Akute Tonsillopharyngitis

Erstellt von: Sabitha Vilan / Felix Huber |Zuletzt revidiert: 04 / 2014

Inhalt

1. Epidemiologie, Ätiologie, Komplikationen (1–5)

Epidemiologie:

  • Die akute Pharyngitis ist zu 1,1 % Konsultationsgrund in der Allgemeinpraxis.

Ätiologie:

  • Die akute Pharyngitis ist meistens viraler Genese, oft im Rahmen eines grippalen Infektes durch Rhino-, Corona-, Adeno-, Parainfluenza-, Influenzaviren. Selten Mononucleose (EBV od. CMV) oder primäre HIV-Infektion. Die Herpangina durch Coxsackie-Viren der Gruppe A betrifft hauptsächlich Kinder.
  • Beta-hämolytische Streptokokken der Gruppe A (GABHS) sind die häufigste bakterielle Ursache einer akuten Pharyngitis. Bei Kindern wird sie in 15–30 % der Fälle, bei Erwachsenen in 5–10 % durch GABHS verursacht. Bei Kindern < 3 Jahre sind Streptokokken-Anginen sehr selten.
  • Etwa 1–6 % der Pharyngitiden bei jungen Erwachsenen sind durch eine infektiöse Mononucleose bedingt. Typisches klinisches Bild: Halsschmerzen, Fieber, Lymphadenopathie, Malaise. Erreger ist das Epstein-Barr-Virus (EBV). Bei Kindern verläuft die Infektion oft asymptomatisch.
  • Weitere Ursachen: Gastroösophagealer Reflux, Rhinosinusitis, persisitierender Husten, Thyreoiditis, Allergien, Postnasaldrip, Rauchen.

Natürlicher Krankheitsverlauf: 

  • Virale und GABHS-Pharyngitiden haben eine sehr hohe Spontanheilungstendenz: In den Placebogruppen kontrollierter Therapiestudien sind nach 3 Tagen bei 30–40 % der Patienten die Halsschmerzen abgeklungen und etwa 85 % sind fieberfrei. Nach einer Woche sind 80–90 % der Patienten beschwerdefrei (4).

Komplikationen: 

  • Peritonsillarabszess: tritt bei < 1 % der nicht antibiotisch behandelten Patienten auf. Symptome: starke Halsschmerzen besonders beim Schlucken, entzündlich-ödematöse exsudative (peri-) tonsilläre Schwellung mit Verdrängung der Uvula zur Gegenseite, Vorwölbung des vorderen Gaumensegels, klossige Sprache und Kiefersperre –> Überweisung zum HNO-Arzt!
  • Akutes rheumatisches Fieber (ARF): sehr selten; geschätzte Inzidenz von Arthritis im Rahmen eines ARF: < 1/100'000 /Jahr (bei Kindern und Jugendlichen).
  • Poststreptokokken-Glomerulonephritis: ebenfalls sehr selten, kann durch Antibiotika nicht verhindert werden. Tritt mehrheitlich bei Schulkindern auf. Die Latenzzeit nach einer GABHS-Pharyngitis ist variabel, durchschnittlich ca. 10 Tage. Diagnose: klinischer Befund, Urinbefund und vorangegangener Streptokokkeninfektion. Die Prognose ist gut.
  • Weitere (seltene) Komplikationen: eitrige Sinusitis, Otitis media, Mastoiditis, abszendierende cervikale Lymphadenitis, reaktive Arthritis.

2. Symptome und Diagnostik (1-3)

  • Symptome einer typischen GABHS-Pharyngitis: akuter Beginn, Halsschmerzen mit Schluckbeschwerden, Fieber, Rötung von Rachenschleimhaut, Uvula und Tonsillen, geschwollene und/oder belegte Tonsillen, vergrösserte und druckdolente Lymphknoten im Kieferwinkel.
  • Die Symptomatik lässt aber keine sichere Unterscheidung zwischen viraler und bakterieller Ursache zu.
  • Rhinitis, Husten oder Konjunktivitis sprechen eher gegen eine bakterielle Genese. 

Die Wahrscheinlichkeit einer GABHS-Pharyngitis lässt sich mit Hilfe des (modifizierten) Centor-Scores (6) abschätzen (für Patienten ab 3 Jahre):

Fieber in Anamnese oder Temperatur > 38 Grad 1
Kein Husten 1
Schmerzhafte vordere Halslymphknoten 1
Tonsillenschwellung oder -exsudate 1
Alter < 15 Jahre 1
Alter ≥ 45 Jahre –1
Zahl der Kriterien Wahrscheinlichkeit von GABHS im Rachenabstrich/Likelihood Ratio
4 oder 5 Ca. 55 % LR 4,9
3 Ca. 35 % LR 2,5
2 Ca. 17 % LR 0,95
1 Ca. 10 % LR 0,52
0 oder –1 Ca. 1 % LR 0,5

Centor-Score online berechnen: http://www.mdcalc.com/modified-centor-score-for-strep-pharyngitis/

