Karpaltunnelsyndrom

Erstellt von: Simone Erni, Uwe Beise |Zuletzt revidiert: 6/2017

Inhaltsverzeichnis

1. Definition

  • Beschwerdebild aufgrund einer Druckschädigung des N. medianus im Karpaltunnel.

2. Epidemiologie

  • Prävalenz 1–5 %. Gipfel um das 50. Lebensjahr. Frauen : Männer = 10 : 1.
  • Am häufigsten betroffen: Frauen in der Postmenopause, Angehörige bestimmter Berufsgruppen (Automechaniker, Landwirte). Im 3. Trimenon der SS soll die Prävalenz bis 60 % betragen (1).

3. Ätiologie/Pathogenese (1–3)

  • Voraussetzung für ein Karpaltunnelsyndrom (KTS) ist meist ein konstitutioneller anatomischer Engpass. Häufigster Auslöser für die klinische Symptomatik ist eine Volumenzunahme des Tunnelinhalts bzw. eine Druckerhöhung im Karpaltunnel
    • chronische Tenosynovitiden der Flexoren (häufigste Ursache)
    • anatomische Missbildungen oder raumfordernde Prozesse (z.B. Lipome, Ganglion...)
    • Infektionen im Handbereich
    • posttraumatisch, z. B. nach distaler Radiusfraktur oder Fraktur der Handwurzelknochen
    • chronische Überlastung der Hand (Tätigkeiten mit repetitiven Bewegungen der Hände mit Beugung und Streckung im Handgelenk, erhöhter Kraftaufwand der Hände)
    • gehäuftes Vorkommen bei systemischen und endokrinen Erkrankungen (z. B. Diabetes, Amyloidose, Gicht, Erkrankungen des rheumatoiden Formenkreises, Hypo-/Hyperthyreose, Akromegalie, Herzinsuffizienz, Adipositas)
    • Schwangerschaft.

4. Klinik/Symptomatik (1–3)

  • Schmerzen (oft als Brennen angegeben), Parästhesien (Kribbeln/Ameisenlaufen) und Taubheitsgefühl im sensiblen Versorgungsgebiet des Nervus medianus (Dig I–III), häufig auch in allen Fingern. Etwas seltener Schwächegefühl im Versorgungsgebiet des Medianus
  • Schmerzen treten am häufigsten nachts auf, sind aber auch am Tag möglich (z. B. beim Radfahren). Schütteln der Hand führt zu einer Normalisierung der Gefühlsstörung/Schmerzen.
  • Schmerz- und Parästhesieausstrahlung in den Vorderarm bis zum Ellbogen und zur Schulter sind möglich.
  • Tätigkeiten wie Stricken, Schreiben, Radfahren oder auch berufliche Belastung können die Beschwerden auslösen oder verstärken
  • Fluktuierender Verlauf ist häufig
  • In späteren Stadien: motorische Ausfallserscheinungen, Verminderung der Greifkraft (Gefühl von Steifigkeit in den Fingern oder Ungeschicklichkeit bei feinen manuellen Arbeiten), Hypästhesie und Atrophie der radialen Thenarmuskulatur als Zeichen einer schweren Nervenschädigung.
  • Häufig sind beide Seiten betroffen, die dominante Seite jedoch meist stärker.

5. Diagnostik (1–3)

  • KTS ist primär eine klinische Diagnose bei Vorhandensein der charakteristischen Symptome, die v. a. nächtliche Schmerzen oder Parästhesien im Versorgungsgebiet des Medianus sind.

Anamnese

  • Den höchsten Prädiktivwert haben die Angabe über Lokalisation der Symptome, Hypalgesie und verminderte Kraft in der Daumenabduktion.

Klinische (Provokations-)tests 

  • Provokationstests haben eine mässige Sensitivität und Spezifität, können aber hilfreich sein im klinischen Gesamtkontext
  • Phalen’s Manöver: positiv, wenn bei 90° Palmarflexion im Handgelenk nach 60 Sekunden elektrisierende Beschwerden im Versorgungsgebiet des N. medianus auftreten
  • Hoffmann-Tinel-Zeichen: Beklopfen des Retinaculum flexorum löst elektrisierende Schmerzen im Versorgungsgebiet des N. medianus aus.

Thenaratrophie (Seitenvergleich)

  • oft palpatorisch am besten erfassbar.

Prüfung Sensibilität und Motorik

  • Untersuchung der Berührungsempfindlichkeit mit Wattebausch, Zwei-Punkte-Diskrimination und Aufsammeln und Erkennen von Münzen. Motorik: Abduktions- und Oppositionsschwäche des Daumens (Spätsymptom) prüfen.

Beachte: Rhizarthrose kann eine Thenaratrophie und Abduktionsparese des Daumens vortäuschen!

