Präoperative Untersuchungen

Erstellt von: Uwe Beise|Zuletzt revidiert: 09/2011

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Risikoevaluation

Art und Umfang präoperativer Abklärungen orientieren sich am Risiko des einzelnen Patienten und am Risiko des geplanten chirurgischen Eingriffs. Es werden leichte und schwere Eingriffsarten definiert (siehe Tabelle 1, Seite 5). Die Risikostratifizierung des Patienten basiert auf Anamnese (mit Komorbiditäten und Blutungsanamnese), körperliche Untersuchung und körperliche Belastbarkeit (Ablauf Risikoevaluierung s. Anhang, S. 14)

Anamnese und klinische Untersuchung

  • Die sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung sind entscheidend. Bei unauffälligen Ergebnissen ist i.d.R. keine weiterführende präop. (Routine-) Diagnostik notwendig, wenn ein leichter Eingriff vorgesehen ist.
  • Bei pathologischer Anamnese oder klinischer Untersuchung oder wenn diese nicht durchführbar sind, weiterführende diagnostische Abklärungen (s.u.).

Präoperative Diagnostik

Die kardiopulmonale Belastbarkeit ist der wichtigste Parameter zur Abschätzung des perioperativen Risikos. Zur Orientierung genügt meist eine exakte Patientenbefragung (siehe Tabelle 2, Seite 6).
Die weiterführende Diagnostik erfolgt (entsprechend internationaler Guidelines) nach der individuellen Anamnese und klinischen Symptomatik. Bei folgender pathologischer Anamnese ist eine weiterführende Diagnostik erforderlich:

  • stabile Angina pectoris, hohes operatives Risiko
  • instabile Angina pectoris
  • Atemnot unbekannter Ursache
  • akute Herzinsuffizienz
  • Aortenstenose, Mitralstenose und andere hämodynamisch wirksame Vitien
  • Myokardinfarkt in der Anamnese (falls MET ≥ 4 nur Ruhe-EKG)
  • Zustand nach Revaskularisierung (falls MET ≥ 4 nur Ruhe-EKG)
  • Schwere kardiale Arrhythmien:
    • AV-Block II (Mobitz II)
    • AV-Block III
    • symptomatische ventrikuläre Arrhythmien
    • Vorhofflimmern und andere supraventrikuläre Arrhythmien bei einer Ruhe- Herzfrequenz > 100/min
    • symptomatische Bradykardie

Folgende präoperative Untersuchungen können indiziert sein:

 

 

KARDIALE ABKLÄRUNG

  • 12-Kanal-Ruhe-EKG
    bei pathologischer kardialer Anamnese, insbesondere vor grossen Eingriffen, bei mindestens 1 kardialen RF und bei geplanter Gefässchirurgie
  • Belastungs-EKG, Spiroergometrie
    bei hohem spezifischen Risiko der geplanten Operation und reduzierter Belastbarkeit (< 4 MET). Ist Fahrrad-Ergometrie nicht möglich, evtl. Stress-Echokardiografie oder Myokard-Szintigrafie
  • Echokardiografie
    bei anamnestischem oder klinischem Hinweis auf akute Herzinsuffizienz oder hämodynamisch wirksamen Herzklappenfehler.

PULMONALE ABKLÄRUNG

  • Auskultation: bei pulmonaler Erkrankung in der Anamnese
  • Spirometrie: bei verdächtiger pulmonaler Anamnese u/o klinischer Untersuchung, bei grossen Oberbaucheingriffen und respiratorisch schwer belastenden Eingriffen sowie bei intrathorakalen Eingriffen
  • Thorax-Röntgen (in 2 Ebenen): bei Verdacht auf Lungenkrankheit mit Konsequenzen für das perioperative Management (z.B. Atelektase, Pneumonie, Pleuraerguss), bei reduzierter Belastbarkeit (MET < 4)

LABOR

  • Individualisierte Bestimmung von Laborparametern statt Routinelabor oder „Screening je nach Patientenalter“ (siehe Tabelle 3, Seite 9). Bei unauffälliger Blutungsanamnese und blandem Untersuchungsbefund ist im Status ASA 1-2 (Tabelle i. Anhang) keine labormedizinische Blutgerinnungsanalytik erforderlich. Bei Patienten mit bekannter angeborener/erworbener Gerinnungsstörung und pathologischem Blutgerinnungsbefund: präoperativ und interdisziplinär eine optimierte Einstellung.

