Tinnitus

Erstellt von: Sabitha Vilan, Felix Huber |Zuletzt revidiert: 10/2014

Inhalt

1. Definiton, Epidemiologie, Pathopyhsiologie (1-3)

Definition

  • Tinnitus kommt vom lateinischen und bedeutet „Klingeln“. Es handelt sich dabei um die anhaltende oder wiederkehrende subjektive Wahrnehmung (subjektiver Tinnitus) eines Tons oder Geräuschs ohne akustische Stimulation von aussen.
  • Unter einem objektiven Tinnitus versteht man dagegen Ohrgeräusche, die durch eine körpereigene Schallquelle entstehen, die nahe am Innenohr liegt.

Epidemiologie

  • Prävalenz:5-15% der Menschen sind betroffen, etwa 8% haben einen chronischen Tinnitus, etwa 1% sind dadurch erheblich in ihrem Leben beeinträchtigt.
  • Männer und Frauen sind fast gleich häufig betroffen.
  • Bei etwa 40% der Betroffenen liegt auch eine Hyperakusis vor.

Pathophysiologie

  • Die häufigsten Auslöser sind sensorineuraler oder lärminduzierter Hörverlust, Stress und Medikamente.
  • Es wird angenommen, dass sich unter dem Oberbegriff Tinnitus verschiedene klinisch und pathophysiologisch zu unterscheidende Subtypen verbergen, die in unterschiedlicher Weise auf einzelne Therapieformen ansprechen.
  • Bei chronischem Tinnitus besteht eine gesteigerte Erregung entlang der gesamten zentralen auditorischen Bahn – als kompensatorische Reaktion auf eine Hörminderung (ähnlich dem Phantomschmerz) (4).
  • Patienten mit chronischem Tinnitus weisen ausserdem funktionelle Veränderungen in limbischen, parietalen und frontalen Hirnarealen auf.
  • Die bei Tinnitus auftretende psychische Belastung zeigt sich in der Mitaktivierung eines unspezifischen „Distress“-Netzwerkes, das u.a. das anteriore Cingulum, die anteriore Insel und die Amygdala umfasst. Diese Aktivierung spielt auch bei Schmerzsyndromen und somatoformen Störungen eine Rolle.

2. Einteilung (1-3)

Dauer

  • Akuter Tinnitus: besteht kürzer als 3 Monate
  • Chronischer Tinnitus: besteht länger als 12 Monate

Subjektive und objektive Ohrgeräusche

 1. Subjektive Ohrgeräusche (99%):

  • Vom Ohr ausgehend:
    • Schallleitungsstörung: Verlegung des Gehörgangs (Cerumen, Fremdkörper), akute oder chronische Otitis media
    • Schallempfindungsstörung: Intoxikationen, Innenohrkrankheiten, Presbyakusis
    • Sensorisch: M. Menière, Hörsturz
    • Neuronal: Erkrankungen des Hörnerven, Akustikusneurinom
    • Entzündlich: Zoster oticus, Lyme-Borreliose, HIV
    • Kombinierte Schwerhörigkeit: Otosklerose, Mittelohrentzündungen mit Labyrinthbeteiligung
  • Metabolisch: Schilddrüsenerkrankungen, Hyperlipidämie, Vitamin B12-Mangel

 

 

 

 

  • Psychogen: Depression, Angststörungen
  • Neurogen/muskulär: MS, Schädelhirntrauma, Spasmen des M. tensor tympani bzw. Myoklonien der Gaumenmuskulatur, muskuläre Verspannungen der Nacken- und temporomandibulären Muskulatur
  • Medikamentös: s. Tabelle unten.

 2. Objektivierbare Ohrgeräusche:

  • sind selten (ca. 1% aller Tinnituspatienten)
  • Es handelt sich meist um pulssynchronen Tinnitus (bei funktionierendem Hörorgan), es liegt also eine echte physikalische Geräuschquelle vor, die prinzipiell vom Untersucher objektivierbar ist. Meist handelt es sich um arteriovenöse Gefässmissbildungen oder einen vaskulären Tumor; weitere Ursachen: Spasmen der Mittelohrmuskulatur, Tubenfunktionsstörungen.

 

Tabelle: Substanzen, die einen Tinnitus verursachen oder verstärken können (Auswahl)

Analgetika Aspirin, NSAR
Antibiotika Aminoglykoside, Chloramphenicol, Erythromycin, Tetrazykline, Vancomycin
Chemotherapeutika Bleomycin, Cisplatin, Mechlorethamine, Methotrexat, Vincristin
Schleifendiuretika Bumetanid, Furosemid
Antidepressiva Sertalin, Sibutramin, trizyklische Antidepressiva
Malariamittel Chloroquin

3. Diagnostik (1-3)

Anamnese:

  • Charakter des Ohrgeräusches:
    • pulsatil - nicht pulsatil?
    • Klicken: ist meist physiologischer Genese (Myoklonie)
    • hochfrequenter Ton: häufiger assoziiert mit Erkrankungen des Innenohrs
    • tieffrequenter Ton: häufiger bei Erkrankungen des Mittelohres und M. Menière
  • Dauer und Begleitumstände (Stress, Geräuschexposition?), Leidensdruck*
  • Otologische Symptome: Schmerz, Hörverlust, Druckgefühl, Schwindel, sinunasale Beschwerden
  • Medikamente
  • Erkrankungen (z.B. Diabetes, Hyperlipidämie, Herz-Kreislauf-Erkrankung, Hormonstörungen)
  • Begleitsymptome/-krankheiten wie Schlaf- und Konzentrationsmangel, Angst, Depression                    
  • Zur Ermittlung des Schweregrads kann z.B. der validierte Tinnitusfragebogen nach Goebel und Hiller eingesetzt werden.

