Mikrohämaturie

Erstellt von: Felix Huber, Uwe Beise |Zuletzt revidiert: 04/2015

Inhalt

1. Definition (1-3)

  •  Als Mikrohämaturie wird eine nicht mit blossem Auge sichtbare Hämaturie bezeichnet.
  • Es gibt keine einheitliche Definition.  Zumeist werden heute >2 Ec/GF als diagnostische Richtwerte angegeben (1,2,3).

2. Epidemiologie (1-6)

  • Das Auftreten einer Mikrohämaturie ist ein häufiges Problem in der Allgemeinmedizin. Je nach Studienpopulation (Alter, Risikofaktoren) und Definition kommt Mikrohämaturie bei bis zu 50% (!) vor.
  • Bei durch Screening erkannter asymptomatischer Mikrohämaturie beträgt die Inzidenz einer erntshaften Erkrankung (z.B. Tumor) <2,0% (4,5)
  •  Bei Patienten <45 J. ist ein Urothelkarzinom sehr selten, mit zunehmendem Alter steigt die Inzidenz (12).
  • Insbesondere bei jungen Menschen ist die Mikrohämaturie häufig passager.

3. Ursachen und Bedeutung (1-4, 7,8)

  • In vielen Fällen, insbesondere bei jungen Menschen, lässt sich eine Ursache nicht eindeutig feststellen.
  •  Eine vorübergehende Mikrohämaturie kann verschiedene Ursachen haben, am häufigsten Harntraktinfektion, Sport, Geschlechtsverkehr. Eine artifizielle Mikrohämaturie kann durch Menstruationsblut oder Rhabdomyolyse mit Myoglobulinurie verursacht werden.
  • Eine persistierende Mikrohämaturie kann urologische oder nephrologische Ursachen haben.
  • Das Ausmass der Mikrohämaturie lässt keine Aussage über die Ursache zu: Eine leichtgradige Mikrohämaturie schliesst eine schwerwiegende Erkrankung nicht sicher aus und eine höhergradige Mikrohämaturie weist eine solche nicht zwingend nach (12).
  • Urotheltumoren sind die häufigste Neoplasie (bei >60-jährigen mit RF bis 10%).

4. Ist ein Screening sinnvoll? (1-4)

  • Ein Screening bei asymptomatischen Patienten ohne RF soll nicht durchgeführt werden, da die Sensitivität dieser Testmethode für eine behandlungsbedürftige Erkrankung sehr gering ist. Die Prävalenz einer asymptomatischen malignen Erkrankung im Frühstadium beträgt <2 %.
  • Bei PatientInnen >45 J. mit zusätzlichen RF kann ein UST gemacht werden.

5. Wie zuverlässig sind Urinstreifentest und Urinsediment? (1,3)

  • UST (Urinstix) führen sehr selten zu falsch-negativen Testergebnissen.
  • UST reagieren entsprechend 1 - 2 Ec/ Gesichtsfeld und sind so sensitiv wie eine Urinsedimentprüfung, haben aber eine höhere falsch-positiv-Rate (z.B. durch Sperma im Urin, Myoglobinurie, oder alkalischen Urin / pH >9).
  • Mit der Mikroskopie können (von geübten Untersuchern) neben Erythrocyten (Ec) u.a.  Ec-Zylinder und dysmorphe Ec zuverlässig festgestellt werden – als Hinweise auf eine glomeruläre Blutungsquelle.

6. Wie soll eine Mikrohämaturie abgeklärt werden? (1,9-15)

Es existiert kein allgemein akzeptierter, evidenzbasierter Abklärungsgang (3,10).

Folgende Fragen sind zu klären:

  1. Gibt es eine plausible Erklärung für die Mikrohämaturie?
  2.  Ist die Blutung passager oder persistierend?
  3. Handelt es sich um eine isolierte oder eine nicht isolierte Mikrohämaturie?
  4. Liegen Risikofaktoren für bestimmte Erkrankungen, insbesondere Malignome, vor?