ANTIKOAGULATION

  • Patienten unter Vitamin-K-Antagonisten haben ein erhöhtes perioperatives Blutungsrisiko. Bei einem INR <1,5 kann eine Operation durchgeführt werden. Bei Patienten mit hohem thrombembolischem Risiko muss ein „Bridging“ mit niedermolekularem Heparin in Abhängigkeit von Alter, Körpergewicht und Nierenfunktion bis zum geplanten chirurgischen Eingriff durchgeführt werden.
  • Die bestehende Behandlung mit Thrombozytenaggregationshemmern (z.B. ASS) kann bei Patienten mit KHK fortgesetzt werden. Evtl. absetzen bei Patienten, bei denen intraoperativ eine schwierige Kontrolle der Hämostase zu erwarten ist.

1. Vorbemerkungen/ Ziele der Guideline

Präoperative Untersuchungen haben das Ziel, das Risiko für peri- und postoperative Komplikationen einschätzen zu können, und das postoperative Ergebnis zu verbessern, etwa durch gezieltes Management unmittelbar prä- und perioperativ oder durch spezifische Beeinflussung von Risikofaktoren vor Durchführung einer Operation. Es herrscht unter den Experten auf internationaler Ebene weitgehend Einigkeit darüber, dass präoperativ zu viel und zu unselektiv diagnostiziert wird, und dass durch eine gezielte, rationale Vorgehensweise erhebliche Kosten eingespart werden könnten (1).

Allerdings erweist sich eine evidenzbasierte Bewertung präoperativer Diagnostik als schwierig. Es existieren zumeist nur Fallserien sowie (oft heterogene) Beobachtungs- bzw. Kohortenstudien. Untersuchungen bei jüngeren (bis 50 Jahre) und ansonsten gesunden Patienten existieren kaum. Ebenso mangelt es an einschlägigen Studien bei kleineren Eingriffen (2). Folglich existiert für die Mehrzahl der Patienten, die sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen, keine ausreichende Literatur bezüglich präoperativer Patientenevaluierung. Die existierenden Guidelines oder Gepflogenheiten basieren zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil auf langjähriger Erfahrung der Anästhesisten. In den letzten Jahren geht die Tendenz hin zu einer diagnostischen „Abrüstung“.

Heute wird die Meinung vertreten, dass präoperatives Routinescreening nicht sinnvoll ist. Der Nutzen scheint gering, dem stehen für den Patienten potenziell unnötige Blutabnahmen, Arztbesuche und ggf. Strahlenbelastung sowie nich selten Folgeuntersuchungen nach falsch positiven Befunden gegenüber (2).

In dieser mediX Guideline geht es ausschliesslich um präoperative Diagnostik für elektive Eingriffe, und zwar bei Patienten mit dem ASA-Status 1 und 2 (keine oder leichte systemische Erkrankung), zum Teil auch für solche mit dem ASAStatus 3 (schwere systemische, aber nicht lebensbedrohliche Erkrankung).

Wir orientieren uns dabei u.a. an den Guidelines von NICE (3) sowie an denjenigen der European Society of Cardiology (ESC) (4) und der American Heart Association (AHA) (5). In diesem Jahr ist zudem eine neue, einfach gehaltene Leitlinie der Arbeitsgruppe für präoperative Evaluierung der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) publiziert worden, die bereits in der Praxis erfolgreich getestet wurde (1). Die ÖGARI-Leitlinie basiert unter anderem auf einem umfangreichen Review, das gemeinsam von Anästhesisten und Allgemeinmedizinern erstellt wurde (2).
Die Schweizerische Gesellschaft für Anästhesiologie und Reanimation (SGAR) hat keine entsprechende Guideline publiziert. Die an Schweizer Spitälern empfohlene präoperative Diagnostik ist nicht einheitlich. Die hier vorgelegte mediX Guideline kann deshalb von den regionalen Gepflogenheiten mehr oder weniger stark abweichen. Lokale Besonderheiten sind also beim Gebrauch stets mit zu beachten.