Algorithmus zur Abklärung bei Halsschmerzen – auf der Basis des modifizierten Centor-Scores:

Algorithmus  Pharyngitis

Wertigkeit der diagnostischen Tests:

  • Der Streptokokken-Nachweis allein lässt keine Differenzierung zwischen Infektion und Trägertum zu.
  • Rachenabstrich und Kultur: Spezifität: 99 %, Sensitivität: bis zu 97 %, jedoch nicht praktikabel für die Routinediagnostik (wg. Latenz bis zum Eintreffen der Ergebnisse).
  • Strept.-A-Schnelltest: Spezifität: ≥ 95 %, Sensitivität: 70-95 % je nach verwendetem Test. Ein positiver Schnelltest macht bei entsprechenden klinischen Zeichen eine akute GABHS-Infektion deutlich wahrscheinlicher. Ist eine Streptokokkeninfektion bereits klinisch wahrscheinlich (hoher Centor-Score), kann auf den Schnelltest aber verzichtet und ggfls. gleich eine AB-Therapie begonnen werden (7).
  • Der Mononucleose-Schnelltest (Monospot) ist nicht zuverlässig genug (häufig falsch-negativ) und sollte deshalb nicht durchgeführt werden. Zur Abklärung auf Mononucleose deshalb immer EBV-Serologie. Im Frühstadium der Erkrankung schliesst ein positiver EBNA-1-IgG-Test eine akute Mononucleose praktisch aus.
  • Blutbild: häufig Leukozytose mit Vermehrung der Neutrophilen sowie Erhöhung von CRP und BKS. Der differentialdiagnostische Wert dieser Parameter ist gering. Hinweis: Asymptomatische Streptokokken-Träger müssen nicht behandelt werden und stellen auch kein relevantes Übertragungsrisiko dar.

3. Therapie (1, 2, 4, 7-15)

Symptomatische Therapie:

  • Analgetika (Paracetamol, Ibuprofen) zur Symptomlinderung.

Einsatz von Antibiotika:

  • Das geringe Risiko von Folgekrankheiten/Komplikationen sowie zunehmende Antibiotikaresistenzen (12) sprechen gegen eine routinemässige Antibiotikagabe bei GABHS-Pharyngitis. Es ist deshalb nicht das Ziel, möglichst alle durch GABHS hervorgerufenen Halsentzündungen zu entdecken und antibiotisch zu behandeln.
  • Die Entscheidung zur Antibiotikagabe bei GABHS-Pharyngitis sollte v. a. von der Schwere der Symptomatik bzw. den Beeinträchtigungen abhängig gemacht werden. In weniger schweren Fällen sind Antibiotika überflüssig, die Verhinderung von Komplikationen ist i. d. R. keine Indikation für Antibiotika.
  • Bei klinischen Zeichen einer Pharyngitis und GABHS-positivem Rachenabstrich beträgt die Krankheitsverkürzung 1–2,5 Tage, NNT = 4 für Abklingen der Halsschmerzen nach 3 Tagen.
  • Die Kontagiosität wird innert 24 h nach Beginn einer Antibiotikatherapie deutlich vermindert. Bei Beginn der Antiobiotikatherapie ≥ 48 Stunden nach Auftreten der Symptome ist ein Nutzen in Bezug auf die Ansteckungsgefahr nicht mehr sicher nachweisbar (8).
  • ARF-Prävention ist nur für eine parenterale Penicillinbehandlung bei epidemischer GABHS-Pharyngitis belegt (4).
  • Antibiotika verringern das Risiko von Peritonsillarabszessen marginal (10).
  • Unter Antibiotika treten weniger Fälle von Otitis media auf, das Auftreten von Sinusitiden wird kaum beeinflusst (3, 10).
  • Die antibiotische Behandlung einer GABHS-Pharyngitis hat vermutlich bestenfalls einen geringen Einfluss auf die Inzidenz erneuter Pharyngitiden (9).

Eine Antibiotikabehandlung wird empfohlen bei:

Pharyngitispatienten mit GABHS-Nachweis und schwerer klinischer Symptomatik, oder mit bestimmten Grunderkrankungen, wie z. B. konsumierende Erkrankungen oder Immunsuppression

  • Patienten mit abszedierender Lymphadenitis oder drohendem oder manifesten Peritonsillarabszess –> Überweisung zum HNO-Arzt!
  • Patienten mit ARF in der Eigen- oder Familienanamnese
  • (Verdacht auf) GABHS-Pharyngitis bei hoher lokaler Inzidenz von Streptokokkeninfektionen.

Wahl des Antibiotikums:

Bei Kindern:

  • Penicillin V: Dosierung: < 27 kg: 2–3 x 125 mg p.o., ≥ 27 kg: 2–3 x 250 mg p.o., 8–10 d
  • Benzathin-Penicillin G: Dosierung: 1 x < 27 kg: 600'000 IE i.m., ≥ 27 kg: 1'200'000 IE i.m. (schmerzhaft, sollte nur bei schlechter Compliance angewendet werden)
  • bei Penicillin-Allergie: Cephalosporine 1. Generation (Cephalexin, Cefadroxil); Clarithromycin (15 mg/kg/d in 2 Dosen, max. 500 mg/d) 10d; Clindamycin (10–25 mg/kg/d in 3 Dosen, max. 450 mg).

