Hypertonie

Erstellt von: Felix Huber, Uwe Beise |Zuletzt revidiert: 1/2016

Inhaltsverzeichnis

 

Aktualisierung 1/2016

Nach Erscheinen der SPRINT-Studie (2015): Bei bestimmten Risikopatienten mit kardiovaskulären oder zerebrovaskuären Erkrankungen kann eine intensive Senkung des systolischen Blutdrucks auf 125–130 mmHg vorteilhaft sein (Abschnitt 4.1).  Ein solcher Ziel-BD kann deshalb im Einzelfall angestrebt werden, wenn der Patient dazu bereit ist und die Behandlung gut toleriert wird.

Kurzversion

Behandlungsziele

  • Ziel der Behandlung von Hypertonikern ist die langfristige Senkung des kardiovaskulären Risikos. Für eine optimale Risikoreduktion ist die Erfassung und Behandlung aller zusätzlichen beeinflussbaren Risikofaktoren notwendig.
  • BD-Zielwerte (Praxismessung)
    • generell < 140/90 mmHg 
    • bei isolierter systolischer Hypertonie: syst. BD < 150 mmHg
    • bei Diabetikern < 140/85 mmHg
    • bei Hochbetagten mit syst. BD ≥ 160mmHg ist eine Absenkung auf 140–150 mmHg ausreichend. Hinweis: Bei Risikopatienten mit kardio-und zerebrovaskulärer Erkrankung (ausser Stroke!) und/oder Niereninsuffizienz (eGFR 20–59 ml/min) (s. auch 4.1.) kann eine syst. BD-Senkung auf 125–130 mmHg vorteilhaft sein, wenn der Patient es gut toleriert. Keine intensivierte BD-Senkung jedoch bei Diabetes, symptomatischer Herzinsuffizienz oder Proteinurie (Albuminausscheidung ≥ 600 mg/d).

Diagnostisches Vorgehen

  • BD-Messung: Bestätigung einer Hypertonie durch Messung bei drei verschiedenen Arztbesuchen, Heimmessung oder 24-Stunden-BD-Messung.  
  • Anamnese: Familie: Hypertonie, Diabetes, Dyslipidämie, Schlaganfall, Herz-Kreislaufkrankheiten, Nierenkrankheit. Patient: Blutdruck- und Gewichtsverlauf, Lebensstil (Rauchen, Bewegung, Alkohol, Ernährung, Stress), Schnarchen, Schlafapnoe,Tagesmüdigkeit, kardiovaskuläre RF, Nierenkrankheit, Einnahme blutdrucksteigernder Substanzen.
  • Körperliche Untersuchung: umfassende internistische Untersuchung, Pulsstatus und Gefässauskultation (Strömungsgeräusche).
  • Basis-Labor: Blut: Kalium, Kreatinin, Glukose, Lipide, TSH. Urin: Urinstatus, Mikroalbuminurie.
  • Sekundäre Hypertonie: gezielte Abklärung bei konkretem Verdacht (s. Tabelle 2). Ein Screening auf sekundäre Hypertonie wird nicht empfohlen.

Therapeutisches Vorgehen

Behandlungsindikation:

  • bei Patienten mit persistierendem BD > 140/90 mmHg, gemäss AGLA-Score www.agla.ch.

Nicht-medikamentöse Massnahmen:

  • Bei leichter Hypertonie sollten zunächst nur Änderungen des Lebensstils eingeleitet werden: körperliches Training, Gewichtsabnahme, Alkohol- und Kochsalzrestriktion.

Medikamentöse Behandlung:

  • Beginn mit einem Antihypertensivum in niedriger Dosis, bei unzureichendem Ansprechen –> Dosis erhöhen. Alternativ: niedrig dosierte Kombinationstherapie. Bei höhergradiger Hypertonie sollte bevorzugt mit einer Kombination begonnen werden.