2. Operatives Risiko

Art und Umfang präoperativer Abklärungen orientieren sich grundsätzlich am Risiko des einzelnen Patienten und am Risiko des geplanten chirurgischen Eingriffs.

Operatives Risiko: Der ÖGARI folgend schlagen wir eine Klassifikation vor, die sich als einfach und recht breit anwendbar erwiesen hat (1). Demnach werden nur zwei Kategorien unterschieden: leichte und schwere operative Eingriffe (Tabelle 1).

Patientenrisiko: Die Risikostratifizierung des Patienten fokussiert auf Anamnese (mit Komorbiditäten und Blutungsanamnese), körperliche Untersuchung und körperliche Belastbarkeit (siehe Kap. 3.)

Tabelle 1: Kategorisierung der operativen Eingriffe (nach [1])

 

Leicht

Schwer

OP-Dauer

< 2 Stunden ≥ 2 Stunden

Blutverlust

< 500ml ≥ 500ml

Anatomische Region

Keine Körperhöhleneingriffe, diagnostische endoskopische Eingriffe und laparoskopische Cholezystektomie, laparoskopische Hernien-OP, thorakoskopische Eingriffe ohne Resektionen, orthopädische Eingriffe Eingriffe an Thorax oder Abdomen incl. Laparoskopische Darmchirurgie (Resektion und Anastomose) und thorakoskopische Lobektomie

Pathophysiol. Interaktionen

  Einfluss auf Hämodynamik und Respiration;
grosser Flüssigkeitsshift (von intravasal nach interstitiell)

3. Patientenrisiko - präoperative Abklärungen

3.1. Anamnese und klinische Untersuchung

Die standardisierte Erhebung der Anamnese (Erhebung vorhandener Komorbiditäten und Blutungsanamnese), die klinische Untersuchung und die Ermittlung der kardiopulmonalen Belastbarkeit bilden die Basis jeder präoperativen Diagnostik. Ergeben sich hierbei keine Anhaltspunkte für Vorerkrankungen, die das perioperative Vorgehen potenziell beeinflussen, sind – unabhängig von Art und Dauer des Eingriffs oder dem Alter des Patienten – weiterführende Untersuchungen in der Regel nicht erforderlich (1, 9).

Die klinische Untersuchung soll beinhalten (1):

  • Gewicht, Grösse, BMI
  • Blutdruck und Puls (Frequenz und Rhythmik)
  • Auskultation von Lunge und Herz
  • Pupillen (Grösse, Licht-Reaktion, getrennt und im Seitenvergleich)
  • Bei Verdacht auf neurologische Vorerkrankung: orientierende
    neurologische Untersuchung
  • allgemeine klinische Inspektion

Bei pathologischer Anamnese oder pathologischem Untersuchungsbefund und bei bestimmten Eingriffen besteht Indikation für eine weiterführende Abklärung.

3.2. Kardiovaskuläre Abkärung

Die Inzidenz eines kardialen Todes bei grossen (nichtkardialen) chirurgischen Eingriffen liegt zwischen 0,5 und 1,5%, gravierende kardiale Komplikationen treten bei bis zu 2,0–3,5% der grossen chirurgischen Eingriffe auf (10,11,12,13).
Die kardiopulmonale Belastbarkeit stellt einen wesentlichen Faktor zur Abschätzung des perioperativen Risikos dar. Im Regelfall genügt eine exakte Patientenbefragung (4, 5) (siehe Tabelle 2). Die funktionelle Belastbarkeit ist zur Risikoevaluierung besser geeignet als ein Ruhe-EKG (1).

