OSG Distorsion

Erstellt von: Simone Erni|Zuletzt revidiert: 03/2014

1. Epidemiologie, Pathogenese, Klinik

1. Epidemiologie

  • OSG-Distorsion gilt als die häufigste Sportverletzung
  • Häufigkeit eines Supinationstraumas des oberen Sprunggelenkes (OSG): 1 Ereignis/10'000 Einwohner/Tag bzw. 625 Verletzungen/Tag in der CH
  • Bei 18 % ist die Ursache sportbedingt, v. a. beim Basketball und Fussball
  • Mehrheit der Patienten < 35 Jahre, v. a. 15–19-Jährige.

2. Pathogenese

  • Verletzungsmechanismus beim OSG-Supinationstrauma: Kombination von Plantarflexion, Adduktion und Inversion des Fusses. Der laterale Bandkomplex besteht aus dem Lig. talofibulare anterius, posterius und dem Lig. calcaneofibulare. Auf der medialen Seite befindet sich das Lig. deltoideum mit einem tiefen und oberflächlichen Anteil.
  • Nur bei ca. 10 % aller Traumata kommt es zur Bandruptur. Am häufigsten betroffen ist das Lig. talofibulare anterius mit 65 %.
  • Die medialen Bandstrukturen sind viel weniger häufig betroffen als die lateralen Bänder und meist mit schwererem Trauma verbunden. Selten kommt es bei schwerem Trauma auch zur Verletzung des unteren Sprunggelenkes.

 

3. Klinik

  • Schmerzen und Schwellung im Bereich des Malleolus lateralis mit Verstärkung bei Belastung und evtl. Instabilitätsgefühl.
  • Die Verletzung kann von leichter Überdehnung bis zur kompletten Ruptur der Bänder gehen. Klinisch kann der Schweregrad der Verletzung nicht sicher bestimmt werden. 

Einteilung:

Grad I: Zerrung mit kleinem Hämatom, Fuss belastbar

Grad II: Partielle Ruptur, Hämatom, Fuss eingeschränkt belastbar

Grad III: vollständige Ruptur, deutliches Hämatom, Fuss nicht belastbar.

2. Diagnostik

  • Anamnese: Unfallmechanismus (meist Supinationstrauma), Rezidiv?
  • Klinische Untersuchung:
    • Palpation Supinationskette (Metatarsale V bis Fibulaköpfchen) und Syndesmose (fibulo-tibialer Kompressionstest); druckschmerzhafte Areale über medialem/lateralem Bandapparat geben Anhaltspunkt über genauere Lokalisation der Bandläsion (Cave: Maisonneuve-Fraktur; Palpation der proximalen Fibula!!)
    • Prüfung Talusvorschub (nur für Geübte und bei entspanntem Pat.): Prüfung direkt nach Trauma oder dann erst nach 5 Tagen, immer zuerst gesunde Seite! Pathologisch bei einer Seitendifferenz > 3mm
    • Keine Prüfung der Seitenbandstabilität.
  • Radiologische Diagnostik zum Ausschluss einer ossären Läsion: "Ottawa ankle rule" als gutes klinisches Tool zur Bestimmung der Notwendigkeit eines Röntgenbildes. Radiologische Diagnostik** sollte nur dann durchgeführt werden, wenn ein Kriterium der "Ottawa ankle rule" erfüllt ist:
  1. Druckschmerzhaftigkeit bei Punkt A (distaler Hinterrand (6 cm) des Malleolus lateralis) oder
  2. Druckschmerzhaftigkeit bei Punkt B (distaler Hinterrrand (6 cm) des Malleolus medialis) oder
  3. Unmöglichkeit den Fuss zu belasten direkt nach dem Trauma und bei der Untersuchung (4 Schritte gehen)
  4. Druckschmerzhaftigkeit bei Punkt C (Basis Metatarsale V)
  5. Druckschmerzhaftigkeit bei Punkt D (Os naviculare)

** bei Kriterium 1–3 Röntgen OSG, bei Kriterium 4, 5 Röntgen Fuss 

OSG-Torsion

 Merkpunkte zur Röntgendiagnostik:

  • Zusätzlich soll bei allen Patienten mit Risikofaktoren für eine Osteoporose, sowie bei allen medialen OSG-Distorsionen ein Röntgenbild gemacht werden!
  • Falls ein Röntgenbild notwendig ist, soll immer eine anteroposteriore (Mortise 20 Grad IR) und eine laterale Aufnahme gemacht werden.
  • Gehaltene Aufnahmen stellen keinen Bestandteil der Akutdiagnostik dar.
  • MRI: nur in speziellen unklaren Fällen; bei V. a. auf Syndesmosenverletzung zu empfehlen, da häufig therapeutische Konsequenz.
  • Ultraschall: hilfreich, aber im Vergleich zu MRI weniger genau und weniger sensitiv. DD: Malleolarfraktur, Fusswurzelfraktur, Syndesmosenläsion, Knorpelläsionen (Blockaden, Flake im Rx).

