ICONGesundheitsfakten auf einen Blick

Faktenboxen und Faktenbilder

Wissen Sie, warum so viele Menschen Lotto spielen? Weil wir alle sehr schlecht mit Wahrscheinlichkeiten umgehen können und deshalb die Chance eines Lottogewinns massiv überschätzen.
Viele Einschätzungen und Entscheide, die Ärzte und Patienten gemeinsam treffen müssen, basieren auf Häufigkeiten und Risiken, Prozentzahlen und Wahrscheinlichkeiten.

Um unseren Patienten solche Zusammenhänge leichter verständlich zu machen, veröffentlicht mediX hier regelmässig Infografiken über Nutzen und Risiken medizinscher Eingriffe.
Hier finden Sie alle Risiko-Grafiken im Überblick.

1. Screening auf Prostatakrebs mittels PSA-Bestimmung

In der Schweiz werden pro Jahr ca. 5'700 Männer mit Prostatakrebs diagnostiziert. Mit rund 1'300 Todesfällen pro Jahr ist Prostatakrebs die zweithäufigste Krebstodesursache beim Mann. 

 

Mit der Bestimmung des Prostataspezifischen Antigens ("PSA-Wert") besteht die Möglichkeit, ein Prostatakarzinom frühzeitig zu erkennen. Doch wie steht es um den tatsächlichen Nutzen und die Risiken der Prostatakarzinom-Früherkennung?  

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Das Prostata-spezifische Antigen (PSA) ist ein im Blut messbares Eiweiss, das bei Vorliegen eines Prostatakrebses erhöht sein kann. Allerdings ist PSA nicht spezifisch für Prostatakrebs: PSA-Erhöhungen finden sich oft auch bei Entzündung oder gutartiger Vergrösserung der Prostata. In bis zu 80 Prozent der Fälle steckt hinter einem erhöhten PSA-Wert kein Krebs ("Fehlalarm"). Die Folge sind eine Vielzahl von unnötigen Biopsien (Gewebeentnahmen) ohne Krebsnachweis.

 

Zudem besteht das Risiko, dass bei der Gewebeentnahme sogenannte „Niedrig-Risiko-Tumoren“ gefunden werden, die selten zum Tod führen („Überdiagnose“). Damit verbunden steigt die Gefahr, dass sich der Patient unnötigen Krebstherapien aussetzt ("Überbehandlungen"), die nicht selten zu Impotenz und/oder Inkontinenz führen. 

2. Brustkrebs-Früherkennung durch Mammographie

In der Schweiz erkranken pro Jahr rund 5'400 Frauen an Brustkrebs und rund 1'400 Frauen sterben pro Jahr an dieser Erkrankung. Mit der Mammographie, einer speziellen Röntgenuntersuchung der Brust, können krebsverdächtige Veränderungen schon entdeckt werden, bevor sie Symptome hervorrufen. Ziel ist es, die Heilungschancen durch die Frühdiagnose zu verbessern.   

Einige Kantone bieten Mammographie-Screeningprogramme an, die sich an Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahre richten. Diese Programme gewährleisten einen hohen Qualitätsstandard - unter Einsatz modernster Röntgengeräte und besonders erfahrener Ärztinnen und Ärzte. Doch welchen Nutzen bringt die Teilnahme an dem Mammographie-Screening wirklich, und wie  gross ist der mögliche Schaden? 

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Die Analysen grosser internationaler Studien zeigen, dass durch regelmässige Teilnahme am Mammographie-Screening bestenfalls 1 von 1000 Frauen vor dem Brustkrebs-Tod bewahrt wird. Werden, wie in unserer Darstellung, nur die qualitativ hochwertigsten Studien zum Thema Mammographie-Screening berücksichtigt, ist die Sterblichkeit in der Screening-Gruppe sogar gleich hoch wie in der Kontrollgruppe.

Das Mammographie-Screening weist zudem gravierende Nachteile auf: So erhält etwa jede zehnte Frau nach 5 Screeningrunden mindestens einen auffälligen Röntgenbefund, der sich bei weiteren Untersuchungen als Fehlalarm herausstellt. Für die Frauen kann die Zeit des Wartens bis zur Entwarnung eine erhebliche psychische Belastung bedeuten.

Zudem werden mit dem Mammographie-Screening auch langsam wachsende Tumore entdeckt, die nie zu einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung voranschreiten. Da man die weitere Tumorentwicklung jedoch nicht sicher voraussagen kann, werden auch Frauen mit einem wenig aggressiven Tumor behandelt, obwohl dies nicht nötig gewesen wäre. 