Tabelle 2: Anamnestische Belastbarkeit und Scoring

Anamnestische Belastbarkeit

MET

CCS/NYHAKlassifikation

Keine Belastung möglich 1 IV
Bewegungen nur in der Ebene (100-150 m ohne Pause) 2-3 III
Belastungseinschränkung, langsames Gehen, leichte Hausarbeiten, nur 1 Stockwerk ohne Unterbrechung 3-4 II

Gehen mit normaler Geschwindigkeit, kurze Laufstrecke 2 Stockwerke ohne Pause und ohne limitierende Dyspnoe

4-5 I
Sportliche Aktivität (Golf, Kegeln, Tanzen) 5-10  
Ausdauer-, Leistungssport >10  
  • MET = Metabolic Equivalent Threshold.
  • 1 MET = Verbrauch von 3,5ml O2/kg Körpergewicht/min bei Männern
  • Verbrauch von 3,15ml O2/kg Körpergewicht/min bei Frauen = Ruheumsatz.
  • CCS = Canadian Cardiovascular Society
  • NYHA = New York Heart Association

Die individuelle Risikosituation des Patienten kann anhand des sog. Lee-Index erfasst werden, der folgende Risikofaktoren anführt (9):

  • Hochrisikochirurgie (inklusive Notfalloperationen)
  • Koronare Herzkrankheit
  • Herzinsuffizienz
  • Zerebrovaskuläre Erkrankung
  • Diabetes mellitus
  • Niereninsuffizienz (Serumkreatinin > 2mg/dl =176 μmol/l)

Der revidierte kardiale Index (RCRI) zeigt das kardiale Risiko an (Lee-Index):

Risikoklasse

Anzahl Risikofaktoren

Kardiales Risiko

I 0 0,4 %
II 1 0,9 %
III 2 6,6 %
IV ≥3 11 %

Bei folgender pathologischer Anamnese ist eine weiterführende Diagnostik nötig (1,4,5,9):

  • stabile Angina pectoris und hohes operatives Risiko
  • instabile Angina pectoris
  • Atemnot unbekannter Ursache
  • akute Herzinsuffizienz
  • Aortenstenose, Mitralstenose und andere hämodynamisch wirksame Vitien
  • Myokardinfarkt in der Anamnese (falls MET ≥ 4 nur Ruhe-EKG)
  • Zustand nach Revaskularisierung (falls MET ≥ 4 nur Ruhe-EKG)
  • schwere kardiale Arrhythmien:
    • AV-Block II (Mobitz II)
    • AV-Block III
    • symptomatische ventrikuläre Arrhythmien
    • Vorhofflimmern und andere supraventrikuläre Arrhythmien (inkl. Vorhofflattern) bei einer Ruhe-Herzfrequenz > 100/min
    • symptomatische Bradykardie

Folgende weitere präoperative Tests können zur Risikoevaluierung indiziert sein:

12-Kanal-Ruhe-EKG
bei pathologischer kardialer Anamnese, insbesondere vor grossen Eingriffen, bei mindestens 1 RF und bei geplanter Gefässchirurgie (4, 5)
Belastungs-EKG, Spiroergometrie

bei hohem spezifischen Risiko der geplanten Operation und reduzierter Belastbarkeit (< 4 MET) (4, 5)
Bei nicht möglicher Fahrrad-Ergometrie evtl. Stress-Echokardiografie oder Myokard-Szintigrafie (4, 5).

Echokardiografie
bei anamnestischem oder klinischem Hinweis auf akute Herzinsuffizienz oder Herzklappenfehlern.
Ziel: Quantifizierung der Klappen(dys)funktion und des Druckgradienten (4, 5)

 

3.3. Pulmonale Abklärung

Pulmonale Probleme spielen intraoperativ eher selten eine Rolle, sie können aber des öfteren postoperative Komplikationen hervorrufen (2).