Anamnese:

Zunächst sollten mögliche Ursachen für eine (passagere) Mikrohämaturie anamnestisch ermittelt werden, z.B.:

  • Pyurie und Dysurie !  Harntraktinfekt (können aber auch bei Blasen-Ca vorkommen)
  • Durchgemachter  Atemwegsinfekt !  postinfektiöse Glomerulonephritis oder IgA-Nephropathie
  • Einseitiger Flankenschmerz (evtl. in die Leiste ausstrahlend) !  Ureterobstruktion
  • Starke körperliche Belastung oder Nieren-/Blasen-Trauma
  • Medikamenteneinnahme (s. Tabelle 3)
  • Niereninsuffizienz, Hypertonie
  • Reise in Schistosoma-Endemiegebiet
  • Familienanamnese renale Erkrankung !  z.B. Polyzystische Niere

Weiteres Vorgehen

Zum weiteren Vorgehen siehe auch Abbildung im Anhang.

Bestätigungsmessung:

Ein positiver Befund sollte in einer zweiten Urinprobe bestätigt werden (nach 3 Tagen sexueller und sportlicher Abstinenz!). Bei hohem Risikoprofil kann auf eine Wiederholungsmessung verzichtet werden (13)

Urinsediment:

wird empfohlen zur Bestätigung des UST sowie zur DD glomeruläre oder nicht glomeruläre Ursache (Tabellen 3 und 4). Eine Mikrohämaturie liegt vor, wenn im Sediment  >5 Ec/GF gefunden werden .Eine glomeruläre Blutungsquelle ist bei Proteinurie, Ec-Zylindern, dysmorphen Ec wahrscheinlich.

→ Bei Verdacht auf eine glomeruläre Blutungsursache sollen die Nieren weiter abgeklärt werden (Tabelle 4 ).

Abklärung bei Frauen: Bei älteren Frauen mit genitaler Atrophie treten Mikrohämaturien gehäuft auf.Folgendes Vorgehen kann gewählt werden:

    • Wenn kein spontaner Mittelstrahlurin möglich ist ! Katheterisierung.
    • Topische Behandlung der lokalen Atrophie (mit Beschwerden) z.B. mit Oestro-Gynaedron® Vag Creme oder Blissel® Vag Gel behandeln.
    • Besteht weiterhin eine (ungeklärte) Mikrohämaturie ! urogynäkologische Abklärung.

Urinkultur: Bei Verdacht auf einen HWI → Urinkultur mit ggfls. anschliessender Antibiotika-Therapie.

Differenzierung isolierte od. nicht isolierte Mikrohämaturie: Eine isolierte Mikrohämaturie besteht, wenn keine glomeruläre, infektiöse oder anders zu erklärende erklärende Blutungsursache gegeben ist (Tabelle 1).   → Liegt eine isolierte Mikrohämaturie (>5 Ec im Sediment) vor, sind standardisierte urologische Abklärungen nur bei Risikofaktoren für eine Neoplasie der Harnwege notwendig (Tabelle 2). Die Abklärung beinhaltet eine Sonographie oder ein CT der Nieren und ableitenden Harnwege und eine Zystoskopie.

Tabelle 1: Isolierte Mikrohämaturie.  Keine der folgenden Ursachen liegt vor:

  • Beschwerden, die auf urolog. Leiden hinweisen (z.B. Dysurie, prostatische Beschwerden, Fieber, suprapubische Schmerzen)
  • Einführen einer Sonde oder urologische Intervention innerhalb der letzten 4 Wochen
  • Proteinurie > 0.5g/24h >20Lc/GF
  • Blutung aus gynäkologischer Ursache
  • Ec-Zylinder im Sediment
  • Makrohämaturie
  • Serumkreatinin >180mmol/l

 

Tabelle 2: Risikofaktoren für eine Neoplasie der Harnwege 

  • Alter >45 Jahre
  • Berufliche Exposition, mit Karzinogenen (z.B. Farbstoffindustrie, Teer, Metallurgie)
  • Tabakkonsum
  • Beckenbestrahlung
  • Pharmakotherapien (Cyclophosphamid, Phenacetin)
  • Schistosomiasis

Tabelle 3: Nichtglomeruläre Ursachen der isolierten Hämaturie

  • Lithiasis, Kristallurie (Hyperkalziurie, Hyperurikosurie)
  • Zystennieren, Nierenzysten
  • Infektion oder Entzündung (Urethra, Blase, Prostata, Niere)
  • Papillennekrosen
  • Neoplasie der Nieren oder d. Urogenitaltraktes
  • Gefässmissbildungen
  • Hämatologische Erkrankungen (Koagulopathie, Sichelzellanämie)
  • Hydronephrose
  • Physische Anstrengung (Marsch-Hämaturie)
  • Interstitielle Nephritiden (akut/chronisch)
    • Traumata
    • Vaskuläre Störungen (Niereninfarkt, Nierenvenenthrombose, Embolien)
    • Benigne Prostatahyperplasie
    • Schistosomiasis
    • Medikamente*

*Allopurinol, Cephalexin, Cephalothin, Furosemid, Penicillin, Phenobarbital, Phenylbutazon, Phenytoin, Thiazide, NSAR,    Phenacetin, Cyclophosphamid, Methicillin, orale Kontrazeptiva. Hinweis: Antikoagulantientherapie reicht nicht als Erklärung               für eine Mikrohämaturie (1,3,16).