Medikamente

  • Initialtherapie: Als Erstlinienmedikamente sind geeignet:
    • Thiazid-Diuretika
    • ACE-Hemmer/AT-II-Antagonisten
    • Calciumantagonisten 
    • Betablocker sind bei Hypertonie ohne Begleiterkrankungen umstritten und nicht 1. Wahl.
  • Kombinationstherapie: grundsätzlich können alle Substanzklassen kombiniert werden (Ausnahme: AT-II-Antagonist nicht mit ACE-Hemmer!). Am besten untersucht sind folgende Kombinationen: Thiazid+ACE-Hemmer/AT-II-Antagonist, Ca-Antagonist+ACE-Hemmer/AT-II-Antagonist.
  • Begleiterkrankungen: sollen bei der Wahl des Antihypertensivums berücksichtigt werden (Übersicht Differentialtherapie):
    • Diuretika und Betablocker sollten bei Hypertonikern mit Diabetes oder erhöhtem Diabetesrisiko eher nicht eingesetzt werden.
    • Betabocker (Bisoprolol, Carvedilol, Metoprolol und Nebivolol) sind Medikamente 1. Wahl bei folgenden Begleiterkrankungen: Herzinsuffizienz, frisch durchgemachter Myokardinfarkt, Postinfarktpatienten bis mind. 3 Jahre nach dem Ereignis.

1. Definition, Bedeutung, Einteilung

Definition: Eine Hypertonie liegt bei Erwachsenen vor, wenn bei wiederholter Messung BD-Werte von mindestens ≥ 140 mmHg systolisch und/oder ≥ 90 mmHg diastolisch gemessen werden.

Bedeutung: Bluthochdruck ist einer der wichtigsten kardiovaskulären Risikofaktoren. Die Behandlung der Hypertonie kann das Auftreten von Folgekrankheiten wie Koronare Herzkrankheit (KHK), Schlaganfall oder Nierenschäden deutlich verringern.

 

Risikofaktoren: 

  • Alter 
  • Adipositas
  • familiäre Belastung
  • hoher Kochsalzkonsum (> 3 g/d)
  • hoher Alkoholkonsum
  • körperliche Inaktivität
  • Vitamin-D-Mangel (noch nicht eindeutig gesichert)

Einteilung: siehe nachfolgende Tabelle

Kategorie Systolisch (mmHg)  Diastolisch (mmHg)
Optimal
Normal
Grad 1 Hypertonie (leicht)
Grad 2 Hypertonie (mittelschwer)
Grad 3 Hypertonie (schwer)
Isolierte systolische Hypertonie
 < 120
120–129
140–159
160–179
≥ 180
≥ 140
 < 80
80–84
90–99
100–109
≥ 110
< 90

2. Diagnostisches Vorgehen

2.1. Blutdruckmessung

Der Blutdruck wird sitzend gemessen, nach mindestens 5-minütiger Ruhephase. Insbesondere bei älteren Patienten unter Antihypertensiva empfiehlt sich zusätzlich die Messung im Stehen (orthostatischer Blutdruckabfall!).

Bei der BD-Messung ist zu beachten:

  • an beiden Armen messen (Seitendifferenz ausschliessen)
  • Manschettenbreite an Oberarmumfang anpassen (> 33 cm = breite Manschette)
  • Dekompression 2 mmHg/sec (bei auskultatorischer Messung)
  • Drei Messungen auf 2 mmHg genau; Mittelwert der 2. und 3. Messung festhalten
  • BD bei zwei weiteren Arztbesuchen bestätigen, oder Heimmessung oder 24-Stunden-BD
  • Messgerät periodisch nach Herstellervorgaben eichen.

BD-Normalwerte:

  • In der Praxis: < 140/90 mmHg
  • Selbstmessung: < 135/85 mmHg
  • Mittelwert der Langzeitmessung (24 h-Messung, ambulante BD-Messung):
    • Tag und Nacht: < 125/80 mmHg
    • Tag (Wach): < 135/85 mmHg
    • Nacht (Schlaf): 10–15 % tiefer als Tageswert (Dipping)

2.2. Screening, Anamnese, klinische Untersuchung

Screening

  • ab 18 J., alle 3–5 Jahre. Bei Patienten, die Risikofaktoren für eine Hypertonie aufweisen (z. B. Adipositas) oder bei denen bereits ein hochnormaler BD gemessen wurde, sollte jährlich eine BD-Kontrolle erfolgen (wenn dies nicht in Heimmessung geschieht).