Eine weiterführende Diagnostik ist in folgenden Situationen angezeigt:

Spirometrie bei verdächtiger pulmonaler Anamnese/Untersuchung, bei grossen Oberbaucheingriffen und respiratorisch schwer belastenden Eingriffen sowie bei intrathorakalen Eingriffen (1, 2)
Thorax-Röntgen (in 2 Ebenen) bei Verdacht auf Lungenkrankheit mit Konsequenzen für das perioperative Management (z.B. Atelektase, Pneumonie, Pleuraerguss), bei reduzierter Belastbarkeit (MET < 4) (3, 15)

Den Ablauf der kardiopulmonalen Risikoevaluierung zeigt Abbildung 1 (siehe Anhang). Zur Minimierung eines erkannten perioperativen kardiovaskulären oder respiratorischen Risikos können eine Koronarangiographie oder eine Spiroergometrie und gegebenenfalls weitere therapeutische Massnahmen erforderlich sein (kardiologisches Konsil!).

3.4. Präoperative Labordiagnostik

Ein Routinelabor bzw Laborscreening ist nicht erforderlich, da das perioperative Risiko sich kaum durch Laborwerte erkennen lässt, am ehesten noch durch Nierenfunktionswerte und Natriumbestimmung (2). Die Entscheidung sollte individuell getroffen werden. Folgende labormedizinischen Tests können zur präoperativen Risikoevaluierung indiziert sein (siehe Tabelle 3).

Tabelle 3: Zusammenfassung der präoperativ empfohlenen labormedizinischen Tests (nach 1)

Präoperative Labordiagnostik

Blutbilduntersuchung (Hb oder Hk, Leukozyten-und Thrombozytenzahl) (2)

  • bei schweren Eingriffen (insbes. bei hoher Transfusionswahrscheinlichkeit)
  • bei hämatologischen oder onkologischen Vorerkrankungen
  • bei Leberzirrhose (Thrombozytenzahl)
  • bei (Verdacht auf) Anämie

Beachte: Die labormedizinisch erkannte Anämie soll insbesondere vor grossen Eingriffen mit erwarteter Transfusionsbedürftigkeit präoperativ korrigiert werden!

Serumelektrolyte (1, 2)

  • bei schweren Eingriffen
  • bei (Verdacht auf) eingeschränkte Nieren- und/oder Leberfunktion, oder bei Diabetes mellitus
  • bei Dauermedikation mit ACE-Hemmern, Angiotensin-II-Antagonisten, Diuretika (Schleifendiuretika, Spironolacton), Kortikosteroiden, Antidepressiva oder Digitalis (nur Kalium).

Serum-Kreatinin und (errechnete) gomeruläre Filtrationsrate (1,2)

  • bei schweren Eingriffen
  • bei anamnestischem Hinweis auf Nierendysfunktion, Leberzirrhose, Diabetes mellitus
  • bei erhöhtem kardialen Risiko, eingeschränkter Belastbarkeit < 4 MET oder laufender
  • bei Chemotherapie/Radiatio
  • bei Dauermedikation mit ACE-Hemmern, Angiotensin-II-Antagonisten, Diuretika, Kortikoiden oder geplanter intraoperativer Kontrastmittelgabe

Leberfunktionsparameter (ALT (GPT), Bilirubin, PTZ oder INR) (1, 2)

  • bei (Verdacht auf) Leberdysfunktion, bei Operationen an der Leber

Blutzucker (1, 2, 3, 9)

  • bei schweren Eingriffen (Gelenkendoprothetik, Wirbelsäulen- und Gefässchirurgie)
  • bei Hochrisikopatienten, bei Patienten mit BMI>30 kg/m2
  • bei Dauermedikation mit Kortikoiden
  • bei bekanntem Diabetes mellitus

HbA1C (1, 2, 16-18) und Nüchternblutzucker am Operationstag

  • bei Diabetes mellitus und gleichzeitig schwerem Eingriff (v.a. Gefässchirurgie, Gelenkendoprothetik und Kolorektalchirurgie)

Schilddrüsenhormone (TSH, FT4) (1, 2)

  • bei (Verdacht auf) Schilddrüsendysfunktion

Blutgruppe und Antikörpersuchtest (1, 2)

  • bei schweren Eingriffen mit erwartet transfusionsbedürftigem Blutverlust (≥500 ml). Diese Indikation ist eher grosszügig zu stellen.