 

 Nicht verpassen:

  • Fraktur des Processus lateralis des Talus bei Snowboardern
  • Fraktur des Processus ant. Calcanei
  • Maisonneuve Fraktur (Palpation der proximalen Fibula)
  • Metatarsale V Abrissfraktur
  • Achillessehnenverletzung
  • Verletzung am Sinus tarsi
  • Luxation der Peroneussehne.

3. Therapie

Tab. Heilungsphasen OSG-Distorsion

Hinweise zur Therapie:

  • Initialtherapie bei jeder OSG-Dostorsion: „PECH“ (Pause, Eis, Compression, Hochlagern), bei Hämatom Ruhigstellung in den ersten Tagen (2–7 Tage bei leichten bis mittelschweren, 7–10 Tage bei schweren Traumen)
    • Grad I–II: funktionelle Nachbehandlung ist effektiver als Immobilisation (Evidenzkategorie A) 
    • Grad III: kurzzeitige komplette Ruhigstellung kann vorteilhaft sein (ob durch Gips oder Malleotrain bleibt gemäss Studienlage unklar bzw. kontrovers), im Anschluss wird in einer gängigen Orthese funktionell nachbehandelt. Cave: Thromboseprophylaxe (Evidenzkategorie B).
  • NSAR: per os oder lokal zur Abschwellung und Schmerzlinderung in den ersten Tagen (Evidenzkategorie A) (kein ASS wegen erhöhter Einblutungsgefahr).

 

  • Physiotherapie: Nicht routinemässig notwendig. Massnahmen wie Lymphdrainage, Ultraschall, Elektrotherapie haben eine eher schwache Evidenz. Bei hartnäckigen Fällen und Rezidiven bzw. bei Instabilitätsgefühl sind allerdings Kräftigungs- und Propriozeptionstraining sinnvoll (Evidenzkategorie A). Wenn nach 3 Tagen noch deutliche Schwellung vorhanden, kann (erfahrungsgemäss) manuelle Lymphdrainage helfen. Sie führt zu einer deutlichen Schmerzlinderung, ist im Vergleich zu NSAR nebenwirkungsfrei und kann die Immobilisationsphase deutlich verringern.
  • Operationsindikationen: Persistierende Instabilität, komplette Syndesmosenverletzung, interponierende Innenbandverletzung, Knorpelschaden, Impingement, dislozierte Frakturen, vollständige Bandruptur beim Spitzensportler (?)
  • Prävention: Geeignetes Schuhwerk, Kräftigung der gesamten Muskelkette, Koordinations-/Propriozeptionstraining, sportartspezifisches Techniktraining, gutes warm up, Übergewichtsreduktion.

4. Literatur

  1. Lamb SE et al. : Mechanical suppports for acute, severe ankle sprain: a pragmatic, multicentrerandomised controlled trial. Lancet 2009; 373: 575-81.
  2. Castelberg U: Der schmerzhafte Fuss. Primary care 2005; 5: Nr. 17 398-399.
  3. Müller P: Der schmerzhafte Fuss; Untersuchungstechniken und Tipps. Primary Care 2005; 5: Nr. 4: 83-85.
  4. Handschin M, Schlienger HR: Fussverletzungen – was muss ich als Praktiker beachten? Primary care 2006; 6 Nr. 45: 837-39.
  5. Leumann A. et al. Das akute Supinationstrauma des OSG. Schweiz.Med.Forum 2008; 11: 214-216.
  6. Evidence based Medicine USZ/Hortenzentrum, Dr. Steurer, Reduktion nicht notwendiger Röntgenuntersuchungen der Sprunggelenke und des Fusses: "Ottawa ankle Rule", 5/2000. 
  7. National Athletic Trainers’ Association Position Statement: Conservative Management and Prevention of Ankle Sprains in Athletes; Journal of Athletic Training 2013;48(4):528–545.
  8. Diagnosis, treatment and prevention of ankle sprains: an evidence-based clinical guideline; BJSM Online First, published on April 20, 2012 as 10.1136/bjsports-2011-090490
  9. Steinbach-Talk 2012: Behandlung frischer Sprunggelenksverletzungen: Diagnose- und Therapieschema
  10. Richard Glaab, Leitender Arzt Traumatologie/Sporttraumatologie FMH Chirurgie, spez Allgemeinchirurgie und Traumatologie Schwerpunkt Sportmedizin (SGSM), Arthroskopeur (AGA): Referat Sprunggelenksverletzungen, 2013

Impressum

Diese Guideline wurde im März 2014 erstellt.

© mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber

Redaktion (verantw.): Dr. med. Uwe Beise

Autorin: Dr. med. Simone Erni

 

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