Neue/direkte Antikoagulantien

Erstellt von: Andrea Rosemann|Zuletzt revidiert: 05/2015

Inhalt

1. Wirkstoffe, Vor- und Nachteile (1-10)

Vorbemerkungen:

Mit Einführung der neuen oralen Antikoagulantien (NOAK) steht uns eine Alternative für die Vitamin-K-Antagonisten (VKA) zur Prävention resp. Behandlung von arteriellen und venösen thrombembolischen Ereignissen (VTE) zur Verfügung. Da die „Neuen“ nun auch schon einige Zeit im Einsatz sind, etabliert sich zunehmend der Begriff direkte orale Antikoagulantien (DOAK), den wir in dieser GL verwenden (mit Ausnahme original übernommener Tabellen). In klinischen Studien zeigten sich die DOAK in der Wirksamkeit den VKA nicht unterlegen, teilweise, auch bezüglich Sicherheit (z.B. betreffend intrakraniellen Blutungen), überlegen. Für die Embolieprophylaxe bei Vorhofflimmern werden die DOAK in den ESC Guidelines bereits als mindestens gleichwertig (Empfehlung I) zu den VKA resp. sogar prioritär (IIa) empfohlen (9).

Die DOAK sind direkte Gerinnungsinhibitoren, d.h. sie binden rasch, hochspezifisch und reversibel an ihr «Target», den aktivierten Gerinnungsfaktor F IIa (Thrombininhibitor Dabigatran) oder F Xa («-xabane»).

 VORTEILE :

  • feste Dosis, kein Therapiemonitoring
  • rascher Wirkbeginn (innerhalb 2 bis 4 h) und rasches Ende der Wirksamkeit, damit kein perioperatives Bridging erforderlich
  • im Vergleich zu VKA weniger Medikamenteninteraktionen
  • keine Wechselwirkung mit Nahrungsmitteln
  • weniger zerebrale Hämorrhagien.

 NACHTEILE :

  • kein spezifisches Antidot verfügbar (aber kurze HWZ)
  • im Gegensatz zu VKA keine Zulassung zum Einsatz bei künstlichen Herzklappen
  • hoher Preis
  • limitierter Einsatz bei Niereninsuffizienz
  • Complianceprobleme: schon wenige Stunden nach einer vergessenen Einnahme steigt das Thromboserisiko stark an (5).

 KOSTEN :

  • Marcoumar: bei 1 Arztkonsultation pro Monat: ca. CHF 700.–/Jahr
  • DOAK-Kostenvergleich unter Dosierung für Vorhofflimmern: reine Medikamentenkosten/Jahr in CHF: Xarelto® 1'225.–, Pradaxa® 1'241.–, Eliquis® 1'353.– zusätzlich 6 Konsultationen pro Jahr und Creatinin 500.–
Tabelle DOAK in der Schweiz

2. DOAK und Vorhofflimmern (11-12)

DOAK vs. VKA

 

  • Eine Antikoagulation mit VKA kann das relative Schlaganfallrisiko gegenüber Plazebo um 64 % verringern und das absolute Risiko pro Jahr um 2,7 % senken − das entspricht einer relativ niedrigen NNT von 37 pro Jahr, um einen Schlaganfall zu verhindern (11).
  • Eine aktuelle grosse Metaanalyse (12) bei insgesamt 71'683 Patienten mit VHF zeigt im Vergleich der DOAK zu VKA:
    • ein besseres Nutzen-Risiko-Profil mit Reduktion von zerebrovaskulären Ereignissen um 19 % (absolute Risikoreduktion= 0,8 %), v.a. durch die Verhinderung von hämorrhagischen Schlaganfällen (p < 0,0001).
    • eine geringere Mortalität (p = 0,0003). Bei den schwereren Blutungen gesamthaft ein geringer Vorteil zugunsten der DOAK (p = 0,06), unter DOAK aber häufiger gastrointestinale Blutungen (p = 0,04)
    • keinen Einfluss auf die Myokardinfarktrate
    • ältere Patienten (> 75 J.: 38 % aller Patienten in der Metaanalyse) sowie diejenigen, die bereits einmal einen Schlaganfall oder TIA erlitten haben, profitieren im Vergleich zu den VKA stärker von den neuen Substanzen.