Blutgerinnungsanalytik (allgemeine Grundsätze)

  • Bei unauffälliger Blutungsanamnese und klinischem Untersuchungsbefund ist bei ASA 1-2-Patienten keine labormedizinische Blutgerinnungsanalytik erforderlich (3).
  • Das Blutungsrisiko ist durch Laboruntersuchungen allein nicht vorhersehbar oder vermeidbar. Die Kombination von Blutungsanamnese und individualisierter Laboranalytik steigert aber die Sensitivität (2).

Routine-Gerinnung (aPTT, PTZ, Fibrinogenspiegel, Thrombozytenzahl)

  • bei pathologischer Blutungsanamnese (mit klinischen Blutungssymptomen)
  • bei PatientInnen ≥ ASA 3 oder Leberdysfunktion
  • bei speziellen Eingriffen (z.B. an der Retina, intrakranielle/spinale Eingriffe)
  • bei Undurchführbarkeit der Blutungsanamnese

Primäre Hämostasekapazität (z.B. vWF-Ag, Thrombozytenfunktionstest)

  • bei pathologischer Blutungsanamnese (mit klinischen Blutungssymptomen) (1, 19)
  • bei speziellen Eingriffen (z.B. Retina, intrakranielle/spinale Eingriffe)
  • bei Undurchführbarkeit der Blutungsanamnese

Weitere Gerinnungstests (z.B. INR, anti-Xa Aktivität) (1, 2)

  • bei Einnahme von Antithrombotika mit erheblichem Blutungsrisiko zur Quantifizierung der (Rest-)Wirkung oder bei eingeschränkter Elimination
    Wichtig: Bei Patienten mit bekannter angeborener/erworbener Gerinnungsstörung sowie bei unklar pathologischem Blutgerinnungsbefund soll präoperativ nach interdisziplinärer Absprache eine optimierte Einstellung angestrebt werden.

3.5. Hinweise zur Antikoagulation

  • Patienten unter Antikoagulantientherapie mit Vitamin-K-Antagonisten weisen ein erhöhtes perioperatives Blutungsrisiko auf. Bei einem INR <1,5 kann eine Operation sicher durchgeführt werden. Bei Patienten mit hohem thrombembolischem Risiko (z. B. Patienten mit Vorhofflimmern mit hohem CHADS2-Score (≥2) (s. mediX Guideline Vorhofflimmern) muss ein „Bridging“ mit niedermolekularem Heparin in Abhängigkeit von Alter, Körpergewicht und Nierenfunktion bis zum geplanten chirurgischen Eingriff durchgeführt werden (5, 23).
  • Die Behandlung mit Thrombozytenaggregationshemmern (z.B. ASS) wird mit einem 1,5-fach höheren Risiko einer Blutung assoziiert, der Schweregrad der Blutungskomplikationen scheint aber nicht erhöht (20). Dem steht bei einer Unterbrechung einer bestehenden ASS-Medikation bei Patienten mit bekannter oder vermuteter KHK ein 3-fach erhöhtes Risiko für ein unerwünschtes kardiales Ereignis gegenüber (21). Die Fortführung einer vorbestehenden Therapie mit ASS in der perioperativen Phase sollte daher grundsätzlich in Erwägung gezogen werden. ASS kann aber bei Patienten abgesetzt werden, bei denen intraoperativ eine schwierige Kontrolle der Hämostase zu erwarten ist (23).

3.6. Medikamentöse Einstellung mit Betablockern und Statinen

Betablocker: Eine bestehende Betablocker-Therapie soll aufrecht erhalten bleiben (5). Bei kardialen Risikopatienten, die keine Betablocker erhalten, sollte mindestens 7 Tage vor dem Eingriff mit der Betablocker-Therapie begonnen werden, da Patienten mit niedriger Herzfrequenz ein besseres Überleben haben (22, 23) (CAVE: Hypotonie und Bradykardie vermeiden!). Empfohlen wird eine Anfangsdosierung von 2,5 mg Bisoprolol oder 50 mg Metoprololsuccinat für Patienten ohne manifeste Herzinsuffizienz. Die Dosis sollte so angepasst werden, dass eine Zielfrequenz in Ruhe von 60–70 Schläge/min und ein normotoner Blutdruck erreicht werden (Hypotonie und Bradykardie vermeiden!). Patienten mit Herzinsuffizienz müssen in niedrigerer Startdosierung entsprechend den Leitlinien auftitriert werden (4, 5, 23).