Amnamestische Aspekte

Familie

  • Hypertonie, Diabetes, Dyslipidämie, Hirnschlag, Herz-Kreislauferkrankungen, Niereninsuffizienz

Patient

  • Blutdruck- und Gewichtsverlauf (inkl. Blutdruck in Schwangerschaft)
  • Lebensstil: Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität / Sport, Essgewohnheiten / Salzkonsum, berufliche und private Belastung
  • Schlafapnoe
  • Kardiovaskuläre Risikofaktoren und Komplikationen
  • Nierenkrankheit
  • Antihypertensiva
  • Pressorische Substanzen: «Pille», nicht-steroidale Entzündungshemmer (NSAR), Kortikosteroide, Cyclosporin, Sympathikomimetika, Nasentropfen, Kokain, Erythropoietin, Anabolika, (Lakritze).

Untersuchung und Labor

  • Eingehende internistische Untersuchung inkl. Augenfundus, Pulsstatus (periphere Pulse) und Gefässauskultation (Strömungsgeräusche Carotis, Oberbauch/Niere)
  • EKG
  • In speziellen Fällen: Echokardiographie zur Abklärung einer linksventrikuläre Hypertrophie (LVH); EKG und Thorax-Röntgen haben eine geringe Sensitivität.
  • Das Basis-Labor umfasst:
    • Blut: Kalium, Kreatinin, Glukose, Lipide, TSH
    • Urin: Urinstatus, Mikroalbuminurie.

2.3. Sekundäre Hypertonie

Bei maximal 5 Prozent aller Hypertoniker gibt es Hinweise auf eine sekundäre Hypertonie. Wegen der geringen Vortestwahrscheinlichkeit wird ein Screening (nach gesichertem Bluthochdruck) nicht empfohlen. Bei konkretem Verdacht ist hingegen eine gezielte Abklärung erforderlich, ggfls. die Überweisung an einen Spezialisten.

Hinweise auf eine sekundäre Hypertonie sind:

  • Abrupter Beginn einer symptomatischen Hypertonie
  • Grad-III-Hypertonie
  • schwer einstellbare Hypertonie
  • fehlendes Dipping in der Nacht
  • keine Familienanamnese oder andere prädisponierende Faktoren
  • auffällige Befunde im Status
  • Verschlechterung eines bislang gut eingestellten Hypertonikers und ansteigendes Creatinin
  • sehr junge Patienten
  • diastolische Hypertonie > 110 mmHg (Hinweis auf Nierenarterienstenose)

Bei schwer einstellbarer Hypertonie überprüfen:

  • BD richtig gemessen? (z. B. mit zu schmaler Manschette: 20 % der Hypertoniker haben keinen erhöhten BD!)
  • Sprechstundenhypertonie (white-coat-Hypertonie)?
  • Alkohol, NSAR?
  • Compliance?
  • Exzessive Salzzufuhr?

Abklärungen bei Verdacht auf sekundäre Hypertonie: siehe nachfolgende Tabelle.

Nierenparenchymkrankheit

Empfohlene Abklärungen:
  • Serum-Kreatinin
  • Urinstatus und Mikroalbuminurie
  • Protein oder Albumin/Creatinin-Ratio im Spoturin
  • Nieren-Sonographie in ausgewählten Fällen

Renovaskuläre Hypertonie

Verdachtsmomente:
  • Kreatininanstieg (> 15 %) unter ACE-Hemmern oder A-II-Antagonisten
  • Abdominelles Strömungsgeräusch
  • Atherosklerose in einem anderen Strömungsgebiet
  • Akutes Lungenödem
  • Diastolische Hypertonie > 110 mmHg (Hinweis auf Nierenarterienstenose)
  • Fehlendes Dipping
Empfohlene Abklärung:
  • Bildgebung der Nierenarterien (Duplex-Sonographie, als zweiter Schritt CT-Angiographie in PTA-Bereitschaft)

Primärer Hyperaldosteronismus

Verdachtsmomente:
  • Oft Kalium < 3,5 mmol/l oder < 3,0 mmol/l unter Diuretika
  • Schwere/schwer einstellbare Hypertonie
Empfohlene Abklärung:
  • Zuweisung zum Spezialisten