3. DOAK und Prävention/Therapie venöser Thromboembolien

In der Schweiz sind Apixaban und Rivaroxaban zur Prophylaxe von VTE nach elektiver Knie- und Hüftersatzoperation zugelassen, Rivaroxaban ausserdem zur Therapie von aktuell bestehender TVT und LE sowie deren Sekundärprophylaxe. In den bisher veröffentlichten Studien zeigte sich für die DOAK eine Nicht-Unterlegenheit bezüglich Anzahl von Rezidiven gegenüber VKA

bei gleichzeitig tieferem Blutungsrisiko (13–16). In einer Subgruppenanalyse der EINSTEIN-DVT und -PE-Studie bestätigte sich auch bei 1'573 „gebrechlichen“ Patienten (definiert als Alter > 75 J., GFR < 50 ml/min, Gewicht < 50 kg) eine Nicht-Unterlegenheit von Rivaroxaban gegenüber VKA bei zudem signifikant weniger Blutungskomplikationen (17).

4. DOAK und Tumorpatienten (17–18)

Viele Patienten mit VTE weisen eine onkologische Grunderkrankung auf. Für Rivaroxaban (17) und Dabigatran (18) wurden post-hoc Subgruppen-Analysen durchgeführt, welche einen im Vergleich zu VKA guten klinischen Nutzen zeigten, wobei diese Daten aufgrund kleiner Fallzahlen keine zuverlässigen Schlüsse erlauben. 

Zudem ist noch unklar, wie es sich mit der Wirksamkeit und Sicherheit der DOAK im Vergleich zu den Niedermolekularen Heparinen (NMH) verhält. NMH gelten bei VTE und aktiver Krebserkrankung zum jetzigen Zeitpunkt als Therapie der Wahl.

5. DOAK und Niereninsuffizienz (19)

Über die Anwendung der DOAK bei schwerer Niereninsuffizienz gibt es kaum Erfahrung. Lediglich in den Studien mit Apixaban wurden Patienten mit einer GFR bis zu 20 ml/min eingeschlossen, in sämtlichen Studien mit Dabigatran und Rivaroxaban wurden Patienten mit einer GFR von < 30 ml/min ausgeschlossen. Die meisten Dosierungsempfehlungen beruhen auf pharmakokinetischen Berechnungen und nicht auf klinischen Studien.

Auch  bei mittelschwerer Niereninsuffizienz scheinen die DOAK bei angepasster Dosis effektiv und sicher zu sein. Für Apixaban konnte ab einer GFR < 50 (> 30) ml/min sogar eine signifikant grössere Reduktion des Blutungsrisikos im Vergleich zu VKA gezeigt werden (19).

Gemäss ESC Guidelines wird hingegen ab einer GFR < 30 ml/min vorerst vom Einsatz aller DOAK abgeraten (IIIA), da entsprechende Daten fehlen (9). Gemäss Kompendium wäre der Einsatz von Rivaroxaban und Apixaban bis zu einer GFR von 15 ml/min mit entsprechender Dosisanpassung möglich. Dabigatran wird vorwiegend renal ausgeschieden. Da es bei mittelschwerer Niereninsuffizienz im Rahmen einer akuten Erkrankung oder Polypharmazie rasch zu einem Abfall der Kreatininclearance kommen kann, verzichten viele Schweizer Gerinnungsspezialisten bereits bei einer GFR < 40 ml/min auf den Einsatz von Dabigatran.

