à 250 mg (= 1‘000 mg)

⇒ Tipp: Die Dosierungen von Medikamenten im Kindesalter können online bei SwissPedDose abgefragt werden!  

 Ausserdem

  • Lokale (Nasenspray oder NaCl) oder systemische Abschwellung (Otrivin®, Rinosedin®, Triofan®, Nasivin®) ist ohne Evidenz für eine verbesserte Prognose (2), erscheint aber bei gleichzeitig bestehender Rhinitis sinnvoll und lindert Beschwerden
  • Nicht empfohlen: Pro- und Präbiotika haben keine prophylaktische Wirkung (4).

4.2. Antibiotikatherapie (3, 5–14, 16–18)

⇒ Siehe auch mediX GL Infektiologie – Therapieempfehlungen

  • Antibiotika führen zu einer rascheren Entfieberung und reduzieren die Schmerzdauer. Nachteile: Potenzielle Nebenwirkungen und Begünstigung von Resistenzbildung
  • Indikation: In den meisten Fällen braucht es keine Antibiotika. Ca. 80 % der AOM heilen unter symptomatischer Therapie ab. Man müsste 15–20 Kinder mit Antibiotika behandeln, damit eines von ihnen zusätzlich nach 2 bis 7 Tagen schmerzfrei ist (6). 

mediX empfiehlt

  • Bei Patienten ohne Risikofaktoren mit einer unkomplizierten akuten Otitis media ist ein Zuwarten von 24–48 h angemessen.

⇒ Beachte

  • Die Verhinderung einer Mastoiditis ist keine sinnvolle Indikation für eine primäre AB-Therapie, da diese Komplikation zu selten ist. NNT: > 4‘000 (12)
  • Ein persistierender seröser Paukenhöhlenerguss ist normalerweise keine Indikation für Antibiotika und schleimhautabschwellende Nasentropfen (15).

Kinder

Wahl des Antibiotikums

  • 1. Wahl: Amoxicillin 25 mg/kgKG 2 x/d p.o. für 5(–10) d
  • 2. Wahl: Clarithromycin bei Penicillin-Allergie 7,5 mg/kgKG 2 x/d für 5 d, Cefuroxim 15 mg/kgKG in 2 Dosen/d für 5(–10) d (s. Hinweis)
  • Bei Fieberpersistenz > 72 h, Rezidiv innert 4 Wo: Amoxicillin-Clavulanat 40–45 mg/kgKG 2 x/d p.o. für 5(–10) d (16, 17) (s. nachfolgenden Hinweis).

Hinweis

  • Bei Kindern < 2 J. mit TF-Perforation od. Otitis-prone-Kind (d. h. > 2 Episoden/
    6 Monate oder 4 Episoden/Jahr) wird eine 10-tägige Therapie empfohlen (vgl. pigs.ch); diese ist etwas effektiver als die 5-tägige Kurztherapie (16).

Erwachsene

  • Primär abschwellende Nasentropfen und antiphlogistische und analgetische Medikamente
  • Antibiotika nur bei Persistenz der Schmerzen über 3 d unter symptomatischer Therapie!

Wahl des Antibiotikums

  • 1. Wahl: Amoxicillin 3 x 500–750 mg/d p.o. für 5 d oder AM-CL 2 x 1 g/d p.o. für 5 d
  • 2. Wahl: Cefuroxim 2 x 500 mg/d p.o. für 5 d, bei schwerer Penicillinallergie Trimethoprim/Sulfamethoxazol (TMP-SMX) 2 x 960 mg p.o. für 5 d
  • Bei zweiter Episode innert 1 Monat Amoxicillin/Clavulansäure 1 g bid p.o.

 

5. Literatur

  1. Kaur R, et al.: Epidemiology of Acute Otitis Media in the Postpneumococcal Conjugate Vaccine Era. 2017 Sep; 140(3): e20170181.
  2. Flynn CA, Griffin GA, Schultz JK: Decongestants and antihistamines for acute otitis media in children (Cochrane Review). In: The Cochrane Library, Issue 3, 2004.
  3. NICE-Guideline Otitis media: NICE 03/2022.
  4. Cohen R, et al.: Probiotics and Prebiotics in Preventing Episodes of Acute Otitis Media in High-risk Children: A Randomized, Duble-blind, Placebo-controlled Study. Pediatric Infectious Disease Journal. 32(8):810-814, August 2013.
  5. Sanders S, et al.: Antibiotics for acute otitis media in children. Cochrane Review, 2010. Cochrane Review 2010.
  6. Venekamp RP, Sanders SL, Glasziou PP, Del Mar CB, Rovers MM.: Antibiotics for acute otitis media in children. Cochrane Database Syst Rev. 2015;(6):CD000219.
  7. Tähtinen PA, et al.: A placebo-controlled trial of antimicrobial treatment for acute otitis media. NEJM 2011; 364: 116–26.
  8. Hoberman A, et al.: Treatment of acute otitis media in children under 2 years of age. NEJM 2011; 364: 105–15.
  9. Klein JO: Is acute otitis media a treatable disease? NEJM 2011; 364: 168–9.
  10. Akute Otitis media: Zum Nutzen von Antibiotika. Arznei-telegramm 2011; 42:17-18.
  11. Kozyrskyj A, Klassen TP, Moffatt M, Harvey K: Cochrane Database Syst Rev. 2010 Sep 8;(9):CD001095. Doi: 10.1002/14651858.CD001095.pub2. Short-course antibiotics for acute otitis media. Cochrane Review 2010.
  12. Thompson PL: Effect of antibiotics for otitis media on mastoiditis in children: a retrospective cohort study using the United kingdom general practice research database. 2009 Feb;123(2):424-30. Pediatrics 2009.
  13. Koopmann, L, et al.: Antibiotic Therapy to Prevent the Development of Asymptomatic Middle Ear Effusion in Children With Acute Otitis Media. A Meta-analysis of Individual Patient Data. Arch Otolaryngol Head Neck Surg. 2008;134(2):128-132. Doi:10.1001/archoto.2007.3. JAMA 2008.
  14. Van Zon A, et al.: Cochrane Database Syst Rev. 2012 Sep 12;9:CD009163. Doi: 10.1002/14651858.CD009163.pub2. Antibiotics for otitis media with effusion in children. Cochrane Review 2016.
  15. Griffin G, Flynn CA: Antihistamines and/or decongestants for otitis media with effusion (OME) in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 9. Art. No.: CD003423. DOI: 10.1002/14651858.CD003423.pub3.
  16. Antibiotika-Richtlinien Inselgruppe Bern. 2017.
  17. Pelton S, Tähtinen P: Acute otitis media in children: Treatment. UpToDate, aufgerufen 04/20122.
  18. Limb C, et al.: Acute otitis media in adults. UpToDate, aufgerufen 04/2022.

 

6. Impressum

Diese Guideline wurde zuletzt aktualisiert im Mai 2022.  
© Verein mediX schweiz

Herausgeberin
PD Dr. med. Corinne Chmiel

Redaktion (verantwortlich)
Dr. med. Uwe Beise
Dr. med. Felix Huber
Dr. med. Maria Huber


Autoren
Olivia Stanimirov Rossi

FÄ Oto-Rhino-Laryngologie FMH

Dr. med. Claire Kojima

FÄ Kinder- und Jugendmedizin FMH



Rückmeldungen bitte an: uwe.beise_at_medix.ch

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