Statine: werden empfohlen, wenn eine gefässchirurgische Operation ansteht. Besteht bereits eine Statintherapie, kann diese fortgesetzt werden (4, 5).

4. Literatur

  1. Österreichische Quellleitlinie zur präoperativen Patientinnenevaluierung Juni 2011. http://www.oegari.at/arbeitsgruppe.asp?id=205
  2. Johannson T, et al.: Evidenz für die Effektivität präoperativer Untersuchungen hinsichtlich der Vorhersage und Verhinderung peri- und postoperativer Komplikationen – ein systematischer Review. S. 1-382. www.goeg.at/cxdata/media/download/berichte/review_praeop.pdf
  3. The use of routine preoperative tests for elective surgery. National Collaborating Centre for Acute Care (UK) 2003. http://www.nice.org.uk/CG3
  4. American College of Cardiology Foundation American Heart Association Task Force on Practice Guidelines American Society of Echocardiography American Society of Nuclear Cardiology Heart Rhythm Society Society of Cardiovascular Anesthesiologists Society for Cardiovascular Angiography and Interventions Society for Vascular Medicine Society for Vascular Surgery, Kirsten E. Fleischmann, MD: 2009 ACCF/AHA Focused Update on Perioperative Beta Blockade. J Am Coll Cardiol, 2009; 54:2102-2128, doi:10.1016/j.jacc.2009.07.004
  5. The Task Force for Preoperative Cardiac Risk Assessment and Perioperative Cardiac Management in Non-cardiac Surgery of the European Society of Cardiology (ESC) and endorsed by the European Society of Anaesthesiology (ESA). Poldermans D, Bax JJ, Boersma E, et al. Guidelines for pre-operative cardiac risk assessment and perioperative cardiac management in noncardiac surgery. Eur Heart J 2009;30:2769-812
  6. Schein OD, Katz J, Bass EB, et al. The value of routine preoperative medical testingbefore cataract surgery. Study of Medical Testing for Cataract Surgery. N Engl J Med 2000;342:168-75.
  7. Keay L, Lindsley K, Tielsch J, Katz J, Schein O. Routine preoperative medical testingfor cataract surgery. Cochrane Database Syst Rev 2009:CD007293.
  8. Chung F, Yuan H, Yin L, Vairavanathan S, Wong DT. Elimination of preoperative testing in ambulatory surgery. Anesth Analg 2009;108:467-75.
  9. Präoperative Evaluation erwachsener Patienten vor elektiven, nichtkardiochirurgischen Eingriffen Gemeinsame Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Kardiologe 2011 · 5:13–26.
  10. Lee TH, Marcantonio ER, Mangione CM, et al. Derivation and prospective validation of a simple index for prediction of cardiac risk of major noncardiac surgery. Circulation 1999;100:1043-9.
  11. Boersma E, Kertai MD, Schouten O, et al.: Perioperative cardiovascular mortality in noncardiac surgery: validation of the Lee cardiac risk index. Am J Med 2005; 118:1134–1141.
  12. Poldermans D, Bax JJ, Kertai MD et al.: Statins are associated with areduced incidence of perioperative mortality in patients undergoing major noncardiac vascular surgery. Circulation 2003; 107:1848–1851
  13. Poldermans D, Bax JJ, Schouten O et al.: Should major vascular surgery be delayed because of preoperative cardiac testing in intermediate-risk patients receiving beta-blocker therapy with tight heart rate control? J Am Coll Cardiol 2006; 48:964–969.
  14. Greillier L, Thomas P, Loundou A, et al.: Pulmonary function tests as apredictor of quantitative and qualitative outcomes after thoracic surgery for lung cancer. Clin Lung Cancer 2007;8:554-61.
  15. McAlister FA, Bertsch K, Man J, Bradley J, Jacka M.: Incidence of and riskfactors for pulmonary complications after nonthoracic surgery. Am J Respir Crit Care Med 2005;171:514-7.
  16. Dronge AS, Perkal MF, Kancir S, Concato J, Aslan M, Rosenthal RA.: Longtermglycemic control and postoperative infectious complications. Arch Surg 2006;141:375- 80; discussion 80.
  17. Acott AA, Theus SA, Kim LT. Long-term glucose control and risk of perioperative complications. Am J Surg 2009;198:596-9.
  18. Gustafsson UO, Thorell A, Soop M, Ljungqvist O, Nygren J. Haemoglobin A1c as a predictor of postoperative hyperglycaemia and complications after major colorectal surgery. Br J Surg 2009;96:1358-64.
  19. Koscielny J, von Tempelhoff GF, Ziemer S, et al. A practical concept for preoperative management of patients with impaired primary hemostasis. Clin Appl Thromb Hemost 2004;10:155-66.
  20. Burger W, Chemnitius JM, Kneissl GD, Rucker G (2005) Low-dose aspirin for secondary cardiovascular prevention-cardiovascular risks after its perioperative withdrawal versus bleeding risks with its continuation-review and meta-analysis. J Intern Med 257:399–414.
  21. Biondi-Zoccai GG, Lotrionte M, Agostoni P et al (2006) A systematic review and meta-analysis on the hazards of discontinuing or not adhering to aspirin among 50,279 patients at risk for coronary artery disease. Eur Heart J 27:2667–2674.
  22. Beattie WS, Wijeysundera DN, Karkouti K et al (2008) Does tight heart rate control improve beta-blocker efficacy? An updated analysis of the noncardiac surgical randomized trials. Anesth Analg 106:1039–1048.
  23. Kelm M, et al.: Kommentar zu den „ESC Guidelines for Pre-Operative Cardiac Risk Assessment and Perioperative Cardiac Management in Non-Cardiac Surgery“. Kardiologe 2010 · 4:375–382.

