Abdominales Aortenaneurysma

Erstellt von: Felix Huber, Uwe Beise |Zuletzt revidiert: 04/2015

Inhalt

1. Definition, Epidemiologie, Risikofaktoren (1–4)

Definition

  • Als abdominales Aortenaneurysma (AAA) bezeichnet man eine Erweiterung der Bauchaorta auf einen Durchmesser von > 3 cm.
  • In 95 % der Fälle handelt es sich um Erweiterungen, die unterhalb der Nierenarterien beginnen. In 3 % sind Nierenarterien und in 2 % alle Viszeralarterien in das Aneurysma einbezogen.

 Häufigkeit

  • Männer : Frauen = 6 : 1
  • Prävalenz: 4–9 % im Alter > 60 J. (nach Schätzungen aus Screeningstudien)
  • Inzidenz (bei Männern > 50 J.): 3,5–6,5 pro 1'000 Personen/Jahr.

Pathogenese

  • multifaktorieller Prozess mit Veränderungen der Arterienwand: transmurale inflammatorische Veränderungen, abnormales Kollagenremodelling, Verlust von Elastin und glatten Muskelzellen, die zur Verdünnung und Schwächung der Arterienwand führen.

Risikofaktoren

  • Rauchen
  • Alter > 65 J.
  • männliches Geschlecht
  • unkontrollierte arterielle Hypertonie
  • bestehende Arterienerkrankung wie KHK, PAVK etc.
  • Familienanamnese (Geschwister bis 18 % betroffen)

2. Verlauf und Diagnose

 Natürlicher Verlauf und Rupturrisiko (6)

  • AAA schreiten grundsätzlich voran, aber in unterschiedlicher Geschwindigkeit: im Durchschnitt 0,3–0,4 cm/Jahr – eher rascher bei Rauchern, eher langsamer bei Diabetikern oder Patienten mit PAVK. Ein AAA kann manchmal über lange Zeit stabil bleiben und dann unerwartet rasch expandieren.
  • Das Rupturrisiko steigt vor allem in Abhängigkeit vom Durchmesser und der Wachstumsgeschwindigkeit: Hohes Risiko bei AAA > 5,5 cm oder Grössenzunahme > 0,5 cm in 6 Monaten. Ausserdem: erhöhtes Risiko bei Rauchern und Frauen, nach bestimmten operativen Eingriffen und bei unkontrollierter Hypertonie.

Jährliches durchschnittl. Rupturrisiko je nach AAA-Grösse (1, 7):

    • 4,0–4,9 cm = 0 %
    • 5,0–5,9 cm = 3-15 %
    • 6,0–6,9 cm = 10-20 %
    • 7,0–7,9 cm = 20-40 %
    • ≥8,0 cm = 30-50%

 Symptome (1, 8, 9)

  • Die meisten AAA sind klinisch stumm und werden oft als Zufallsbefunde bzw. beim Screening entdeckt.
  • Symptome entstehen durch Kompression benachbarter Strukturen oder (seltener) durch Entzündung des Aneurysmas:
    • Bauch-, Rücken- oder Flankenschmerz (auch ohne Ruptur)
    • evtl. akute oder chronische Extremitätenischämie, Fieber oder Malaise
    • bei Ruptur starke Schmerzen, Hypotonie, pulsatile abdominale Masse (bei 50 %)

Beachte: Bei Ruptur ins Retroperitoneum können die Symptome auf eine falsche Fährte führen: 30 % Fehldiagnosen – als Divertikulitis, gastrointestinale Hämorrhagie, Ischämie, Darmperforation.

Körperliche Untersuchung

  • Palpation: grosse Aneurysmen (> 5.5 cm) sind tastbar, aber nur < 50 % durch Palpation entdeckt.
  • Vaskuläre Abklärung, um Anzeichen für Thromboembolie oder periphere Aneurysmen zu erkennen.

Anmerkung: Thromboembolien können singulär oder multipel auftreten, symptomarm oder akut mit Schmerzen, lividen, kalten Extremitäten, fehlenden Pulsen.