6. Perioperatives Management unter DOAK (10)

Beim perioperativen Management gilt es, das Blutungsrisiko des geplanten Eingriffs gegen die Gefahr von Thrombembolien durch Unterbruch der Antikoagulation abzuwägen. Sehr gute praktische Empfehlungen gibt hier das Papier der EHRA, das auch zum Download unter www.NOACforAF.eu zur Verfügung steht (10):

Klassifikation des Blutungsrisikos chirurgischer Eingriffe:

Interventionen, bei denen die Unterbrechung der Antikoagulation nicht zwingend ist:
  • zahnärztliche Eingriffe: Extraktion von 1 bis 3 Zähnen, parodontale Eingriffe, Inzision eines Abzsesses
  • Ophthalmologie: Katarakt- oder Glaukomoperation
  • Endoskopie ohne Chirurgie
  • oberflächliche Chirurgie (z.B. Abzessinzision, kleine dermatologische Exzisionen).

 

Interventionen mit niedrigem Blutungsrisiko:
  • Endoskopie mit Biopsie
  • Prostata- oder Blasenbiopsie
  • Radiofrequenzablation bei supraventrikulärer Tachykardie
  • Angiografie
  • Schrittmacher oder ICD (ausser bei komplexer anatomischer Situation).
Interventionen mit hohem Blutungsrisiko:
  • komplexe linksseitige Ablation (VHF, ventrikuläre Tachykardie)
  • spinale oder epidurale Anästhesie
  • diagnostische Lumbalpunktion
  • thorakale und abdominelle Chirurgie
  • grössere orthopädische Eingriffe
  • Leberbiopsie, transurethrale Prostataresektion
  • Nierenbiopsie.

Wegen der rasch einsetzenden Wirkung und kurzen HWZ kann bei den DOAK auf eine parenterale Überbrückungstherapie verzichtet werden. Ausgenommen sind Patienten, die perioperativ keine Nahrung zu sich nehmen können, sowie Patienten mit sehr hohem Embolie- oder Blutungsrisiko.

DOAK bei chirurgischen Eingriffen

7. Blutungskomplikationen unter DOAK (10)

  • Das Risiko schwerer Blutungen liegt in VHF-Studien für DOAK bei 1,4-3,6 % verglichen mit 3,4 %/Jahr für VKA.
  • TAH und NSAR erhöhen das Risiko schwerer Blutungen bei Patienten unter DOAK und VKA in vergleichbarer Weise.
  • Eine mässige Niereninsuffizienz (GFR 30–49 ml/min) lässt die Rate schwerer Hämorrhagien unter Rivaroxaban von 3,4 auf 4,5 % ansteigen, verglichen mit einem Anstieg von 3,2 auf 4,7 % unter Warfarin.
  • Bei mehr als 50 % der Patienten, die unter Dabigatran eine schwere Hämorrhagie entwickeln, liegt eine mässige oder schwere Niereninsuffizienz vor.

Massnahmen bei Blutungen:

  • Im Falle einer Blutung unter DOAK steht derzeit kein spezifisches Antidot zur Verfügung. Aber: Dank der kurzen HWZ der DOAK nimmt die antikoagulative Wirkung ähnlich rasch wie unter NMH ab, d.h. nach 16–24 Std. ist nur noch eine geringe Beeinflussung der Hämostase zu erwarten. Zum Vergleich: Bei Patienten unter VKA kann durch Konakion bei i.v.-Gabe der INR innert 8–12 h normalisiert werden, was dem (spontanen) Abklingen der Wirkung von DOAK entspricht. Bei oraler Gabe von Konakion dauert die INR-Normalisierung > 24 Std.

 I. Basis-Massnahmen der Blutstillung, individuell angepasst an den Schweregrad und die Lage der Blutung:

  • mechanische Kompression, chirurgische Intervention
  • Flüssigkeitsersatz und hämodynamische Unterstützung
  • Blutprodukte oder Transfusion von Blutkomponenten.