5. Anhang

Abbildung: Algorithmus der präoperativen kardiopulmonalen Risikoevaluierung (nach 1):

Anamnese präoperative Untersuchungen

Legende präoperative Untersuchungen

Tabelle: Risikoklassifikation der American Society of Anesthesiology (ASA)

ASA I Patient ohne Systemerkrankung, z.B. mit Fraktur und lokalisierter Infektion
ASA II Patient mit leichter Systemerkrankung, z.B. mit Atemnot bei schwerer Belastung, leichter Hypertonus,
Raucher, Diabetiker
ASA III Patient mit schwerer Systemerkrankung, z.B. Patient mit Herzinsuffizienz, Angina pectoris,
respriratorische Insuffizienz, chron. Niereninsuffizienz
ASA IV Patient mit schwerster Systemerkrankung und ständiger Lebensbedrohung, z.B. schwere
dekompensierte Herzinsuffizienz, respiratorische Insuffizienz in Ruhe
ASA V Moribunder Patient, der ohne OP / Intervention die nächsten 24 h wahrscheinlich nicht überlebt.

Impressum

Diese Guideline wurde im Oktober 2011 aktualisiert.
© mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber 

Autor: Dr. med. Uwe Beise

Rückmeldungen bitte an:

Diese Guideline wurde ohne externe Einflussnahme erstellt. Es bestehen keine finanziellen oder inhaltlichen Abhängigkeiten gegenüber der Industrie oder anderen Einrichtungen oder Interessengruppen.

mediX Guidelines enthalten therapeutische Handlungsempfehlungen für bestimmte Beschwerdebilder oder Behandlungssituationen. Jeder Patient muss jedoch nach seinen individuellen Gegebenheiten behandelt werden.

mediX Guidelines werden mit grosser Sorgfalt entwickelt und geprüft, dennoch kann mediX schweiz für die Richtigkeit – insbesondere von Dosierungsangaben – keine Gewähr übernehmen.