Phäochromozytom

Verdachtsmomente:
  • Kopfschmerzen + Schwitzen + Herzklopfen
Empfohlene Abklärung:
  • Normetanephrin (Urin ansäuern) und/oder Plasma-Metanephrin und -Normetanephrin oder Spoturin im Anfall auf Metanephrin

Hyper-/(Hypo)thyreose

Empfohlene Abklärung:

  • TSH und freies T4

M.Cushing

Verdachtsmoment:
  • Phänotyp
Empfohlene Abklärung:
  • Mitternächtliches Speichel-Cortisol, freies 24-h-Urin-Cortisol
  • Dexamethasonhemmtest (niedrig dosiert)

3. Klassifikation der Hypertonie/Risikoeinteilung

Die Klassifikation der essenziellen Hypertonie erfolgt in Anlehnung an die Guideline der Schweizerischen Hypertoniegesellschaft (SHG) http://www.swisshypertension.ch/guidelines.htm

Tabelle SHG Klassifikation Hypertonie

Zusätzliche kardiovaskuläre Risikofaktoren bei Hypertonie sind:

  • Rauchen, Adipositas, körperliche Inaktivität
  • Diabetes mellitus
  • Herz-Kreislauferkrankungen in der Familie
  • Dyslipidämie: Cholesterin gesamt > 6,5 mmol/L, HDL < 1,0 mmol/L, LDL > 4,0 mm/L, Triglyceride > 1,7 mmol/L
  • Alter: Männer > 55-jährig, Frauen > 65-jährig

4. Therapie

Die Behandlung basiert grundsätzlich auf obiger SHG-Empfehlung oder auf dem AGLA-Score.

4.1. Behandlungsziele

Ziel der Behandlung von Hypertonikern ist die langfristige Senkung des kardiovaskulären Risikos. Für eine optimale Risikoreduktion ist die Erfassung und Behandlung aller zusätzlichen beeinflussbaren Risikofaktoren notwendig.

Welche BD-Zielwerte sollten angestrebt werden?

  • generell: < 140/90 mmHg
  • bei isolierter systolischer Hypertonie syst. BD: < 150 mmHg
  • Bei Hochbetagten mit initialem BD ≥ 160 mmHg ist eine Absenkung auf BD-Werte von 140–150/90 mmHg ausreichend. Cave: Insbesondere alte Patienten mit diastol. BD ≤ 70mmHg sind anfällig für NW!
  • bei Diabetikern: < 140/85 mmHg (2, 3)
  • bei bestimmten Risikopatienten (entsprechend dem SPRINT-Kollektiv, s. Anmerkungen) kann eine Absenkung auf einen syst. BD von 125–130 mmHg (Praxismessung) versucht werden, wenn der Patient es toleriert. Zu diesen Risikopatienten gehören Patienten mit kardiovaskulärer oder zerebrovaskulärer Erkrankung sowie nichtdiab. Niereninsuffizienz (eGFR < 60 ml/min/1.73 m2), nicht jedoch Patienten mit Stroke(anamnese), symptomatischer Herzinsuffizienz, Diabetes oder Proteinurie (Albuminausscheidung ≥ 600 mg/Tag).

Ergebnisse und Interpretation der SPRINT-Studie (25) :