 II. Spezifische Massnahmen:

  • Dabigatran ist dialysierbar. Eine  Hämodialyse kann daher nützlich sein, speziell wenn die Blutung mit akuter Niereninsuffizienz einhergeht.
  • Wenn die Blutung durch o.g. Massnahmen nicht unter Kontrolle gebracht werden kann, Prokoagulantien erwägen: Die Wirksamkeit unspezifischer koagulationsfördernder Massnahmen (gefrorenes Frischplasma, Konzentrate von II, VII, IX und X oder aktivierter Faktor VII) wurde bisher nur in Tierversuchen oder bei gesunden Freiwilligen getestet. Aufgrund dieser Faktenlage wird derzeitig empfohlen, bei lebensbedrohender oder trotz rigoroser lokaler Blutstillungsmassnahmen nicht zu stoppender Blutung, Konzentrate der Faktoren II, VII, IX und X (z.B. Prothromplex®) zu applizieren, alternativ den aktivierten Faktor VII (Novoseven®) oder Konzentrate aktivierter Faktoren (Feiba®).
Blutungskomplikationen

8. Handlungsempfehlungen DOAK (20- 22)

Wann können DOAK eingesetzt werden?

  • bei Patienten mit nicht-valvulärem Vorhoflimmern, die mit VKA schlecht einzustellen sind und/oder die ein erhöhtes Risiko für Medikamenteninteraktionen haben.
  • Rivaroxaban bei akuter TVT alternativ zu VKA (Vorteil bei begrenzter Behandlungsdauer, da keine überlappende NMH- Gabe bis zur wirksamen OAK erforderlich) oder bei
  • Rezidivthrombose unter Marcoumar
  • Primärprophylaxe VTE bei orthopädischen Eingriffen. Als Thromboseprophylaxe bei „internistischen“ Patienten oder zur Sekundärprophylaxe von VTEs bei Reisen haben die DOAKs keine Zulassung.

Wann sollen DOAK nicht verschrieben werden?

  • Es ist davon auszugehen, dass der Benefit eines Wechsels auf DOAK bei schlecht eingestellten Patienten am grössten ist (21).  Eine jahrelang gut mit VKA eingestellte OAK (z.B. TTR > 75 %) sollte nicht umgestellt werden.
  • Bei Malcompliance ist von einer Therapieumstellung ebenfalls abzuraten, weil dadurch die Möglichkeit eines INR-Monitorings entfällt und bei Auslassen einzelner Tabletten das Embolierisiko rasch ansteigen kann. Gerade bei polymorbiden oder schwer führbaren Patienten garantieren regelmässige Kontrollen zudem, dass Komplikationen und Komorbiditäten frühzeitig erfasst werden.
  • DOAK sind nicht zugelassen für valvuläres Vorhofflimmern (d.h. Mitralstenose oder Klappenprothesen), linksventrikuläre Thromben oder Herzwandaneurysmen. Nach mechanischem Herzklappenersatz traten unter Dabigatran mehr embolische Ereignisse, mehr Blutungen und mehr Todesfälle auf (22). Eine Mitralinsuffizienz stellt hingegen keine Kontraindikation dar.
  • Für die gleichzeitige Anwendung der DOAK zur Stroke-Prävention bei VHF mit einer dualen Plättchenaggregationshemmung (z. B. nach Stenteinlage wegen ACS) gibt es keine ausreichenden Daten.

Auswahl des «passenden» DOAK

Da keine Studie die verschiedenen DOAK untereinander verglichen hat, kann man keines der Präparate speziell empfehlen. Die Auswahl kann sich aber an den Komorbiditäten und Begleitmedikation orientieren:

  • Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion wird man von Substanzen mit einer hohen renalen Eliminationsrate, z. B. Dabigatran, eher Abstand nehmen.
  • Cave: gastrointestinale Blutungsanamnese! Einsatz von DOAK nur mit Vorsicht und evtl. begleitender Gabe von Protonenpumpeninhibitoren zu empfehlen, da in mehreren Studien gastrointestinale Blutungen gehäuft beobachtet wurden. Die Raten gastrointestinaler Blutungen waren bei der Prüfung verschiedener DOAK durchaus unterschiedlich (höhere Raten in der RE-LY-Studie mit 150 mg Dabigatran 2 x tgl. und in der ROCKET-Studie mit 20 mg Rivaroxaban 1 x tgl.). Als einzig bisher zugelassenes DOAK ist Apixaban nicht mit vermehrten Magen-Darm-Blutungen assoziiert.
  • Unter  Dabigatran klagen 5–10 % der Patienten über eine Dyspepsie. Bei vorbestehender Dyspepsie, Reflux oder Störung der gastrointestinalen Motilität sollte lieber ein anderes DOAK gewählt werden.
  • Bei noch unklarer Datenlage bezüglich Risikos akuter koronarer Ereignisse unter Dabigatran (vgl. Punkt 10) sollte bei Patienten mit hoher Vortestwahrscheinlichkeit oder bekannter KHK den  Faktor Xa-Hemmern («-xabane») der Vorzug gegeben werden.