 

Angesichts des allenfalls geringen Nutzens und des potenziellen Schadens geben wir keine allgemeine Empfehlung zur Teilnahme am Mammographie-Screening. Frauen, die den Wunsch nach einer Brustkrebsfrüherkennung haben, sollten neutral über Nutzen und Risiken informiert werden. 

Eine andere Situation ist gegeben bei Frauen mit erhöhtem Risiko (mindestens zwei Fälle von Brustkrebs in der direkten Verwandtschaft und/oder bekanntes Brustkrebsgen). Ihnen wird das Mammographie-Screening bereits ab dem 40. Lebensjahr alle 2 Jahre empfohlen, bei bekannter BRCA1/BRCA2-Mutation bereits ab dem 30. Lebensjahr. 

3. Lungenkrebs-Früherkennung

Lungenkrebs ist in der Schweiz die häufigste Krebs-Todesursache. Er wird in der grossen Mehrzahl der Fälle durch langjähriges Rauchen hervorgerufen. Wer 20 Jahre täglich 20 Zigaretten raucht, weist ein etwa 20-fach höheres Lungenkrebsrisiko auf als ein Nichtraucher. 

Da die Frühzeichen eines Lungenkrebses unspezifisch sind, wird die Erkrankung meist erst in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert, die Heilungschancen sind dann gering. Deshalb wäre es sinnvoll, den Lungenkrebs bereits in einem frühen Stadium zu entdecken und somit die Behandlungschancen deutlich zu verbessern. 

Mit Hilfe der strahlenarmen Computertomographie, meist Low dose-CT (LDCT) genannt, können prinzipiell bereits kleine Lungenkrebsherde erkannt werden. Lässt sich also bei starken Rauchern durch regelmässiges LDCT-Screening die Zahl der Todesfälle verringern? Und mit welchen Risiken ist diese Früherkennungsmassnahme verbunden? Erste Auskünfte darüber liefert eine gross angelegte US-amerikanische Studie, deren Ergebnisse wir hier vorstellen. 

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Diese Studie zeigt, dass ein Low-Dose-CT (LDCT)-Screening bei starken RaucherInnen im Alter von 55-74 Jahren die Zahl der Todesfälle an Lungenkrebs leicht reduzieren kann (3 von 1000 gescreente Personen). Nachteilig ist, dass sehr viele Befunde falsch positiv sind. Diese PatientInnen durchleben also eine Zeit der Verunsicherung und Angst, ehe sie nach verschiedenen Zusatzabklärungen Gewissheit erlangen, dass es sich um einen Fehlalarm handelte.

Die Grösse des Schadens durch die Strahlenbelastung auf Grund der Screening-CTs und der Zusatzuntersuchungen ist noch nicht geklärt. Ebenfalls unklar ist, ob RaucherInnen sich auf Grund des Screenings in falscher Sicherheit wähnen und ihr Wille zum Rauchstopp geschwächt wird.

 

Eine Expertenkommission aus Pneumologen, Radiologen, Thoraxchirurgen und Epidemiologen aus den fünf Schweizer Universitäten hat sich anfangs 2016 für eine "kontrollierte Einführung" eines Lungenkrebs-Screenings mittels LDCT eingesetzt. Zum jetzigen Zeitpunkt sollten aus Sicht dieser Expertengruppe keine Personen für ein Lungenkarzinom-Screening überwiesen und kein LDCT-Screening angeboten werden. Einheitliche Standards für ein solches Screening sind noch nicht entwickelt und es gibt noch kein schweizweites Screening-Register.

4. Perkutane koronare Intervention (PCI) bei stabiler KHK

Die koronare Herzkrankheit (KHK) ist die häufigste Todesursache in der Schweiz. Die Erkrankung wird durch eine arteriosklerotische Verengung der Herzkranzgefässe verursacht. Folgen können Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche oder ein Infarkt sein. Mit Hilfe einer Perkutanen Koronarintervention (auch Ballondilatation genannt) lassen sich durch Einführen eines Herzkatheters verengte oder verschlossene Herzkranzgefässe erweitern bzw. wieder eröffnen. 