  • In der SPRINT-Studie verringerte die Absenkung des syst. BD auf < 120 mmHg (oszillometrisch gemessen) die Mortalität und die Zahl kv-Ereignisse. Studienkollektiv (n = 2'646): Vorbehandelte Patienten > 50 Jahre mit einem systolischen BD von 130–180 mmHg und einem oder mehreren der folgenden RF: Alter ≥ 75 J., kardio- oder zerebrovaskuläre Erkrankung (ausser Stroke!), eGFR 20–59 ml/min/1,73 m2, 10-Jahres-Framingham Risiko Score ≥ 15 %.
  • In SPRINT waren folgende Patienten ausgeschlossen: Patienten mit Diabetes, symptomatischer Herzinsuffizienz, Stroke oder Proteinurie (≥ 600 mg/d Albumin).
  • Bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz (eGFR < 60 ml/min/1.73 m2) hatte die intensive Behandlung keinen Einfluss auf das Fortschreiten der Nierenerkrankung. Patienten ohne Niereninsuffizienz zu Therapiebeginn entwickelten aber unter intensiver BD-Therapie häufiger eine Niereninsuffizienz (3,8 vs 1,1 %).
  • mediX erachtet eine generelle Absenkung des BD auf < 120 mmHg bei den o. g. Risikopatienten nicht für sinnvoll und/oder praktikabel. Es kann aber im Einzelfall nach Abwägung von Nutzen und Risiken (NW bei Dosiserhöhung oder zusätzlich notwendiges Antihypertensivum!) ein Ziel-BD von syst. 125–130 mmHg angestrebt werden (26). Beachte: Den in SPRINT oszillometrisch gemessenen BD-Werten entsprechen um mind. 5 mmHg höhere BD-Werte bei manueller BD-Messung. Aktualisierte (inter)nationale Empfehlungen liegen seit Erscheinen der SPRINT noch nicht vor, sind aber für 2016 angekündigt.

Nutzen der medikamentösen antihypertensiven Therapie:

  • Bei Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko (z. B. 5-Jahresrisiko > 20 %) beträgt die absolute Risikoreduktion (ARR) für ein kv-Ereignis 3,8 % (NNT: 26 über 5 Jahre).
  • Bei Patienten mit einem geringen kv-Risiko (5-Jahresrisiko 6 %) beträgt die ARR nur 1,4 %, entsprechen einer NNT: 71 über 5 Jahre).

 

4.2. Nicht-medikamentöse Massnahmen

Folgende Massnahmen sollten die medikamentöse Therapie begleiten oder – bei leichter Hypertonie – ihr vorausgehen:

  • Nikotinabstinenz
  • Alkoholeinschränkung
  • Ernährung «salzarm», reich an Früchten und Gemüse (< 9 g NaCl/d = 24 h-Urin Na+ < 150 mmol)
  • Körperausdauertraining, z. B. Gehen, Laufen, Radfahren, Schwimmen
  • Gewichtsreduktion

 

Hinweise: Die blutdrucksenkenden Effekte nicht-medikamentöser Massnahmen sind in der Tabelle im Anhang aufgelistet. Dabei muss erwähnt werden, dass z. B. für (nichtmedikamentöse und medikamentöse) Gewichtsreduktion bislang keine klinischen Endpunktstudien (kardiovask. Morbidität und Mortalität) vorliegen (5). Das gleiche gilt für die Kochsalzreduktion (6) und die Steigerung körperlicher Aktivität (7).

 

4.3. Wahl der Antihypertensiva – praktisches Vorgehen

Allgemeines:

  • Die medikamentöse Therapie wird in der Regel mit einer Monotherapie in niedriger Dosis begonnen. Bei unzureichendem Ansprechen wird die Dosis erhöht, eine Alternative dazu ist die initiale niedrig dosierte Kombinationstherapie (8).
  • Bei etwa 2/3 aller Patienten ist eine Kombinationsbehandlung erforderlich, um die Zielwerte zu erreichen. Bei höhergradiger Hypertonie kann deshalb auch gleich mit einer Kombinationsbehandlung begonnen werden.

Medikamente:

Zur Monotherapie bzw. Initialtherapie sind verschiedene Präparate geeignet. Entscheidend ist, dass der BD ausreichend gesenkt wird!

Als Erstlinienmedikamente sind geeignet:

  • Thiazid-Diuretika und Analoga (9–11) (s. Anmerkungen)
    • Hydrochlorothiazid (Esidrex®)
    • Indapamid (z. B. Fludapamid®, Fludex®, Indapamid-Mepha®)
    • Thiazide + kaliumsparende Diuretika: Amilorid + Hydrochlorothiazid (z. B. Comilorid-Mepha®/-mite Tabl., Ecodurex®, Moduretic®/-mite.
  • ACE-Hemmer/AT-II-Antagonisten
  • Ca-Antagonisten (lang wirksame Dihydropyridine, Amlodipin)
  • ev. Betabocker (Bisoprolol, Carvedilol, Metoprolol und Nebivolol) (s. Anmerkungen)
  • ACE-Hemmer/AT-II-Antagonisten, Ca-Antagonisten
  • Betabocker vorwiegend bei spezieller Indikation (Begleiterkrankungen)

Kombinationstherapie: grundsätzlich können alle Substanzklassen kombiniert werden (Ausnahme: AT-II-Antagonist nicht mit ACE-Hemmer!). Am besten untersucht sind folgende Kombinationen: Thiazid + ACE-Hemmer/AT-II-Antagonist, Ca-Antagonist +  ACE-Hemmer/AT-II-Antagonist.