9. Klinisch praktische Aspekte (23–26)

  • Analog zur Quick-Karte empfiehlt sich die Abgabe eines OAK-Ausweises, da aufgrund der wegfallenden INR-Kontrollen die Gefährlichkeit des Medikamentes unterschätzt wird.
  • Je schlechter die Nierenfunktion und je ausgeprägter die Polypharmazie, desto engmaschiger muss die Kreatininclearance (http://nierenrechner.de) gemessen werden, bei alten Patienten oder eingeschränkter Nierenfunktion mindestens alle 3–6 Monate, und zusätzlich bei kritischen Medikamentenumstellungen oder akuten Erkrankungen.
  • Laborkontrollen unter DOAK, empfohlen nach EHRC (10)
    • Gerinnungstests sind nicht notwendig!
    • jährlich: Hb, Nieren- und Leberfunktion
    • bei CrCl 30–60 ml/min, > 75 Jahre, oder gebrechlich: 6-monatlich Nierenfunktion
    • bei CrCl 15–30 ml/min: 3-monatlich Nierenfunktion
    • bei passageren einflussnehmenden Ereignissen: Nieren- und/oder Leberfunktion.
  • Rivaroxaban: Einnahme mit der Mahlzeit zur Verbesserung der Bioverfügbarkeit (andere DOAK mit/ohne Nahrung möglich). Sollte bei Laktoseintoleranz nicht verschrieben werden.
  • Dabigatran: Die Kapseln dürfen erst unmittelbar vor der Einnahme aus dem Blister genommen werden (nicht geeignet bei vorgängiger Medikamentenstellung, z.B. durch Spitex).

Obwohl es bei den DOAK weniger Medikamenteninteraktionen gibt als unter VKA sind einige wichtige Ausnahmen zu beachten (s. nachfolgende Tabelle):

DOAK Medikamenteninteraktionen

 

Kombination der DOAK mit Plättchenhemmer  ist möglich. Das Blutungsrisiko steigt ähnlich wie für die VKA um mindestens 60%.

Wechsel zwischen verschiedenen Antikoagulantien

Umstellung DOAK/parenterale Antikoagulantien

  • NMH –> DOAK: Start mit Rivaroxaban/Dabigatran 0–2 h vor nächster geplanter NMH-Gabe.
  • DOAK –> NMH: 1. NMH-Applikation bei Rivaroxaban zum Zeitpunkt der nächsten vorgesehenen DOAK-Einnahme, bei Dabigatran 12 h nach letzter Einnahme.  Bei Apixaban kann ein Wechsel mit NMH beiderseitig auf die nächste Dosisgabe hin erfolgen.

Umstellung VKA/DOAK

  • VKA –> DOAK: Beendigung der VKA-Behandlung und Start mit DOAK, wenn INR ≤ 2.5 bei Rivaroxaban bzw. < 2 bei Dabigatran/Apixaban.
  • DOAK –> VKA: Gleichzeitige Einnahme DOAK und VKA bis zum Erreichen des Ziel-INR. Da die DOAK, insbesondere Rivaroxaban, den INR-Wert beeinflussen können, soll die Bestimmung direkt vor der nächsten/24 h nach der letzten DOAK-Einnahme erfolgen, also unter alleiniger VKA-Behandlung.
  • Bei Dabigatran lautet die Empfehlung laut Kompendium: abhängig von der GFR bei ≥ 50ml/min Beginn mit VKA 3 Tage vor Absetzen von Pradaxa, bei GFR ≥ 30 bis < 50ml/min 2 Tage vor Absetzen.
  • Apixaban soll 48 h nach 1. Dosisgabe von VKA weiter angewendet werden.