Bei diesem Prozedere können auch kleine Gitterschläuche (Stents) in das verengte Herzkranzgefäss eingelegt werden, um dieses offen zu halten. Die PCI kann bei einem akuten Herzinfarkt als Notfallmassnahme lebensrettend sein. Wie gross aber ist der Nutzen dieses Eingriffs bei Patienten, die eine stabile KHK haben? Hat die PCI hier wirklich einen Vorteil gegenüber einer alleinigen Behandlung mit Medikamenten? Sehen Sie dazu die Ergebnisse der nachfolgend dargestellten Studie. 

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Patienten mit einer stabilen koronare Herzkrankheit werden grundsätzlich mit Medikamenten behandelt. Die medikamentöse Therapie sollte möglichst optimal eingestellt werden. Durch eine zusätzliche Behandlung mit einer PCI lassen sich nicht mehr   Todesfälle (durch Herzerkrankung oder andere Ursachen), Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindern.

Positive Effekte sind allein bei Patienten mit Angina pectoris zu erwarten: Etwa 80 von 1000 Patienten erfahren eine deutliche Linderung ihrer Beschwerden – und zwar für eine Zeit von etwa 3 Jahren.

 

Nützlich ist die PCI somit bei PatientInnen, die sich bei ausgeschöpfter medikamentöser Therapie von ihren Angina Pectoris-Symptomen so beeinträchtigt fühlen, dass sie die Risiken und Unannehmlichkeiten eines Eingriffs für die Aussicht auf eine Beschwerdelinderung in Kauf nehmen. Den Betroffenen muss bei ihrer Entscheidung klar sein, dass die Lebenserwartung und die Wahrscheinlichkeit künftiger Herzinfarkte mit oder ohne PCI gleich gross sind.

Bei beschwerdefreien PatientInnen mit koronarer Herzkrankheit kann ein Eingriff an den Herzkranzgefässen keinen Nutzen bringen.

5. Weiterrauchen oder aufhören?

Regelmässiger Tabakgenuss fügt der Gesundheit massiven Schaden zu. Das wissen natürlich auch Raucher – nicht erst, seit Zigaretten-packungen mit Warnhinweisen und schockierenden Fotos bedruckt sind.

Tatsächlich stellt das Zigarettenrauchen in der Schweiz das grösste Gesundheitsrisiko überhaupt dar, Tabakkonsum ist die wichtigste Ursache für einen frühen Tod durch Herz-, Lungen- und Krebs-erkrankungen.  

An den Folgen des Rauchens sterben in der Schweiz mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, AIDS, Alkohol, illegale Drogen, Morde und Suizide zusammen. 

Viele Raucher stellen sich deshalb die Frage, ob sie der Gesundheit zuliebe nicht doch besser mit dem Rauchen aufhören sollten. Was die Entscheidung "Weiterrauchen oder Rauchstopp" für die Lebens- erwartung bedeutet, zeigt eine Studie, deren Ergebnisse wir für Sie hier veranschaulichen. 

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Die Zahlen der Studie halten eine gute und eine schlechte Nachricht bereit.

Die schlechte Nachricht: Wer dauerhaft nicht vom Glimmstengel lassen kann, bezahlt oft einen hohen Preis durch den Verlust vieler Lebensjahre. Das gilt besonders für starke Raucher, aber auch für Menschen, die weniger oft zur Zigarette greifen: In der Gruppe der "Schwach-Raucher", die 1-15 Zigaretten pro Tag rauchen, erleben 300 von 1000 das 70. Lebensjahr nicht, im Vergleich zu 200 von 1000 Nichtrauchern (Schweizer Zahlen, hier nicht bildlich dargestellt). 

Die gute Nachricht: Es lohnt sich, mit dem Rauchen aufzuhören! Selbst wer sich erst in höherem Lebensalter für ein nikotinfreies Leben entscheidet, profitiert durch den Zugewinn an Lebensjahren. Man kann ohne weiteres sagen: Keine andere Präventionsmassnahme ("Gesundheitsvorsorge") ist so wirksam wie der Rauchstopp. 

 

6. Was bringen Check-ups?

Unter Check-up versteht man eine periodische Allgemeinuntersuchung bei Menschen, die sich gesund fühlen. Ziel ist die Früherkennung bislang symptomloser Krankheiten, das Aufspüren von gesundheitlichen Risikofaktoren und verhaltensbedingten Gefährdungen.

Check-up-Untersuchungen sind zunehmend beliebt. Allerdings 

müssen auch sie auf ihren Nutzen und Schaden geprüft und hinterfragt und die PatientInnen entsprechend beraten werden. 