Anmerkungen zur antihypertensiven Therapie mit Diuretika:
Eine Cochrane-Analyse (9) sowie das IQWiG (10) kommen zu dem Schluss, dass Diuretika bei Patienten ohne Begleiterkrankungen im Allgemeinen erste Wahl sind. Die wichtige ALLHATStudie (11) wurde mit Chlorthalidon (Hygroton®) durchgeführt. Ob Hydrochlorothiazid (HCT), das auch in Kombinationspräparaten enthalten ist, den

 

 

 

gleichen Nutzen hat, ist nicht nachgewiesen (12). Eine Metaanalyse zeigt, dass Tagesdosierungen von 12,5–25 mg HCT als Monotherapie unzureichend sind (13).

Anmerkungen zur antihypertensiven Therapie mit Betablockern:
Betablocker sind bei essentieller Hypertonie ohne Begleiterkrankungen umstritten (v. a. wegen vermutlich etwas geringerer Wirksamkeit in der Strokeprävention). Anders als die US-amerikanischen Leitlinien (JNC8) führen die europäischen Leitlinien von ESC (European Society of Cardiology) und ESH (European Society of Hypertension) Betablocker jedoch weiter als gleichberechtigte Erstlinienmedikamente.

Betablocker sind unbestritten Antihypertensiva der 1. Wahl bei folgenden Begleiterkrankungen (14–17):

  • Herzinsuffizienz, frisch durchgemachter Myokardinfarkt, Postinfarktpatienten bis mind. 3 Jahre nach dem Ereignis und tachykarde Rhythmusstörungen. Liegt der Myokardinfarkt mehrere Jahre zurück, ist der Vorteil von Betablockern weniger eindeutig belegt.
  • Bei den genannten Indikationen sollten bevorzugt Beta1-selektive Betablocker ohne sympathomimetische Eigenwirkung zum Einsatz kommen (Bisoprolol, Carvedilol, Metoprolol und Nebivolol).

 

4.3.1. Antihypertensiva bei Begleiterkrankungen

Die antihypertensive Differentialtherapie sollte sich an den vorhandenen Risikofaktoren, bestehenden Endorganschäden und kardiovaskulären und nicht-kardiovaskulären Begleiterkrankungen ausrichten (s. nachfolgende Tabelle).
Auch bei Kombinationstherapien sollte sich die Wahl der Antihypertensiva an der individuellen Situation des Hochdruckpatienten orientieren.

Tabelle: Antihypertensiva bei verschiedenen Begleiterkrankungen (in Anlehnung an SHG, 2015)

GL Hypertonie 4.3.1. Antihypertensiva 2

4.3.2. Antihypertensive Therapie im Alter

  • Verschiedene Studien zeigen, dass eine Blutdrucksenkung auch im höheren Lebensalter einen Nutzen hat. Dieser kann, gemessen an kardiovaskulärer Morbidität und Letalität sogar grösser ausfallen als bei jüngeren Patienten, und zwar sowohl bei systolischdiastolischer als auch bei isolierter systolischer Hypertonie (18, 19).
  • Bei älteren Patienten kann die Therapie mit Thiaziddiuretika, ACE-Hemmern, Ca-Antagonisten oder Betablockern begonnen werden, stets unter Berücksichtigung der meist vorhandenen Begleitkrankheiten (s. 4.3.1).