 

6. Indikation elektrophysiologische Abklärung (1–4)

Die Notwendigkeit einer motorischen Neurographie (Nervenleitgeschwindigkeit, NLG) zur Diagnosesicherung wird heute meist als Goldstandard empfohlen (1, 2).

Nachteile:

  • relativ schmerzhaft für den Patienten
  • relativ hohe Rate falsch negativer Ergebnisse bei klinisch eindeutiger Symptomatik sowie falschpositive Befunden bei fehlenden klinischen Symptomen. Normale Elektroneurographien schliessen ein KTS nicht aus.
  • teuer.

mediX empfiehlt, die NLG nur bzw. erst zu messen bei Nichtansprechen der konservativen Therapie, bei Patienten mit unklarer Diagnose, bei klarer motorischer Dysfunktion oder Thenaratrophie sowie präoperativ zur Objektivierung (4).

7. Differentialdiagnosen (2, 4)

 

Am häufigsten: Zervikoradikuläres Schmerzsyndrom, Polyneuropathie, seltener: periphere Durchblutungsstörung, Raynaud-Syndrom, Rhizarthrose.

8. Therapie (1, 2, 7)

Bei Patienten mit leichtem bis mittelschwerem KTS immer zuerst konservative Therapie!

 I. Konservative Therapie:

  • Tragen einer Handgelenksmanschette in Neutralstellung zur Nacht ist die erste Massnahme (4, 6).

Falls nicht ausreichend wirksam, zusätzlich:

  • lokale Kortikoidinjektionen (z. B. 20–40mg Methylprednisolon) mit/ohne Lokalanästhetikum direkt in oder proximal des Karpaltunnels (zwischen den Sehnen des M. palmaris longus und des M. flexor carpi radialis). Dient auch der Diagnosesicherung bei unklarer Symptomatik. Bei leichtem KTS langfristige Besserung möglich. Die Steroidinjektion kann bei Erfolg nach jeweils 6 Monaten wiederholt werden. Treten wieder Symptome auf, soll die Behandlung nicht fortgesetzt werden (4).
  • Cave: Atrophie/Nekrose des N. medianus bei direkter Injektion in den Nerven. Risiko geringer bei Injektion proximal des Karpaltunnels!

  • Ev. orale Kortikoide 1 bis max. 4 Wochen (z. B. Prednisolon 20 mg/d für 2 Wochen, gefolgt von 10 mg/d für 2 Wochen), die Wirksamkeit schwindet innert wenigen Wochen nach Absetzen (Nutzen geringer als der von Injektionen!)
  • Eventuell wirksam, jedoch keine klare Evidenz: tiefe pulsierte Ultraschall-Therapie, Nervengleitübungen, Yoga, Handwurzelmobilisation (4, 5)
  • Nicht empfohlen werden wegen fehlendem Wirksamkeitsnachweis: NSAR, Vitamin B6, Magnettherapie, Lasertherapie.

Annähernd 80 % der Patienten sprechen initial auf eine konservative Therapie an, jedoch kehren die Symptome praktisch bei  allen nach 1 Jahr wieder zurück! 40 % brauchen nachher trotzdem eine chirurgische Intervention.

II. Operative Therapie:

Indikation:

  • mangelndes Ansprechen auf die konservative Therapie und nicht gebesserte schmerzhafte Parästhesien.
  • schwere Nervenschädigung mit Thenaratrophie oder motorischen Ausfällen.

Op-Verfahren:

  • Offene oder endoskopische Spaltung des Retinaculum flexorum.

Ergebnisse:

  • Das Outcome beider Methoden ist vergleichbar –> in bis zu 90 % vollständige und langfristige Beschwerdefreiheit.

9. Literatur

  1. Reissner L, Schindele S, Herren D: Das Karpaltunnelsyndrom. Schweiz Med Forum 2012;12(24):480–484.
  2. Dt. Ges. f. Handchirurgie et al.: S-3 Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms, 6/2012
  3. Giersiepen K, Spallek M: Carpal tunnel syndrome as an occupational disease. Dtsch Arztebl Int 2011;108(14): 238–42. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0238
  4. Kothan MJ: Carpal tunnel syndrome: Clinical manifestations and diagnosis. UpToDate 5/2017 
  5. O’Connor D, Marshall S, Massy-Westropp N: Non-surgical treatment (other than steroid injection) for carpal tunnel syndrome (Review), 2007
  6. Page MJ, Massy-Westropp N, O'Connor D, Pitt V: Splinting for carpal tunnel syndrome. Cochrane Database Syst Rev 2012; 7:CD010003.
  7. Kothan MJ: Carpal tunnel syndrome: Treatment and prognosis. UpToDate 5/2017

Impressum

Diese Guideline wurde im Juni 2017 aktualisiert.

© Verein mediX

Herausgeber:

Dr. med. Felix Huber

Redaktion (verantw.):

Dr. med. Uwe Beise

Autoren:

Dr. med. Simone Erni

Dr. med. Uwe Beise

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