3. Sonographie-Screening

Wertigkeit der Sonographie:

  • Die rechtzeitige Diagnose ist wichtig, da eine Ruptur mit einer hohen Sterblichkeit einhergeht: 50 % sterben bei der Notfall-Op. (von den 40 %, die überhaupt eine Klinik erreichen). Bei elektiver Op. beträgt die Mortalität 1–5 % (abhängig auch von Komorbiditäten und Art des Repair-Eingriffs).
  • Abdominal-Sonographie ist ein hoch sensitives und spezifisches Screening-Verfahren (95–100 %) (10).
  • Der Nutzen eines Sonographie-Screenings bei Risikopatienten wurde in grossen RCT bestätigt. Bei Personen mit geringem Risiko ist der Nutzen dagegen unbedeutend (11).

Hinweis: Ein CT ist zum AAA-Screening nicht erforderlich, hingegen ist es bei (hämodynamisch stabilen) Patienten mit vermutetem symptomatischen AAA der Sonographie vorzuziehen.

 Einmaliges AAA-Screening wird empfohlen:

  • bei männlichen Rauchern im Alter zwischen 65 und 75 J
  • bei Männern im Alter zwischen 65 und 75 J., die familiär belastet sind (ein erstgradig Verwandter mit AAA) – auch ohne Raucheranamnese
  • bei Frauen ist der Nutzen nicht hinreichend belegt. Bei Raucherinnen kann aber ein Screening zwischen 65 und 75 J. im Einzelfall erwogen werden.

Nutzen des Screenings:

  • AAA-Mortalität sinkt durch Screening um 45–50 %.
  • Number Needed to Screen (NNS): 216 Männer müssen am Screening teilnahmen, um einen durch ein AAA verursachten Todesfall über einen Zeitraum von 13 Jahren zu verhindern (12). Hierbei handelt es sich um Ergebnisse einer populationsbasierten Studie, Angaben zur NNS bei Risikopopulation liegen u. W. nicht vor.
  • Die Gesamtmortalität wird nicht signfikant gesenkt (da AAA bei alten Menschen nur in < 3 % die Todesursache ist) (10).

4. Therapie und Kontrollen (1, 15, 16)

I. Asymptomatisches AAA

1. Watchfull waiting (1, 7)

Indikation:

  • bei AAA < 5,5 cm Durchmesser.

Kontrollintervalle:

  • AAA 4–5,4 cm: alle 6–12 Monate
  • AAA 3–4 cm: alle 2–3 Jahre

Anmerkung: Die Kontrollintervalle sind nicht durch Studien gesichert, international werden unterschiedliche Empfehlungen gegeben (13).

ausserdem:

  • Rauchstopp
  • Medikamentöse Senkung des kardiovaskulären Risikos bei Patienten mit arteriosklerotischen Erkrankungen.

Anmerkung: Ob die Behandlung eines Hypertonus und einer Dyslipoproteinämie das Aneurysmawachstum aufhalten kann, ist nicht bekannt (1). Es gibt kein Medikament, das ausschliesslich zur Therapie eines AAA verordnet werden kann.

2. Operation

Indikation:

  • Symptomatisches AAA
  • Asymptomatisches AAA > 5,5 cm
  • Grössenzunahme > 0,5 cm/6 Mte.

Hinweise:

  • Da Frauen bei gleichem AAA-Durchmesser im Vergleich zu Männern ein erhöhtes Rupturrisiko aufweisen, kann eine Elektiv-Op schon bei einem Durchmesser ab 5,0 cm erwogen werden, wenn geringe Op-Risiken bestehen (1).
  • Bei Patienten mit AAA > 5,5 cm, die z. B. wegen Komorbiditäten eine kurze Lebenserwartung haben (< 2 J.), werden kein Eingriff und keine weiteren Kontrollen des AAA empfohlen (1).