Hinweis: Über das Management der INR-Kontrollen unter Dabigatran/Apixaban bei Umstellung auf VKA gibt es keine Empfehlungen. Die DEGAM-Handlungsempfehlung (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin) rät bei Dabigatran zu einer INR-Kontrolle frühestens 2 Tage, bei Apixaban frühestens 24 h nach Ende des DOAK.

Was tun bei Dosierungsirrtümern?

  • Wurde eine Dosis verpasst, soll bei der nächsten regulären Einnahme keine doppelte Dosis genommen werden. Ein Nachholen der verpassten Dosis ist bis zur Hälfte des Dosierungsintervalls jedoch erlaubt (z. B. bis zu 6 h bei 2 x bzw. bis 12 h bei 1 x tägl. Verabreichung). Ist das nicht mehr möglich, soll auf die Dosis ganz verzichtet werden.
  • Wurde irrtümlich die doppelte Dosis eingenommen, kann die nächste Dosis ausgelassen werden.
  • Weiss der Patienten nicht mehr, ob er die letzte Dosis eingenommen hat, dann kann man bei einem DOAK mit 2 x täglicher Einnahme raten, keine weitere Tablette zu nehmen, sondern nach 12 h normal weiterzufahren. Bei einem DOAK mit 1x täglicher Einnahme kann man hingegen empfehlen, eine Dosis einzunehmen und dann normal weiterzufahren.

Was tun bei vermuteter Überdosierung ohne Blutung?

  • Bei kurz zurückliegender Einnahme einer Überdosis kommt bei allen DOAK Aktivkohle infrage. Angesichts der kurzen Halbwertszeit der DOAK ist bei fehlender Blutung in den meisten Fällen eine abwartende Strategie vertretbar.

Kardioversion bei mit DOAK behandelten Patienten

  • Die ESC-Guidelines sehen vor, dass Patienten mit einem VHF von ≥ 48 h (oder unbekannter) Dauer für ≥ 3 Wochen eine Antikoagulation erhalten haben sollten, bevor eine Kardioversion durchgeführt wird.
  • Beobachtungsdaten aus den grossen Studien mit den DOAK wie RE-LY, Rocket-AF und ARISTOTLE zeigten keine Unterschiede bei den Raten von Stroke und systemischen Embolien im Vergleich zu VKA. Auf dem ESC-Kongress in Barcelona (9/2014) wurden nun auch prospektive Daten von Rivaroxaban vorgestellt, die dies belegen konnten.
  • Da die Compliance bei den DOAK nicht mittels einfacher Gerinnungstests überprüfbar ist, müssen die zur Kardioversion vorgesehenen Patienten eingehend zur vorangegangenen Medikamenteinnahme befragt werden und diese ist ausdrücklich zu dokumentieren. Bei Bedenken hat vor Kardioversion eine TEE (Transösophageale Echokardiographie) zu erfolgen.

Akute intrakranielle Blutung oder ischämischer Stroke unter DOAK

Akutphase:

  • Bei Patienten unter DOAK mit einer zerebralen Hämorrhagie sollte der Gerinnungsstatus so rasch wie möglich korrigiert werden.
  • Bei antikoagulierten Patienten mit ischämischem Stroke wird eine Lyse-Therapie nicht empfohlen. Unter DOAK kann eine Thrombolyse innert 48 h nach der letzten Medikamenteneinnahme nicht erfolgen. Diese Empfehlung von 4 Plasmahalbwertszeiten Sicherheitsabstand ist jedoch nicht validiert. Besteht in dieser Situation Unsicherheit, ob oder wann die letzte DOAK-Dosis eingenommen wurde, geben aPTT für Dabigatran respektive Prothrombinzeit für die Faktor-Xa-Hemmer Anhaltspunkte.