Bei Erwachsenen:

  • Amoxicillin 3 x 375 mg/d, 5d
  • Penicillin 3 x 1 Mio IE/d, 8–10d
  • Bei Penicillin-Allergie: Cephalosporin (Cefuroxim, Cefpodoxim) oder Clarithromycin 2 x 250 mg/d 10 d oder Azithromycin 1 x 500 mg Tag 1, dann 1 x 250 mg Tag 2–5.

Vorgehen bei Nichtansprechen auf antibiotische Therapie

  • Bei nicht ausreichender Besserung Konsultation nach 48 bis 72 Stunden, bei Verschlechterung sofort.

Worauf zu achten ist:

  • Bestehen weiterhin Zeichen einer GABHS-Pharyngitis?
  • Gibt es Hinweise auf Mononukleose oder eine andere virale Erkrankung?
  • Haben sich Komplikationen eingestellt (z.B. Peritonsillarabszess)?
  • Wenn bakterielle Ursache unwahrscheinlich und kein Hinweis auf Komplikationen: Antibiotikum absetzen, nur symptomatische Therapie fortsetzen
  • Wenn eine bakterielle Ursache weiterhin wahrscheinlich ist: Erregernachweis (Abstrich mit Kultur) und gezielt therapieren, ev. Antibiotikum empirisch wechseln (z. B Amoxicillin plus Clavulansäure).

Tonsillektomie

  • Bei Auftreten von 7 GABHS-Infektionen in einem Jahr oder je 5 Episoden in 2 aufeinander folgenden Jahren oder je 3 Episoden in 3 aufeinanderfolgenden Jahren.

4. Literatur

  1. Wessels MR: Streptococcal Pharyngitis. N Engl J Med 2011; 364:648-55.
  2. Pichichero ME: Treatment and prevention of streptococcal tonsillopharyngitis. UpToDate 02/2014 
  3. Halsschmerzen. DEGAM-Leitlinie. 2009. http://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S3- Leitlinien/LL-14_Langfassung_ZD.pdf.
  4. Spinks A, Glasziou PP, Del Mar C. Antibiotics for sore throat. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 4. Art. No.: CD000023. DOI: 10.1002/14651858.CD000023.
  5. Trauzeddel R, Neudorf U.: S2k Leitlinie Pädiatrische Kardiologie: Rheumatisches Fieber – Poststreptokokkenarthritis, 2012.
  6. McIsaac WJ, White D, Tannenbaum D, et al. A clinical score to reduce unnecessary antibiotic use in patients with sore throat. CMAJ 1998; 158: 75-83.
  7. McIsaac WJ, et al.: Empirical Validation of Guidelines for the Management of Pharyngitis in Children and Adults. JAMA. 2004;291(13):1587-1595 http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=198485
  8. Pichichero ME, Disney FA, Talpey WB, et al.: Adverse and beneficial effects of immediate treatment of Group A betahemolyticstreptococcal pharyngitis with penicillin. Ped Inf Dis 1987; 6: 635-64.
  9. Dagnelie C, Van der Graaf Y, De Melker RA, et al.: Do patients with sore throat benefit from penicillin? A randomized double-blind placebo-controlled clinical trial with penicillin V in general practice. Brit J Gen Pract 1996; 46:589-93.
  10. Spinks A, Glasziou PP, Del Mar CB.: Antibiotics for sore throat. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Nov 5;11:CD000023. doi: 10.1002/14651858.CD000023.pub4
  11. Bollag U: Tonsillopharyngitis – Diagnose und Behandlung – wann Antibiotika? Schweiz Med Forum 2003; 23: 540-544.
  12. Brian G Bell, et al.: A systematic review and meta-analysis of the effects of antibiotic consumption on antibiotic resistance. BMC Infect Dis. 2014; 14: 13. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3897982
  13. Altamimi S, et al.: Short-term late-generation antibiotics versus longer term penicillin for acute streptococcal pharyngitis in children. Cochrane Database Syst Rev. 2012 Aug 15;8:CD004872. doi: 10.1002/14651858.CD004872.pub3. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD004872.pub3/abstract;jsessionid=A2D6A8772509FDE1FF7A48D4 35A5AA07.f03t04
  14. Pelucchi C, et al.: ESCMID Guideline for the Management of Acute Sore Throat. Clin Microbiol Infect 2012; 18 (Suppl. 1): 1–27. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1469-0691.2012.03766.x/pdf
  15. van Driel ML, et al.: Different antibiotic treatments for group A streptococcalpharyngitis. The Cochrane Library 2013, Issue 4.

Impressum

Diese Guideline wurde im April 2014 aktualisiert.
© mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber

Redaktion (verantw.): Dr. med. Uwe Beise  

Autoren: Dr. med. Sabitha Vilan, Dr. med. Felix Huber

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