 

  • Bei Patienten über 80 Jahre ist nach einer Cochrane-Analyse (19) der Nutzen einer Hochdrucktherapie nicht gesichert. Hingegen zeigte eine randomisierte Studie bei über 80-jährigen eine Reduktion von kardiovaskulärer und Gesamtmortalität. Die Patienten wurden mit Indapamid (teilweise zusätzlich mit Perindopril) behandelt, systolischer BD-Zielwert war < 150 mmHg (20). Eine antihypertensive Neubehandlung kann deshalb im Einzelfall auch bei Hochbetagten erwogen werden. Eine bereits bestehende erfolgreiche Therapie wird fortgesetzt.

5. Literatur

  1. Arguedas JA, Perez MI, Wright JM. Treatment blood pressure targets for hypertension. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 3. Art. No.: CD004349. DOI: 10.1002/14651858.CD004349.pub2 
  2. The ACCORD Study Group: Effects of Intensive Blood-Pressure Control in Type 2 Diabetes Mellitus. N Engl J Med 2010; 362:1575-1585.
  3. arznei-telegramm 2010, 41 : 35-37.
  4. Chalmers, J, et al. : WHO-ISH hypertension Guidelines Committee. 1999 Guidelines for Management of Hypertension. J Hypertension 1999, 17 :151-185.
  5. IQWIG-Bericht: www.iqwig.de/a05-21a-gewichtsreduktion-bei- essenzieller.986.html?tid=1131#berichte
  6. IQWiG-Bericht: https://www.iqwig.de/a05-21b-kochsalzreduktion-bei-essenzieller.986.html?tid=1129#berichte
  7. IQWiG-Bericht: https://www.iqwig.de/a05-21d-steigerung-der-koerperlichenaktivitaet.986.html?tid=1127#berichte
  8. Law, MR, et al.: Use of blood pressure lowering drugs in the prevention of cardiovascular disease : metaanalysis of 147 randomised trials in the context of expectations from prospective epidemiological studies. BMJ 200 ;338 :b1665.
  9. Wright, JM, Musini, VM: First-line drugs for hypertension. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 3. Art. No.: CD001841. DOI: 10.1002/14651858.CD001841.pub2 http://onlinelibrary.wiley.com/o/cochrane/clsysrev/articles/CD001841/frame.html
  10. IQWiG Bericht [A05-09]: Verschiedene antihypertensive Wirkstoffe als Therapie der ersten Wahl be Patienten mit essenzieller Hypertonie. https://www.iqwig.de/a05-09-verschiedene-antihypertensivewirkstoffe.986.html?tid=1151#uebersicht
  11. ALLHAT Officers and Coordinators for the ALLHAT Collaborative Research Group Major outcomes in highrisk hypertensive patients randomized to angiotensin-converting enzyme inhibitor or calcium channel blocker vs diuretic: The Antihypertensive and Lipid-Lowering Treatment to Prevent Heart Attack Trial (ALLHAT). JAMA. 2002 Dec 18;288(23):2981-97.
  12. Jamerson, K, et al.: ACCOMPLISH Trial Investigators: Benazepril plus amlodipine or hydrochlorothiazide for hypertension in high-risk patients. N Engl J Med. 2008 Dec 4;359(23):2417-28.
  13. Messerli, FH et al.:Antihypertensive Efficacy of Hydrochlorothiazide as Evaluated by Ambulatory Blood Pressure Monitoring. A Meta-Analysis of Randomized Trials. J Am Coll Cardiol. 2011; 57: 590-600.
  14. Bangalore, S, Messerli, FH: Betablockers in Hypertension – to use or not to use? Kardiovaskuläre Medizin 2008;11(4):117–123.
  15. Lindholm LH, et al.: Should β blockers remain first choice in the treatment of primary hypertension? A metaanalysis. Lancet 2005; 366:1545-1553.
  16. Dahlöf, B, et al.: Prevention of cardiovascular events with an antihypertensive regimen of amlodipine adding perindopril as required versus atenolol adding bendroflumethiazide as required, in the Anglo-Scandinavian Cardiac Outcomes Trial-Blood Pressure Lowering Arm (ASCOT-BPLA): a multicentre randomised controlled trial. Lancet 2005; 362 (9395):1527-1535.
  17. Dahlöf B, et al.: Cardiovascular morbidity and mortality in the Losartan Intervention for Endpoint reduction in hypertension study (LIFE): a randomised trial against atenolol. Lancet 2002; 359: 995-1003.
  18. NICE Guideline: Hypertension: management of hypertension in adults in primary care. NICE/BHS. June 2006. www.nice.org.uk/CG034.
  19. Musini, VM, et al.: Pharmacotherapy for hypertension in the elderly. Cochrane Database Syst Rev. 2009 Oct 7;(4):CD000028.
  20. Beckett, NS, et al.: Treatment of hypertension in patients 80 years of age or older. N Engl J Med 2008; 358:1887-1898.
  21. Halbert, JA, et al.: The effectiveness of exercise training in lowering blood pressure: a meta-analysis of randomised controlled trials of 4 weeks or longer. J Hum Hypertens 1997 : 11(10):641-9.
  22. Appel, LJ, et al.: A clinical trial of the effects of dietary patterns on blood pressure. DASH Collaborative Research Group. N Engl J Med. 1997;336(16):1117-24.
  23. Hamlin, S, et al. : Comparing Weight Reduction and Medications in Treating Mild Hypertension: A Systematic The ACCORD Study Group : Effects of Intensive Blood-Pressure Control in Type 2 Diabetes Mellitus. N Engl J Med 2010; 362:1575-1585.
  24. Mann JFE: Choice of drug therapy in primary (essential) hypertension. UpToDate 10/2015.
  25. The SPRINT Research Group: A Randomized Trial of Intensive versus Standard Blood-Pressure Control. N Engl J Med 2015; 373:2103-2116.
  26. Bakris, GL: Goal blood pressure in patients with cardiovascular disease or at high risk. UpToDate 11/2015.
  27. Antihypertensiva der ersten Wahl in aktuellen Leitlinien. a-t 2014; 45: 26-8
  28. Rutten FH, et al.: Beta-Blockers may reduce mortality and risk of exacerbations in patients with chronic obstructive pulmonary disease. Arch Intern Med 2010; 170:880–887