Klinische Untersuchung:

  • Funktionsprüfung HWS und Kiefergelenke (5)
  • Zur Unterscheidung Schallleitungs- versus Schallempfindungsstörung: Weber- und Rinne-Test

 

Bei pulsatilem Tinnitus (6):

  • Auskultation im Halsbereich und periauriculär
  • evtl. Kompression der ipsilateralen Jugularisvene (venöser Tinnitus kann durch Kompression unterdrückt werden)
  • evtl. kräftige Kompression der A. carotis (arterieller Tinnitus sistiert oder nimmt ab)

HNO-ärztliche Untersuchung / audiologische Diagnostik:

  • Ton-/Sprachaudiometrie
  • Tinnitusfrequenz-/Lautheitsbestimmung
  • minimal masking level
  • Tympanometrie

Hinweis: Eine Überweisung zum ORL-Spezialisten ist bei fehlenden Hinweisen auf weitere o.g. Symptome nicht erforderlich, ausser auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten.

Weitere Abklärungen:

  • Können je nach Befundkonstellation im Einzelfall erforderlich sein.
  • Bei persistierendem pulsatilen Tinnitus ist eine genaue Abklärung in jedem Fall notwendig.
  • Bei einseitigem Tinnitus und deutlichen Seitendifferenzen im Hörvermögen des Patienten: MRI zum Ausschluss eines Akustikusneurinoms.

4. Therapie (1-3, 7,8)

Grundlagen:

  • Für die meisten Tinnitustherapien liegt nur eine begrenzte Evidenz vor, die methodische Qualität der Studien ist sehr heterogen.
  • Die Behandlung von Tinnitus auslösenden Krankheiten kann die Ohrgeräusche bei einem Teil der Patienten lindern oder beseitigen.
  • Der Leidensdruck ist weniger durch die Laustärke oder Frequenz des Tinnitus bestimmt als vielmehr durch die Begleitsymptome und Komorbiditäten, wie z.B. Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Depression (9).
  • Bei chronischem (komplexem) Tinnitus interdisziplinäre Behandlung.
  • Eingehende Beratung/Psychoedukation: ist immer erforderlich! Vermeidung einer pessimistischen Haltung („kann man nichts gegen machen“), Aufklärung über den gutartigen Charakter des Tinnitus.
  • Die  Indikation zur symptomatischen Therapie soll vom  individuellen Leidensdruck abhängig gemacht werden . Bei Patienten ohne nennenswerte Einschränkungen der Lebensqualität hilft oft schon eine gute Aufklärung; eine Pathologisierung der Ohrgeräusche ist zu vermeiden.
  • Lärmschutz (z.B. an Konzerten) wird zur Prävention empfohlen.

Behandlung der auslösenden Erkrankung (Auswahl):

  • Akuter Tinnitus mit akutem Hörverlust: Therapie des Hörsturzes (siehe mediX GL Hörsturz)
  • Hörminderung: Hörgeräte, Cochlea-Implantat
  • Schallleitungsstörung: Therapie je nach Ursache
  • M. Menière: intratympaniale medikamentöse Therapie, Betahistin
  • Palataler Myoklonus: Botolinus-Injektionen
  • Pulsatiler Tinnitus: spezifische Therapie der Gefässerkrankung / des Tumors

Symptomatische Behandlung (wenn kausale Therapie nicht möglich oder nicht zufriedenstellend):

Häufig eingesetzte Verfahren:

  • Kognitive Verhaltenstherapie: Wirksamkeit eindeutig nachgewiesen (10)
  •  Hörgeräte (bei Hörminderung): In erster Linie Patienten, bei denen die Tinnitusfrequenz unter 6 kHz liegt, scheinen zu profitieren. Es gibt aber nur Beobachtungsstudien.
  • Tinnitusmasker („noiser“): generiert Umgebungs- oder individuell massgeschneiderte Geräusche, wodurch in Ruhe-Umgebung das Ohrgeräusch überdeckt wird. Nur eingeschränkte Daten aus kontrollierten Untersuchungen. Ob vollständige oder partielle Maskierung langfristig günstiger ist, ist unklar (Patientenpräferenz entscheidend) (11)
  • Tinnitus retraining therapy (TRT): spezifische Beratung kombiniert mit der Anwendung einer niederfrequenten Breitband-Geräuschkulisse durch Masker oder Hörgerät. Einige Studien zeigen positive Effekte, es fehlen aber hochwertige Untersuchungen (12).
  •  Biofeedback und Stressreduktionsprogramme (z.B. Muskelentspannung nach Jakobson)
  • Einige Patienten können von Selbsthilfegruppen profitieren: https://www.tinnitus-schweiz.ch/selbsthilfe-gruppen/ 