 Postakute Phase:

  • Bei anamnestischer intrazerebraler Blutung sind VKA und DOAK kontraindiziert, solange die Blutungsursache nicht beseitigt ist. In Analogie zu den VKA kann die DOAC-Medikation 10–14 Tage nach einer intrazerebralen Blutung wieder aufgenommen werden, wenn das kardioembolische Risiko hoch ist und das Risiko für eine erneute Hirnblutung als klein eingeschätzt wird.
  • Bei ischämischem Stroke hängt die Fortsetzung der Therapie von der Infarktgrösse ab. Nach einer TIA kann die Antikoagulation nach 1 Tag wieder aufgenommen werden, nach einem kleinen Infarkt ohne Behinderung nach 3 Tagen, nach einem etwas grösseren Schlaganfall nach 6 Tagen, bei grossen Infarkten jedoch nicht vor 2 oder sogar 3 Wochen.

DOAK in der Schwangerschaft/Stillzeit

  • DOAK sollten bei Frauen im gebärfähigen Alter nur mit einer sicher wirksamen Kontrazeption angewandt werden.

Beeinflussung von Gerinnungstests durch Antikoagulantien (23, 24)

  • Die DOAK haben zwar Auswirkung auf die meisten globalen Gerinnungstests, aber nicht proportional zu ihrer gerinnungshemmenden Wirkung, so dass die Tests nicht zur Kontrolle der Plasmakonzentration dieser Wirkstoffe verwendet werden können. Die Auswirkung der DOAK auf diese Tests korreliert mit deren Pharmakokinetik und Dosierungsschema mit 1- oder 2-mal täglich etwa 2–4 h nach der Einnahme auftretendem Spitzenspiegel, die im Verlauf der nachfolgenden Stunden wieder abklingen.
  • Möchte man die gerinnungshemmende Wirkung der DOAK quantitativ bestimmen (z. B. bei Hämorrhagie, chirurgischem Eingriff, Rezidiv eines thromboembolischen Ereignisses unter Therapie) sollte man für -xabane  die Anti-Xa-Aktivität (chromogene Assays), für -gatrane  eine standardisierte Thrombinzeit (z.B. Hemoclot-Test) messen.
  • Es gibt bis anhin keine Daten zu Cut-off-Werten, unterhalb welchen eine elektive Operation „sicher“ ist.

Wichtig für die Interpretation der Gerinnungstests: dem Labor den Einnahmezeitpunkt der DOAK in Relation zur Blutentnahme mitteilen!

DOAK Gerinnungstests

Einfluss von DOAK auf Thrombophilie-Parameter (25)

Den EInfluss von DOAK auf Thrombophilie-Parameter zeigt nachfolgende Tabelle. CAVE: falsch pos. Lupusantikoagulantien mit allen DOAK selbst bei niedrigen Restkonzentrationen.

DOAK Thrombophilie-Parameter

10. Offene Fragen

Dabigatran und Infarktrisiko

  • In der RE-LY-Studie wurde im Dabigatran-Arm gegenüber Warfarin eine signifikante Erhöhung der Anzahl akuter Koronarsyndrome festgestellt, mit einem relativen Risiko von 1,38. Zwei spätere Metaanalysen, die stark von RE-LY beeinflusst waren, kamen zu einem ähnlichen Resultat. Die Erhöhung des absoluten Risikos unter Dabigatran ist aber gering.

Dabei könnte es sich eher um ein Anzeichen für die bekannte gute, Dabigatran möglicherweise überlegene Wirksamkeit von Warfarin in der Prävention des akuten Koronarsyndroms handeln, als um eine Nebenwirkung von DabigatranIm Gegensatz dazu wirkt Rivaroxaban bei akutem koronaren Ereignis offenbar protektiv.