Weitere Quellen:

  1. Schweizerische Hypertonie Gesellschaft (SHG): http://www.swisshypertension.ch/
  2. US-amerikanische Guideline: 2014 evidence-based guideline for the management of high blood pressure in adults: report from the panel members appointed to the Eighth Joint National Committee (JNC 8). http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1791497
  3. European Society of Hypertension (ESH): 2013 ESH/ESC Guidelines for the management of arterial hypertension TheTask Force for the management ofarterial hypertension of the European Society of Hypertension (ESH) and of the European Society of Cardiology (ESC). http://www.esh2013.org/wordpress/wp-content/uploads/2013/06/ESC-ESH-Guidelines-2013.pdf
  4. Deutsche Hochdruckliga: http://www.paritaet.org/rr-liga/
  5. National Institute of Health and Clinical Excellence (NICE): http://guidance.nice.org.uk/CG/

6. Anhang

AGLA-Risikorechner 

AGLA Risikorechner


Tabelle: Nichtmedikamentöse Intervention und Blutdrucksenkung (21-23) (siehe auch 4.2)

Nichtmedikamentöse Therapie

Senkung des syst. Blutdrucks

Evidenzgrad

Gewichtsreduktion 5 mm Hg – 10 mm Hg A
Alkoholrestriktion 2 mm Hg - 4 mm Hg A
Körperliche Aktivität 4 mm Hg - 9 mm Hg A
Kochsalzrestriktion 2 mm Hg - 8 mm Hg A
Obst- und gemüsereiche
Ernährung, Anteil an mehrfach
ungesättigten Fettsäuren erhöhen
8 mm Hg - 14 mm Hg B
Rauchen einstellen

zur Senkung des kardiovaskulären Gesamtrisikos

B

Impressum

Diese Guideline wurde im Januar 2016 aktualisiert.
© mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber
Redaktion (verantw.): Dr. med. Uwe Beise
Autoren: Dr.med. Felix Huber / Dr. med. Uwe Beise

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mediX Guidelines enthalten therapeutische Handlungsempfehlungen für bestimmte Beschwerdebilder oder Behandlungssituationen. Jeder Patient muss jedoch nach seinen individuellen Gegebenheiten behandelt werden.

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