Hörsturz

Erstellt von: Felix Huber/Uwe Beise|Zuletzt revidiert: 03/2013

Inhaltsverzeichnis

1. Definition

  • Der Hörsturz ist eine plötzlich auftretende, in der Regel einseitige Innenohrschwerhörigkeit von unterschiedlichem Schweregrad bis hin zur Ertaubung.
  • Zusätzlich können Schwindel und/oder Ohrgeräusche auftreten.

2. Epidemologie

  • Neuerkrankungen schätzungsweise 20-300/100’000 Personen pro Jahr. Die Häufigkeit ist aber nicht gut untersucht.

3. Ätiologie

  • Die Ursache ist unbekannt. Vaskuläre und rheologische Störungen, Infektionen und zelluläre Regulationsstörungen werden als Pathomechanismen diskutiert. 

4. Symptome

Der Hörsturz tritt in der Regel einseitig auf, nur ausnahmsweise sind zeitgleich beide Ohren betroffen. Symptome (nach Häufigkeit) (1):
  • Akuter einseitiger Hörverlust
  • Tinnitus
  • Druckgefühl im Ohr
  • Schwindel
  • Hyper-/Diplo-/Dysakusis
  • Pelziges Gefühl um die Ohrmuschel (periaurale Dysästhesie)

5. Diagnostik (1, 2):

  • Es sollte stets eine Schallleitungsstörung ausgeschlossen werden (Ursachen: u.a. Cerumen, Fremdkörper, Otosklerose, Cholesteatom). 

Zur Abklärung dienen:

    • Otoskopie (ev. Ohrmikroskopie)
    • Stimmgabeltest zur groben Orientierung beim Allgemeinarzt. Weber-Test: Lateralisiert sensorineuraler Störung (Hörsturz) ins gesunde Ohr, bei Leitungsstörung in das kranke Ohr. Rinne-Test: wird Ton besser über Knochenleitung gehört, liegt eine Leitungsstörung im selben Ohr vor.
  •  Bei Anhalt für Hörsturz ist eine rasche Überweisung zum ORL-Arzt erforderlich, zur Durchführung von:
    • Tonaudiogramm (Hörminderung ≥30dB).
    • evtl. Tympanometrie und Vestibularisprüfung

Hinweis: Zur Routinediagnostik werden nicht empfohlen: Bildgebung mit CT, Labordiagnostik. 

6. Differentialdiagnosen (Auswahl)

  • Etwa 10-15 % der sich rasch entwickelnden Hörverluste haben ihre Ursache in einer anderen zugrunde liegenden Erkrankung. Mit Hörminderung können einhergehen u.a.:
    • Cerumen
    • Mittelohrbelüftungsstörungen: Tubenkatarrh, Paukenerguss (Abklärung: Weber-Versuch)
    • Morbus Menière: Rezidivierende Schwindelanfälle mit Erbrechen über Stunden, Tinnitus, Spontannystagmus und einseitiger Hörverminderung.
    • Bakterielle/virale Infektionen (Neurosyphilis, Borreliose, Zoster): sind selten; Suchtests nach Erregern nur im Verdachtsfall.
    • Vaskuläre Insuffizienz (Schlaganfall etc.)
    • Multiple Sklerose (selten im Schub ausschliesslich Hörminderung)
  • Akustikusneurinom (AN): einseitige, manchmal akute Hörverminderung bei 90% der Patienten, ausserdem Tinnitus, Gleichgewichtsstörungen, Schwindel. Laut US-amerikanischer ORL-Guideline (2) sollte Abklärung auf AN routinemässig erfolgen, da Prävalenz von AN bei Hörsturz relativ hoch ist (3-10%). 
    • Diagnostik: MRI ist am zuverlässigsten, ev. statt MRI primär Hirnstammaudiometrie oder Audiometrie-Follow up (2). Einseitige AN sind zumeist langsam wachsende Tumoren.
    • Therapie: Insbesondere bei älteren Patienten kontrolliertes Abwarten mit MRI-Kontrolle nach 6 und 12 Monaten. Bei Kindern und Jugendlichen baldige chirurgische Therapie (rasches Wachstum möglich).