 

Operationsmethoden:

  • Offene Operation mit Einsetzen einer Gefässprothese (OAR) – i. d. R. bei Patienten mit niedrigem Operationsrisiko und guter Lebenserwartung
  • Endovaskuläre Implantation eines Y-Grafts (EVAR) – i. d. R. bei Patienten mit hohem Operationsrisiko.

Hinweise:

  • EVAR weist gegenüber dem offenen Eingriff seltener perioperative Komplikationen und eine geringere perioperative Mortalität auf (0,5–2 % vs 3–5 %) auf (14).
  • Die Langzeitmortalität unterscheidet sich zwischen beiden Verfahren jedoch nicht (8). Nach EVAR verbleibt ein geringes Rupturrisiko.

II. Symptomatisches und rupturiertes AAA

  • Bei symptomatischem AAA dringliche Op innert 24 h.
  • Bei rupturiertem AAA Notfall-Op.

5. Literatur

  1.  Up-to-date, 02/2015. http://www.uptodate.com/contents/search?search=abdominal+aortic+aneurysm&sp=0&searchType=PLAIN_TEXT&source=USER_INPUT&searchControl=TOP_PULLDOWN&searchOffset=&autoComplete=true
  2. Lederle, FA: Prevalence and associations of abdominal aortic aneurysm detected through screening. Aneurysm Detection and Management (ADAM) Veterans Affairs Cooperative Study Group. Ann Intern Med. 1997;126(6):441.
  3. Scott RA Abdominal aortic aneurysm in 4237 screened patients: prevalence, development and management over 6 years.
  4. 2. Collin J.: Oxford screening programme for abdominal aortic aneurysm in men aged 65 to 74 years. Lancet 1988;2(8611):613
  5. Wilmink AB: The incidence of small abdominal aortic aneurysms and the change in normal infrarenal aortic diameter: implications for screening. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2001;21(2):165.
  6. Brady AR: Abdominal aortic aneurysm expansion: risk factors and time intervals for surveillance. Circulation. 2004;110(1):16.
  7.  Chaikof EL, et al.: SVS practice guidelines for the care of patients with an abdominal aortic aneurysm: executive summary. J Vasc Surg. 2009 Oct;50(4):880-96.
  8. Assar AN, Zarins CK: Ruptured abdominal aortic aneurysm: a surgical emergency with many clinical presentations. Postgrad Med J. 2009 May;85(1003):268-73.
  9. Marston WA, et al.: Misdiagnosis of ruptured abdominal aortic aneurysms. J Vasc Surg. 1992;16(1):17.
  10. LeFevre ML, U.S. Preventive Services Task Force: Screening for abdominal aortic aneurysm: U.S. Preventive Services Task Force recommendation statement. Ann Intern Med. 2014;161(4):281.
  11. Cosford PA, Leng GC: Screening for abdominal aortic aneurysm. Cochrane Database Syst Rev. 2007;
  12. Thompson SG, et al.: Final follow-up of the Multicentre Aneurysm Screening Study (MASS) randomized trial of abdominal aortic aneurysm screening. Br J Surg. 2012;99(12):1649.
  13. RESCAN Collaborators, Bown MJ, et al.: Surveillance intervals for small abdominal aortic aneurysms: a meta-analysis. JAMA. 2013 Feb;309(8):806-13.
  14. Schermerhorn M.L. et al (2008). Endovascular vs. Open Repair of Abdominal Aortic Aneurysms in the Medicare Population. N Engl J Med; 358: 464-474
  15. Debus ES: Therapie des abdominalen Aortenaneurysmas. Internist_2013 · 54:543–551
  16. Leitlinien zum Bauchaortenaneurysma und Beckenarterienaneurysma. Deutsche Gesellschaft für Gefässchirurgie, 2008. 

6. Impressum

Diese Guideline wurde im April 2015 aktualisiert. © Verein mediX

Herausgeber:

Dr. med. Felix Huber

Redaktion (verantw.):

Dr. med. Uwe Beise

Autoren:

Dr. med. Felix Huber

Dr. med. Uwe Beise

 

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