11. Literatur

  1. Asmis L: Die neuen Antikoagulantien – Was muss der Praktiker wissen? Praxis 2011; 100 (16): 971–976.
  2. Horten Zentrum für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer: Rivaroxaban zur Therapie bei tiefer Venenthrombose gleich gut wie herkömmliche Antikoagulation mit Heparin und Vitamin-K-Antagonist. Praxis 2011; 100 (16): 989–990.
  3. «Xa-tra-xa»: Chancen und offene Fragen bei neuen Antikoagulantien (Editorial). Praxis 2011; 100 (16): 947– 947 947.
  4. Gerber B, Senn O: Moderne Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern. Praxis 2011; 100 (19): 1161–1172.
  5. Paradigmenwechsel in der Thrombose- und Schlaganfall-Prophylaxe (Editorial). Arzneiverordnung in der Praxis 2011: 38: 50-51.
  6. Steffel J, Braunwald E: Novel oral anticoagulants: focus on stroke prevention and treatment of venous thrombo-embolism. Eur Heart J 2011; 32(16):1968-1976.
  7. Steffel J: Die neuen Antikoagulanzien: Praktische Aspekte in der Anwendung. LEADING OPINIONS Kardiologie & Gefässmedizin 2012; 2: 12-17
  8. Mannucci PM, Franchini M.: Old and new anticoagulant drugs: a minireview. Ann Med 2011; 43: 116-123.
  9. Camm AJ, Lip GY, De Caterina R, et al: 2012 focused update of the ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation: an update of the 2010 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation. Developed with the special contributionof the European Heart Rhythm Association. European Heart journal 33:2719-47, 2012
  10. Heidbuchel H, et al. EHRA practical guide on the use of new oral anticoagulants in patients with non-valvular atrial fibrillation: executive summary. Eur Heart J. 2013; 34 (27): 2094–2106.
  11. Hart RG et al. Meta-analysis: antithrombotic therapy to prevent stroke in patients who have nonvalvular atrial fibrillation. Ann Intern Med 2007; 146: 857–867.
  12. Ruff CT, et al. Comparison of the efficacy and safety of new oral anticoagulants with warfarin in patients with atrial fibrillation: a meta-analysis of randomised trials. Lancet 2014; 383: 955–962.
  13. Bauersachs R, Berkowitz SD, Brenner B, et al: Oral rivaroxaban for symptomatic venous thromboembolism. The New England journal of medicine 363:2499-510, 2010
  14. Buller HR, Prins MH, Lensin AW, et al: Oral rivaroxaban for the treatment of symptomatic pulmonary embolism. The New England journal of medicine 366:1287- 97, 2012
  15. Agnelli G, Buller HR, Cohen A, et al: Oral apixaban for the treatment of acute venous thromboembolism. The New England journal of medicine 369:799-808, 2013
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  17. Prins MH, Lensing AW, Bauersachs R, et al: Oral rivaroxaban versus standard therapy for the treatment of symptomatic venous thromboembolism: a pooled analysis of the EINSTEIN-DVT and PE randomized studies. Thrombosis journal 11:21, 2013
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  22. Eikelboom JW, Connolly SJ, Brueckmann M, et al: Dabigatran versus warfarin in patients with mechanical heart valves. The New England journal of medicine 369:1206-14.
  23. 201Gouin-Thibault, Assessment of apixaban plasma levels by laboratory tests: suitability of three anti-Xa assays. A multicentre French GEHT study. Thromb Haemost 2014; 111(2):240-248
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  25. Adcock DM, Gosselin R, Kitchen S, Dwyre DM: The effect of dabigatran on select specialty coagulation assays. Am J Clin Pathol 2013 Am J Clin Pathol. 2013 Jan;139(1):102-9.
  26. Flaker GC: Apixaban is efficacious and safe in patients with atrial fibrillation using concomitant amiodarone: an analysis from the aristotle trial J Am Coll Cardiol 61:10 S, 2013.

Impressum

Diese Guideline wurde im Dezember 2014 aktualisiert.
© mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber
Redaktion (verantw.): Dr. med. Uwe Beise              

Autorin:

Dr. med. Andrea Rosemann

Fachärztin FMH für Kardiologie und Angiologie

Rämistr. 34, 8001 Zürich                                                                                                                                         

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