Otitis media

Erstellt von: Felix Huber, Uwe Beise|Zuletzt revidiert: 01/2014

Inhaltsverzeichnis

1. Epidemiologie

  • Bis zum 3. Lebensmonat hat jedes zehnte Kind eine Episode einer akuten Otitis media (AOM) erlitten, der Altersgipfel liegt zwischen dem 6. und 15. Lebensmonat (1).
  • Bis zum 10. Lebensjahr erleiden fast 40% aller Kinder mindestens eine AOM (1).
  • In der prospektiven LISA-Studie (2) ergab sich eine kumulative AOM-Prävalenz während der ersten sechs Lebensjahre von 61,4%. Die mittlere Zahl der Otitis-media-Episoden während der ersten zwei Lebensjahre betrug 2,2 pro Kind.
  • Im Erwachsenenalter ist eine AOM eher selten.

2. Pathogenese

  • Die OM ist eine schmerzhafte, meist bakterielle Entzündung der Schleimhäute des Mittelohres, in der Regel durch aszendierende Infektion über die Tuba Eustachii bei bestehendem oder vorangegangenem oberen Luftwegsinfekt. Virale Infektionen sind oft Wegbereiter. Durch die Tubenschwellung ist die Drainage behindert, sodass ein Durchbruch durch das Trommelfell nach aussen erfolgen kann.
  • Erreger: Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis, Pneumokokken, Streptococcus pyogenes.

3. Klinik und Diagnostik

  • Symptome: Plötzlich auftretende Ohrenschmerzen, Hörminderung, Fieber, Appetitlosigkeit, Reizbarkeit, Weinen, reduzierter AZ.
  • Diagnostik: In der Otoskopie gerötetes, gelbliches oder wolkiges Trommelfell (TF). Die Diagnose ist wahrscheinlich, wenn das TF nach aussen gewölbt und entdifferenziert ist, hinter dem Trommelfell ein Flüssigkeitsspiegel zu erkennen ist, oder ein perforiertes TF und/oder eine Otorrhoe vorliegen. Beachte: Auch bei Erkrankungen der oberen Atemwege kann das TF leicht gerötet sein. Eine ausschliessliche Rötung des TF ist kein zuverlässiges Zeichen einer AOM.
  • Komplikationen (selten): Mastoiditis**, Hörverlust (passager oder andauernd), Meningitis, Sinusthrombose, Rezidive. Beachte: Schüttelfrost kann auf eine Sepsis oder Sinusthrombose hinweisen.                    

**Mastoiditis-Zeichen: typischerweise verstärken sich die Ohrschmerzen plötzlich wieder und das Fieber nimmt zu. Das Gewebe über dem Mastoid ist geschwollen, gerötet und druckempfindlich, ausserdem steht die Ohrmuschel aufgrund der Schwellung ab, der äussere Gehörgang ist verengt. Die Kinder sind meist schwer krank –> sofortige Überweisung an einen HNO-Spezialisten! Beachte: Druckempfindlichkeit kommt aufgrund geschwollener aurikulärer Lymphknoten auch bei Erkrankungen der oberen Atemwege vor

4. Therapie

Ziel: Verkürzung und Linderung der Schmerzen und anderer Symptome und Verhinderung von Komplikationen.

4.1. Symptomatische Therapie (Analgetika)

Paracetamol und NSAR sind Mittel der Wahl zur Schmerzlinderung (4).

  • Paracetamol (z.B. Dafalgan® Sirup, Ben-u-ron® Saft). Dosierung: bei Kindern Tagesgesamtdosis max. 50 mg/kg KG. Wirkdauer: ca. 6 h. Säuglinge 3–6 Monate (4–6 kg): 4 Suppositorien à 60 mg (= 240mg); Säuglinge 6–12 Monate (7–10 kg): 4 Suppositorien à 125 mg (= 500mg); Kleinkinder 1–3 Jahre (10–15 kg): 5 Suppositorien à 125 mg (= 625mg); Kinder 3-6 Jahre (15-22 kg) : 4 Suppositorien à 250mg (=1000mg).
  • NSAR. Dosierung: Ibuprofen (Algifor® Junior, Algifor® Dolo Junior) 20-30mg/kg KG pro Tag, verteilt auf drei bis vier Einzeldosen (Wirkdauer: ca. 8 h), oder Diclofenac (Voltaren® Tropfen) 2-3mg/kg KG pro Tag (aber nicht für Säuglinge!)
    ausserdem:
  • lokale (Nasenspray oder NaCl) oder systemische Abschwellung (Rhinopront®) – ohne Evidenz aus Studien (3), erscheint aber bei gleichzeitig bestehender Rhinitis sinnvoll.
  • Pro- und Präbiotika haben keine prophylaktische Wirkung und können nicht empfohlen werden (5).

4.2. Antibiotikatherapie (4, 6-15)

  • Antibiotika führen zu einer rascheren Entfieberung und reduzieren die Schmerzdauer. Nachteile: Potenzielle Nebenwirkungen und Begünstigung von Resistenzbildung.
  • Indikation: In den meisten Fällen braucht es keine Antibiotika. Ca. 80% der AOM heilen unter symptomatischer Therapie ab. Man müsste 15-20 Kinder mit Antibiotika behandeln, damit eines von ihnen zusätzlich nach 2 bis 7 Tagen schmerzfrei ist (7).
  • mediX empfiehlt: Bei Patienten ohne Risikofaktoren mit einer unkomplizierten akuten Otitis media ist ein Zuwarten von 24-48 Stunden angemessen. Als Faustregel gilt:
    • <2J: bei intaktem TF Analgesie und Reevaluation nach 24h, bei Persistenz oder Verschlechterung → sek. AB.
    • ≥2J: bei intaktem TF Analgesie und Reevaluation nach 48h, bei Persistenz oder Verschlechterung → sek. AB.
    • Eventuell Reserveabgabe von Antibiotika an die Eltern.