Forscher des renommierten Kopenhagener Cochrane Zentrums haben einschlägige Studien ausgewertet, um Nutzen und Risiken von Check-ups zu ermitteln. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit präsentieren wir Ihnen in den nachfolgenden Darstellungen.

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Regelmässige Check-up-Untersuchungen scheinen nur von sehr begrenztem Nutzen zu sein. Allerdings geben die Studien wahrscheinlich die Möglichkeiten der Vorsorge nicht ganz zutreffend wieder. So ist bekannt, dass bevorzugt Personen an Check-ups teilnehmen, die insgesamt gesundheitsbewusster leben und von vornherein geringere Gesundheitsrisiken mitbringen. 

Check-up-Untersuchungen können auch negative Effekte haben, wie Überdiagnose, Überbehandlung, Auslösen von Angst und Unsicherheit. Diese negativen Folgen wurden in den bisherigen Studien kaum untersucht.

 

Ein ausführliches Gespräch und eine gründliche Untersuchung bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt können manchmal ein gesundheitliches Risiko (-verhalten) bewusst machen. Auch kann es für die Zukunft hilfreich sein, wenn Ihr Hausarzt oder Ihre Hausärztin mit Ihrer persönlichen und medizinischen Vorgeschichte gut vertraut ist. Dazu braucht es keine teuren apparativen Untersuchungen. Wann und bei wem welche Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind, haben wir in unserem mediX Gesundheitsdossier Check-up aufgelistet, das Sie hier finden: http://www.medix.ch/wissen/gesundheitsdossier.html.

7. Cholesterinsenkende Medikamente für Gesunde?

Zu viel Cholesterin im Blut kann für Herz und Gefässe schädlich sein. Vor allem ein erhöhter LDL-Cholesterinspiegel ("böses Cholesterin") gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Patienten, die z. B. an Koronarer Herzkrankheit leiden oder bereits einen Herzinfarkt durchgemacht haben, wird deshalb grundsätzlich ein cholesterinsenkendes Statin verordnet – sogar wenn der Cholesterinspiegel normal ist. Der Nutzen dieser Behandlung ist in umfangreichen Studien nachgewiesen.

Was aber bedeutet ein erhöhter Cholesterinspiegel bei (herz)gesunden Menschen? Dieser Laborbefund allein ist – ausser bei massiver Cholesterinerhöhung – nicht sehr wichtig. 

Ihr Arzt oder Ihre Ärztin wird dann zunächst untersuchen, ob weitere Risikofaktoren vorhanden sind. Risikofaktoren sind ein Bluthochdruck, ein Diabetes, eine familiäre Veranlagung oder ein ungesunder Lebensstil. Erst in der Gesamtschau lässt sich das individuelle Risiko ermitteln und ein allfälliger Therapieentscheid treffen. 

Können Statine auch gesunde Menschen vor einer Herz-Kreislauf-Erkrankung schützen? Die unabhängige Cochrane Collaboration hat hochwertige Studien zu diesem Thema ausgewertet. Die wichtigsten Ergebnisse präsentieren wir in den nachfolgenden Darstellungen.

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Die Studien zeigen, dass Statine zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Hirnschlag auch bei Gesunden wirksam sein können. Dabei gilt der Grundsatz: Je höher das Herz-Kreislauf-Risiko, desto grösser der Nutzen der Statinbehandlung. 

Bevor Medikamente an Gesunde verschrieben werden, sollten Nutzen und Risiken besonders streng abgewogen werden. Statine sind insgesamt sichere und gut verträgliche Medikamente. Allerdings haben auch sie Nebenwirkungen: So treten beispielsweise bei etwa 5-10 Prozent Muskelschmerzen oder Muskelentzündung auf. Statine können ausserdem die Entwicklung eines Diabetes beschleunigen, wenn dazu schon eine entsprechende Veranlagung besteht.

 

Menschen mit einem geringen oder mittleren Risiko profitieren nur selten von der Statintherapie. Trotzdem müssen auch sie mit den möglichen Nebenwirkungen rechnen. Bei geringem oder mittlerem Risiko empfiehlt mediX keine vorbeugende Statintherapie. Bei Menschen mit hohem Risiko können Statine hingegen eine sinnvolle Behandlungsoption sein. 

Bevor Sie jedoch Medikamente einnehmen, sollten Sie versuchen, ihre Lebensweise anzupassen. Ausgewogene Ernährung, Nichtrauchen und ein aktiver Lebensstil sind die besten Vorsorgemassnahmen.