Tabelle 4: Glomeruläre Ursachen der isolierten Hämaturie

  • Glomerulonephritiden
  • Maligne Hypertonie
  • Familiäre Nephropathie
  • Physische Anstrengung
  • Physiologische Hämaturie*

*Es gibt eine physiologische Erythrocyturie in den Primärurin. Diese liegt unterhalb der definierten Ec-Zahl für eine Mikrohämaturie, z.T. können UST aber bereits positiv reagieren.

7. Wann sollen Verlaufskontrollen erfolgen? (1,3)

  • Patienten mit passagerer Mikrohämaturie müssen nicht nachkontrolliert werden, solange keine Symptome auftreten.
  • Bei Patienten mit persistierender Mikrohämaturie und kompletter Abklärung (ohne pathologischen Befund) sind weitere Kontrollen nicht mehr erforderlich.

8. Literatur

  1. Up to date, Nov. 2014 http://www.uptodate.com/contents/etiology-and-evaluation-of-hematuria-in-adults
  2. Cohen RA, et al.: Microscopic Hematuria. N Engl J Med 2003; 348:2330-2338 http://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/nejmcp012694
  3. Kelly JD, et al.: Assessment and management of non-visible haematuria in primary care. BMJ 2009;338:a3021
  4. Jung H, Gleason JM, Loo RK, Patel HS, Slezak JM, Jacobsen SJ. Association of hematuria on microscopic urinanalysis and risk of urinary tract cancer. J Urol 2011;1698-1703 http://www.jurology.com/article/S0022-5347(10)05435-2/abstract
  5. Hiatt RA, Ordoñez JD: Dipstick urinalysis screening, asymptomatic microhematuria, and subsequent urological cancers in a population-based sample. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev1994;3:439-43.
  6. Froom P, Ribak J, Benbassat: Significance of microhaematuria in young adults. J Br Med J (Clin Res Ed). 1984;288(6410):20.
  7. Woolhandler S, et al.: Dipstick urinalysis screening of asymptomatic adults for urinary tract disorders. I. Hematuria and proteinuria.JAMA. 1989;262(9):1214.
  8. Mohr DN, et al.: Asymptomatic microhematuria and urologic disease. A population-based study. JAMA. 1986;256(2):224.
  9. Hüppe P, Wawroschek F: Methodik und aktueller Stellenwert der Mikrohämaturiediagnostik Urologe 2011;50:287-291
  10. Rodgers M, et al.: Diagnostic tests and algorithms used in the investigation of haematuria: systematic reviews and economic evaluation Health Technology Assessment 2006; Vol. 10: No. 18
  11. Messing EM, et al. Home screening for hematuria: results of a multiclinic study. J Urol 1992; 148:289.
  12. Grossfeld GD, et al.: Evaluation of asymptomatic microscopic hematuria in adults: the American Urological Association best practice policy--part I: definition, detection, prevalence, and etiology. Urology. 2001;57(4):599.
  13. Markart P: Mikrohämaturie: wie abklären? Der informierte Arzt 2011; 5: 20-21.
  14. Zellweger T: Was tun bei Hämaturie? Schweiz Med Forum 2010;10:921-923
  15. Loo RK, et al.: Stratifying Risk of Urinary Tract Malignant Tumors in Patients With Asymptomatic Microscopic Hematuria. Mayo Clinic Proceedings. Volume 88, Issue 2, Pages 129–138, February 2013.
  16. Hurlen M, et al.: Occult bleeding in three different antithrombotic regimes after myocardial infarction. A WARIS-II subgroup analysis. Thromb Res 2006;118:433-8 

Anhang

Algorithmus Mikrohämaturie

 

 

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Diese Guideline wurde im April 2015 aktualisiert.

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Herausgeber:

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Redaktion (verantw.):

Dr. med. Uwe Beise

Autoren:

Dr. med. Felix Huber

Dr. med. Uwe Beise 

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