Eine primäre Antibiotikatherapie kann empfohlen werden in folgenden Situationen:  

    • eitrige Otorrhoe (TF-Perforation, schlechter AZ)
    • Intaktes TF, aber bds AOM, einzig hörendes Ohr, Otitis prone-Kind, anatomische Fehlbildung, Immunschwäche.

Beachte:

    • Die Verhinderung einer Mastoiditis ist keine sinnvolle Indikation für eine primäre AB-Therapie, da diese Komplikation zu selten ist. NNT: >4000 (13).
    • Ein persistierender seröser Paukenhöhlenerguss ist normalerweise keine Indikation für Antibiotika und schleimhautabschwellende Nasentropfen (16).

Medikamente:

    • 1. Wahl: Amoxicillin 50mg/kg/d in 2(-3) Dosen, Dauer: 5 5 Tage
    • Bei fehlendem Ansprechen nach 2-4 Tagen Antibiotika-Wechsel: AM/CL (Augmentin®+Generika), Dosierung: 80-90mg/kg/d in 2 Dosen, Dauer: 5 Tage
    • Bei Penicillinunverträglichkeit:
      •  Clarithromycin (Klaciped®+Generika), Dosierung: 15mg/kg/d in 2 Dosen, Dauer: 5 Tage
      •  Cefuroxim-axetil (Zinat®), Dosierung: 10-15mg/kg/d in 2 Dosen, Dauer: 5 Tage.  

Beachte: bei Kindern <2J mit TF-Perforation od. Otitis-prone-Kind (d.h. >2 Episoden/6 Monate oder 4 Episoden/Jahr) wird auch eine 10-tägige Therapie empfohlen (vgl. www.pigs.ch). Diese ist geringfügig effektiver als die 5-tägige Kurztherapie, scheint aber nicht zwingend erforderlich (12).

5. Literatur

  1. Klein JO. Epidemiology of otitis media. Pediatr Infect Dis J 1989; 8 Suppl 1: 9.
  2. Schnabel, E, et al.: Burden of otitis media and pneumonia in children up to 6 years of age: Results of the LISA birth cohort. Eur. J. Pediatr. 2009; 168: 1251-1257.
  3. Flynn CA, Griffin GA, Schultz JK. Decongestants and antihistamines for acute otitis media in children (Cochrane Review). In: The Cochrane Library, Issue 3, 2004.
  4. DEGAM S2k-Leitlinie Ohrenschmerzen. AWMF-Registernr.: 053/009, 2014.
  5. Cohen R, et al.: Probiotics and Prebiotics in Preventing Episodes of Acute Otitis Media in High-risk Children: A Randomized, Double-blind, Placebo-controlled Study. Pediatric Infectious Disease Journal. 32(8):810-814, August 2013.
  6. Sanders S, et al.: Antibiotics for acute otitis media in children. Cochrane Review, 2010. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD000219.pub2/otherversions
  7. Venekamp RP: Antibiotics for acute otitis media in children. Cochrane Review, 2013. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD000219.pub3/abstract
  8. Tähtinen PA et al.: A placebo-controlled trial of antimicrobial treatment for acute otitis media. NEJM 2011; 364: 116– 26.
  9. Hoberman A et al.: Treatment of acute otitis media in children under 2 years of age. NEJM 2011; 364: 105–15.
  10. Klein JO: Is acute otitis media a treatable disease? NEJM 2011; 364: 168–9.
  11. Akute Otitis media: Zum Nutzen von Antibiotika. Arznei-telegramm 2011; 42:17-18.
  12. Kozyrskyj A, Klassen TP, Moffatt M, Harvey K. : Cochrane Database Syst Rev. 2010 Sep 8;(9):CD001095. doi: 10.1002/14651858.CD001095.pub2. Short-course antibiotics for acute otitis media. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20824827
  13. Thompson PL: Effect of antibiotics for otitis media on mastoiditis in children: a retrospective cohort study using the United kingdom general practice research database. Pediatrics. 2009 Feb;123(2):424-30. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19171605
  14. Koopmann, L, et al.: Antibiotic Therapy to Prevent the Development of Asymptomatic Middle Ear Effusion in Children With Acute Otitis Media. A Meta-analysis of Individual Patient Data. Arch Otolaryngol Head Neck Surg. 2008;134(2):128-132. doi:10.1001/archoto.2007.3. http://archotol.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=408149
  15. van Zon A, et al.: Cochrane Database Syst Rev. 2012 Sep 12;9:CD009163. doi: 10.1002/14651858.CD009163.pub2. Antibiotics for otitis media with effusion in children. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22972136
  16. Griffin G, Flynn CA. Antihistamines and/or decongestants for otitis media with effusion (OME) in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 9. Art. No.: CD003423. DOI: 10.1002/14651858.CD003423.pub3

6. Anhang

Abb.Otitis

Impressum

Diese Guideline wurde im Januar 2014 erstellt. © mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber

Redaktion (verantw.): Dr. med. Uwe Beise

Autoren: Dr. med. Felix Huber,  Dr. med. Uwe Beise

 

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