7. Therapie (1-5)

  • Hörsturz verlangt keine notfallmässige Therapie.
  • Bei geringeren Hörverlusten mehrere Tage lang eine Spontanremission abwarten (watchful waiting).
  • Bei ausgeprägtem Hörverlust, vorgeschädigten Ohren sowie bei zusätzlichen vestibulären Beschwerden und/oder Tinnitus wird weiterhin zu einer Therapie geraten (1, 2). Die Studienlage ist aber sehr unbefriedigend, es gibt keine Therapie mit eindeutigem Nutzennachweis (divergierende Studienergebnissse, schlechte Studienqualität, hohe Spontanheilungstendenz).

Zur Wahl stehen

  1. Steroide systemisch innert 14 Tagen, spätestens 4 Wochen. Es gibt kein allgemein empfohlenes Dosierungsschema. Therapievorschlag: Medrol® 96mg/d über 4 Tage, dann 64mg/d über 4 Tage, dann 32mg/d über 4 Tage, abschliessend 16mg/d über 4 Tage.
  2. Evtl. alternativ Hochdosistherapie: 2-3 Tage 250 mg/d Prednisolon oder Äquivalent, bei nicht vollständigem Ansprechen anschliessend 120 mg/d für 3 Tage und weiter ausschleichen.
  3. Intratympanale Steroidtherapie: ev. eine Alternative bei Versagen der systemischen Steroidtherapie (5), im direkten Vergleich aber offenbar nicht besser als eine systemische Steroidtherapie in tiefer Dosis (6).
  4. Rheologische Therapie, Aciclovir, Plasmapherese, Antioxidantien werden nicht empfohlen.
  5. Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT): sehr umstritten, US Guideline erkennt die HBOT als mögliche Option an (2), die deutsche GL (1) empfiehlt diese Therapie nicht. 

8. Prognose

  • Günstiger Verlauf - auch bezüglich Schwindel und Tinnitus - bei isolierter Schwerhörigkeit im Tiefton- oder Mittelfrequenzbereich bzw. bei leichtgradigen Hörverlusten (vollständige Restitutio 70-90%)
  • Mit hochgradigem Hörverlust bzw. Schwerhörigkeit im Hochtonbereich verschlechtert sich die Prognose.
  • Ungünstigste Prognose bei primär an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit oder Taubheit und bei zusätzlichen objektivierbaren Gleichgewichtsstörungen.
  • Bei Hörstürzen im Tief- und Mittelfrequenzbereich ist später kontralaterale Manifestation möglich.
  • Nach etwa 2 Monaten ist mit keiner Besserung des Hörvermögens mehr zu rechnen.
  • Empfehlungen für das gesunde Ohr (insbesondere bei nicht vollständiger Restitutio): Kein Tauchen, Lärmschutzmassnahmen (7). 

9. Literatur

  1. Leitlinien der Dt. Ges. f. Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. Hörsturz (Akuter idiopathischer sensorineuraler Hörverlust), 2010.
  2. American Academy of Otolaryngology – Head and Neck Surgery: Clinical Practice Guideline: Sudden hearing loss. 2012 http://oto.sagepub.com/content/146/3_suppl/S1
  3. Conlin AE, Parnes LS. Treatment of sudden sensorineural hearing loss, I: a systematic review. Arch Otolaryngol Head Neck Surg. 2007;133(6):573-581.
  4. Labus J, Breil J, Stutzer H, Michel O. Meta-analysis for the effect of medical therapy vs. placebo on recovery of idiopathic sudden hearing loss. Laryngoscope. 2010;120(9):1863-1871.
  5. Moon IS, Lee JD, Kim J, Hong SJ, Lee WS. Intratympanic dexamethasone is an effective method as a salvage treatment in refractory sudden hearing loss. Otol Neurotol. 2011;32(9):1432-6. doi: 10.1097/MAO.0b013e318238fc43.
  6. Rauch SD, et al.: Oral vs Intratympanic Corticosteroid Therapy for Idiopathic Sudden Sensorineural Hearing Loss. A Randomized Trial. JAMA. 2011;305(20):2071-2079.
  7. Rauch SD: Idiopathic sudden sensorineural hearing loss. NEJM 2008; 359: 833-40. 

Impressum

Diese Guideline wurde im März 2013 aktualisiert.
© mediX schweiz

Herausgeber: Dr. med. Felix Huber
Redaktion (verantw.): Dr. med. Uwe Beise
Autoren: Dr. med. Felix Huber, Dr. med. Uwe Beise 

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