 Ohne nachgewiesene Wirksamkeit oder noch experimentell:

  • Akupunktur: in Studien nicht besser als Placebo (13)
  • Phytotherapeutika (z.B. Ginkgo biloba): in Studien nicht besser als Placebo (18)
  • Vitamine und Mineralien (z.B. Niacin, Zink, Kupfer und Magnesium)
  • Hyperbare Oxydationstherapie: in Studien ohne Wirksamkeitsnachweis (14)
  • Coordinated Reset (CR®)-Neuromodulation: relativ neues, frühzeitig vermarktetes Verfahren, bislang nur 1 Studie vorhanden. Diese ergab eine signifikant verringerte Tinnitusintensität, die Studie weist aber methodische Schwächen auf (15). (Noch) kein allgemein empfohlenes Verfahren (16).
  • Tinnitus-Musiktherapie: kann nach einer Pilotstudie bei manchen Patienten möglicherweise den Übergang vom akuten in den chronischen Tinnitus aufhalten (17).

Literatur für Betroffene: Bernhard Kellerhals/ Regula Zogg: Tinnitus-Hilfe. S. Karger, 2004. Weitere Buchempfehlungen unter http://www.tinnitus-liga.de/pages/sonstiges/shop/buecher.php

5. Literatur

  1. Kreuzer PM, Vielsmeier V, Langguth B: Chronic tinnitus: an interdisciplinary challenge. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(16): 278–84. DOI: 10.3238/arztebl.2013.0278
  2. Baguley D, et al.: Tinnitus. Lancet 2013; 382: 1600–07.
  3.  Meehan T, Nogueira C: Tinnitus. BMJ 2014;348:bmj.g216
  4. Schaette R, Turtle C, Munro KJ: Reversible induction of phantom auditory sensations through simulated unilateral hearing loss. PLoS One 2012; 7: e35238. CrossRef MEDLINE PubMed Central
  5. Vielsmeier V, et al.: Temporomandibular joint disorder complaints in tinnitus: further hints for a putative tinnitus subtype. PLoS One 2012; 7: e38887. 
  6. Hofmann E, Behr R, Neumann-Haefelin T, Schwager K: Pulsatile tinnitus - imaging and differential diagnosis. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(26): 451−8. DOI: 10.3238/arztebl.2013.0451
  7. Agency for Healthcare Research and Quality. Evaluation and treatment of tinnitus: Comparative effectiveness. 2013.
  8. Hoare DJ, Kowalkowski VL, Kang S, Hall DA. Systematic review and meta-analyses of randomized controlled trials examining tinnitus management. Laryngoscope 2011; 121:1555.
  9. Folmer RL, Griest SE, Meikle MB, Martin WH: Tinnitus severity, loudness, and depression. Otolaryngol Head Neck Surg 1999; 121: 48–51.
  10. Cima RF, Maes IH, Joore MA, et al. Specialised treatment based on cognitive behaviour therapy versus usual care for tinnitus: a randomised controlled trial. Lancet 2012; 379:1951.
  11. Hobson J, Chisholm E, El Refaie A.: Sound therapy (masking) in the management of tinnitus in adults. Cochrane Database Syst Rev 2010; :CD006371.
  12. Phillips JS, McFerran D. Tinnitus Retraining Therapy (TRT) for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev 2010;:CD007330.
  13. Park J, White AR, Ernst E. Efficacy of acupuncture as a treatment for tinnitus: a systematic review. Arch Otolaryngol Head Neck Surg 2000; 126:489.
  14.  Bennett M, Kertesz T, Yeung P.: Hyperbaric oxygen therapy for idiopathic sudden sensorineural hearing loss and tinnitus: A systematic review of randomized controlled trials. J Laryngol Otol. 2005 Oct;119(10):791-8.
  15. Tass PA, et al.: Counteracting tinnitus by acoustic coordinated reset neuromodulation. Restor Neurol Neurosci 2012; 2: 137–59. 
  16. http://www.tinnitus-liga.de/pages/presse/pressemitteilungen/archiv/nachrichten-zur-akustischen-cr--neuromodulation-anm.php
  17. Grapp M, et al.: Music therapy as an early intervention to prevent chronification of tinnitus. Int J Clin Exp Med 2013;6(7): 589-93. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3731192/#!po=4.16667
  18. Hilton MP, et al.: Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev. 2013. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23543524

Impressum

Diese Guideline wurde im Oktober 2014 aktualisiert.
© mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber
Redaktion (verantw.): Dr. med. Uwe Beise
Autoren: Dr. med. Sabitha Vilan, Dr. med. Felix Huber 

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